Policen entschlüsselt So funktionieren Kfz-Versicherungstarife

Welche Faktoren bestimmen die Beitragshöhe von Autoversicherungen? Die große Übersicht, basierend auf über 140.000 Tarifauskünften.
Der Spiegel

Manchmal reicht ein Begriff, um die Komplexität eines Themas auszudrücken. Schadenfreiheits-Rabattübertragung zum Beispiel. Das dahinterstehende Prinzip ist eigentlich einfach: Eine Fahrerin oder ein Fahrer ist lange unfallfrei geblieben und überlässt den bei der Versicherung erworbenen Vertrauensbonus einem anderen Familienmitglied. Davon profitiert dann etwa jemand, dessen oder deren Großeltern sichere Autofahrer waren.

Das Beispiel illustriert nur eine von vielen Eigenheiten von Kfz-Versicherungen. Wer auf Vergleichsportalen die Angebote vergleichen möchte, der muss, je nach Ausgangssituation, 40 bis 80 Dialogfelder ausfüllen. Auf die Höhe der Versicherungsbeiträge können nahe liegende Angaben wie die Fahrerfahrung und die Unfallhistorie Einfluss haben, aber auch Zahl und Alter minderjähriger Kinder im Haushalt, der ausgeübte Beruf oder ob der Fahrzeugkauf in bar oder per Kredit finanziert wurde.

Die komplexe Struktur der Versicherungstarife soll zur möglichst passgenauen Ermittlung des Risikos für jeden Fahrer dienen. Das klingt gut, hat aber auch Nebenwirkungen: Es kursieren alle Arten von Tipps, deren Logik sich nicht immer sofort erschließt ("Den Zweitwagen am besten so früh wie möglich auf die Kinder zulassen"). Außerdem erschwert das Dickicht der Tarife die Überprüfung, ob es dabei (bewusst oder unbewusst) zu Ungleichbehandlungen kommt.

Um Licht in den Dschungel der Kfz-Tarife zu bringen, hat der SPIEGEL auf der Plattform Check24  Tarifvergleiche für 2300 verschiedene Konstellationen angestellt. Als Resultat flossen insgesamt über 140.000 Tarifauskünfte in die folgende Auswertung ein und ermöglichen so einen tiefen Einblick in die Tarifgestaltung von Kfz-Versicherern.

Methodik

Hinter jedem Versicherungsangebot steht eine Risikoabschätzung der Versicherung. Dem Risiko, dass ein Versicherter einen Schaden verursacht, wird ein Preisschild in Form der Beitragshöhe verpasst. Unter den größten Einflussfaktoren auf die Höhe der Versicherungsprämien sind folglich auch keine großen Überraschungen:

Fahrzeugmodell

Basierend auf den Schadenssummen der vergangenen drei Jahre stuft der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) versicherungsübergreifend jedes in Deutschland zugelassene Fahrzeugmodell in eine von bis zu 25 sogenannten Typklassen ein. Das Unfallgeschehen aller Fahrerinnen und Fahrer eines Modells bestimmt so die zukünftigen Versicherungskosten mit.

Die Höhe der Versicherungsbeiträge unterscheidet sich je Modell mitunter erheblich. Insbesondere für Personen, die ohnehin hohe Beiträge zahlen (sehr junge Menschen und Fahrer mit mehreren, bei der Versicherung gemeldeten, Vorschäden), ist es dementsprechend ratsam, beim Fahrzeugkauf auch die Versicherungskosten zu berücksichtigen. Für eine schnelle Abschätzung empfiehlt es sich, die Typklassen-Einstufung der in Frage kommenden Modelle zu vergleichen. Nutzen Sie hierfür für die häufigsten Automodelle die unten stehende Tabelle oder die Gesamtübersicht des GDV . Bei neuen Modellen bieten Vorgänger- oder ähnliche Modelle mit vergleichbarer Motorisierung die beste Orientierung.

Da die Typklassen bei den einzelnen Versicherungen einen unterschiedlich starken Einfluss auf die Beitragshöhe haben, empfiehlt sich insbesondere bei größeren Änderungen der Typklasse ein erneuter Preisvergleich und gegebenenfalls der Anbieterwechsel.

Insgesamt gilt: Je geringer die Schäden ausfallen, desto niedriger die Klasse und desto niedriger der Versicherungsbeitrag. Wie einzelne Fahrzeugmodelle eingestuft werden, können Sie in der folgenden Tabelle erkunden:

Ob die Versicherungsunternehmen von diesen Typklassen abweichen, bleibt ihnen überlassen und hängt auch mit dem Alter oder dem Wert des Fahrzeugs zusammen. Das zeigt sich auch im folgenden Beitragsvergleich der von uns getesteten Fahrzeugmodelle. Unter den Klein- und Mittelklassefahrzeugen mit eher geringer Motorisierung ist nicht etwa der VW Golf mit Typklasse 13 am günstigsten zu versichern, sondern der Skoda Citigo mit der eigentlich teureren Typklasse 15. Bei neueren und stärker motorisierten Fahrzeugen entspricht der Anstieg der Beiträge hingegen der Einstufung in die Typklassen. Die Jahresbeiträge steigen mit zunehmender Motorisierung und zunehmendem Fahrzeugwert.

Wohnort

Neben dem spezifischen Risiko, das für jeden Fahrzeugtyp ermittelt wird, bildet der GDV jährlich auch die sogenannten Regionalklassen. Für jeden Zulassungsbezirk wird hier die Schadensbilanz des vergangenen Jahres ermittelt. Je schlechter diese ausfällt, desto höher die Regionalklasse und desto teurer auch die Versicherung.

Grundsätzlich steht hinter den Regionalklassen die Annahme, dass der größte Teil der gefahrenen Strecke rund um den Wohnort zurückgelegt wird und so dem dortigen Schadensaufkommen Rechnung getragen wird.

Betrachtet man die durchschnittliche Beitragshöhe für einzelne Städte in Regionen mit niedriger (Kitzingen), mittlerer (Frankenberg) und hoher Regionalklasse (Marktoberdorf), zeigt sich allerdings, dass die Regionalklassen allein noch nicht wirklich aussagekräftig sind. Obwohl Kitzingen bei Teilkaskoversicherungen in einer niedrigeren Regionalklasse liegt als Frankenberg, sind die Beiträge hier teurer als in Frankenberg.

Die mutmaßliche Ursache: Viele Versicherer arbeiten inzwischen mit kleinräumigen Beitragsunterschieden nach Postleitzahl. Ein Blick in ausgewählte Großstädte zeigt, wie sehr die Versicherungskosten auch innerhalb der Städte schwanken.

Alter und Fahrpraxis

Junge, unerfahrene Fahrer, aber auch sehr alte Menschen verursachen höhere Versicherungsschäden pro Kopf. Dies spiegelt sich auch in der Beitragshöhe der Versicherungen wider.

18-jährige Fahrer, die ihr Auto selbst versichern, zahlen durchschnittlich rund 2,5-mal mehr als Versicherungsneukunden in ihren Dreißigern oder Vierzigern. Die Versicherungen verlangen von ihnen einen Risikozuschlag, und sie profitieren auch nicht von einer besseren Ersteinstufung in eine Schadenfreiheitsklasse (SF-Klasse), wie sie viele Versicherer Neukunden bei mindestens drei Jahren unfallfreiem Führerscheinbesitz gewähren. Am günstigsten sind Versicherungen für Menschen zwischen 25 und 65 Jahren, deutlich teurer wird der Abschluss einer neuen Versicherung mit zunehmendem Alter für Senioren.

Fahranfänger können gegebenenfalls von Versicherungsrabatten in der Familie profitieren. Sind beispielsweise die Eltern durch unfallfreie Jahre in günstigere Schadenfreiheitsklassen eingestuft, so bietet es sich an, das Auto zunächst als Zweitwagen der Eltern zu versichern. Entsprechend der Jahre des Führerscheinbesitzes können später dann Schadenfreiheits-Rabatte auf die Kinder übertragen werden. Beispielsweise aus der Zeit der Zweitwagen-Nutzung oder etwa, wenn Großeltern nicht mehr Auto fahren und ihren Schadenfreiheits-Rabatt abgeben.

Wer sich als Fahranfänger doch selbst versichert, kann unter Umständen mittels Telematik-Tarif sparen. Versicherer zeichnen dabei das Fahrverhalten der Kunden auf und gewähren bei einer umsichtigen Fahrweise bis zu 30 Prozent Rabatt. Voraussetzung für die Nutzung eines entsprechenden Tarifs ist die Bereitschaft, eigene Fahrten mitschreiben und pseudonymisiert auswerten zu lassen. Wie das Fahrverhalten schließlich bewertet wird, unterscheidet sich stark je Anbieter.

Weitere Rabatte bieten manche Versicherungen für die Teilnahme am begleiteten Fahren ab 17 Jahren sowie für das Absolvieren eines Fahrsicherheitstrainings.

Das Alter des Fahrers gehört damit eindeutig zu den Faktoren, die die Höhe des Beitrags am stärksten bestimmen. Viel stärker übrigens als die reine Fahrerfahrung. Variiert man nicht das Alter des Versicherungsnehmers, sondern (bei einem konstanten Alter von 46 Jahren) die Fahrerfahrung, ergibt sich folgendes Bild:

Auch hier sieht man erhebliche Unterschiede. Wer den Führerschein erst kürzlich erworben hat, zahlt grob ein Drittel bis die Hälfte mehr als erfahrene Fahrer. Dennoch liegen die Zuschläge hier niedriger als bei der Unterscheidung nach Alter. 

Unfallhistorie

Aus Sicht der Versicherer dürfte die bisherige Unfallhistorie eines Fahrers zu den aussagekräftigsten Faktoren zählen, wenn es um die Einschätzung des persönlichen Risikos geht. Abgebildet wird dies in den Tarifmodellen über die SF-Klasse. Wer nicht über mehrjährige Fahrerfahrung verfügt und noch nie eine Autoversicherung hatte, steigt üblicherweise in die SF-Klasse 0 ein und zahlt einen Beitragssatz von 100 Prozent.

Mit jedem unfallfreien Jahr steigt die Versicherungsnehmerin dann in eine höhere SF-Klasse auf und bekommt entsprechende Rabatte auf den Beitragssatz. Bei Unfällen hingegen erfolgt eine Rückstufung. Die meisten Versicherungen arbeiten mit 39 SF-Klassen und gewähren unterschiedliche Rabatte je nach Klasse. Beispielhaft hier die Rabattstaffel der BavariaDirekt-Versicherung:

Jährliche Fahrleistung

Der letzte Faktor, der einen wirklich starken Einfluss auf die Beitragshöhe hat, ist die jährliche Fahrleistung. Klar, wer mehr unterwegs ist, hat auch ein höheres Risiko, an einem Unfall beteiligt zu sein. Berechnet man die durchschnittliche Abweichung der Beitragshöhe je Versicherer und Fahrleistung, so zeigen sich durchaus erhebliche Unterschiede.

Wenn einzelne Unternehmen hohe Zuschläge für Vielfahrer erheben, dann ist das nicht per se negativ für Verbraucher. Dadurch kann das Unternehmen nämlich günstige Konditionen für Wenigfahrer anbieten. Und auch wer viel fährt, dem stehen durch die große Vielfalt an Anbietern und Tarifen zahlreiche Angebote zur Verfügung, die bei hoher Fahrleistung eher geringe Zuschläge erheben.

Bei der jährlichen Fahrleistung sollten Sie realistische Angaben machen. Setzen Sie diese zu hoch an, so zahlen Sie höhere Beiträge als notwendig. Setzen Sie diese zu niedrig an, drohen im Schadensfall Nachforderungen oder gar Strafzahlungen. Rechnen Sie am besten die zu erwartende Fahrleistung aus Ihren regelmäßigen Strecken oder anhand von Erfahrungen aus den letzten Jahren aus. Legen Sie im Lauf des Jahres deutlich mehr Kilometer zurück als geplant, zeigen Sie dies Ihrer Versicherung an. Rückerstattungen für weniger gefahrene Kilometer gibt es hingegen nur bei sehr wenigen Tarifen, die kilometergenau abrechnen.

Zusammenfassung

Die entscheidenden Merkmale zur Berechnung der Beitragshöhe von Kfz-Versicherungen sind: das Fahrzeugmodell, der Wohnort, das Alter und die Fahrpraxis des Versicherungsnehmers, dessen Unfallhistorie und schließlich die jährliche Fahrleistung. Was sich zwischen den einzelnen Versicherern unterscheidet, ist deren Gewichtung. Jede Versicherung versucht für sich, das Risiko für jeden Kunden möglichst genau zu ermitteln und berechnet daraus die Beitragshöhe.

Wie Sie mittels dieser beim Abschluss einer Kfz-Versicherung sparen können, haben wir hier  für Sie aufbereitet.

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