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14. Juli 2018, 10:49 Uhr

Land-Rover-Umbau

Dampf ab!

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Alternative Antriebe im Auto sind schwer im Kommen. Ein technikverliebter Engländer folgt dem Trend - allerdings mit einem eigenwilligen Kraftstoff, der seinen Wagen weit in die Vergangenheit schickt.

Auf den ersten Blick ist es einfach nur ein roter Land Rover, der da in einer Einfahrt irgendwo in England steht. Betrachtet man den Wagen von hinten, fällt, wenn überhaupt, nur die große blaue Plastiktonne auf der Ladefläche ins Auge. Die Front ist jedoch alles andere als Standard: Auf der Motorhaube des Land Rovers thront ein Dampf speiender Kamin, halb Geländewagen, halb Dampflok.

Am Steuer sitzt Frank Rothwell, ein Rentner aus der Nähe von Manchester. Er hat den Dampf-Geländewagen in mühsamer Arbeit gebaut. "Ich habe einfach eine Leidenschaft für Technik, ich repariere und baue gern Dinge", erklärt er. Deshalb besuchte immer wieder Treffen für dampfbetriebene Fahrzeuge.

Tausend Stunden bis zum Dampf-Lkw

Dort entdeckte er kleinere Nachbauten verschiedener Dampf-Lkw. "Ich dachte, die Leute, die sie gebaut haben, wären fantastische Ingenieure", erinnert er sich. "Ich hatte ja keine Ahnung, dass es dafür Bausätze gibt, die ich in meiner Garage zusammensetzen kann." Bis er bei einem Treffen einen Stand sah, an dem solche Bausätze verkauft wurden - Frank Rothwell schlug sofort zu und kaufte einen Satz für einen Dampf-Lkw der Marke Forden von 1910, Maßstab 1:2.

Tausend Arbeitsstunden später war der Lkw fertig, wenig später hatte er eine Straßenzulassung. Doch da war Rothwell gerade erst auf den Geschmack gekommen: "Ich stand kurz vor der Rente und wollte etwas Ähnliches machen." Warum also nicht ein Auto mit Dampfantrieb bauen, dachte er sich.

Hauptsache nicht brennbar

Kurzerhand machte sich der Rentner auf die Suche nach einem passenden Wagen, die Wahl fiel auf einen 50 Jahre alten Land Rover. Weil der Wagen über eine simple Technik verfügt und sich damit leichter umbauen lässt. Doch letztendlich sprach vor allem eine sehr spezielle Eigenschaft für den Offroader: "Der Land Rover hat keine brennbaren Teile wie Polsterung oder Dämmmaterial, das macht ihn zu einem idealen Testwagen für die Dampfmaschine."

Also maß Frank Rothwell die Maschine seines Dampf-Lkw aus, baute ein Holzmodell und verglich es mit dem Motorraum eines Land Rover - und mit ein paar Änderungen hier und da schien die Transplantation möglich. Weitere 200 Stunden später war der Land Rover fertig, Motor und Frontdifferenzial mussten einer Dampfmaschine weichen.

27 PS - wenn überhaupt

Dadurch ist der Land Rover nicht nur deutlich schwerer, sondern auch nur noch mit Heckantrieb unterwegs - und nicht gerade ein Kraftpaket, erklärt Rothwell. "Die genaue Leistung weiß ich nicht, aber sie liegt irgendwo zwischen 15 und 20 Kilowatt." Das wären zwischen 20 und 27 PS, die reichen beim Land Rover für maximal 50 km/h - im Straßenverkehr erreicht der Wagen die jedoch nie, denn auf britischen Straßen gilt für dampfbetriebene Fahrzeuge ein Tempolimit von 15 Meilen pro Stunde, rund 24 km/h.

"Aber bis es losgehen kann, dauert es zwei Stunden", sagt Rothwell und lacht. Zuerst müsse man unter dem Heizkessel ein kleines Feuer mit einem Paraffinblock und kleinen Holzstücken entzünden, nach ein paar Minuten kämen dann zehn Schaufeln Kohle dazu. "Dann schaufelt man konstant mehr Kohle in den Boiler, damit sich alles langsam erwärmt. Je heißer er wird, desto schneller geht es auch", erklärt Rothwell.

Knapp ein halbes Kilo Kohle für einen Kilometer

Sobald der Land Rover läuft, braucht er rund zehn Kilo Kohle pro Stunde - je nachdem, wie man eben fahre, so Rothwell. Das viel größere Problem sei dagegen der Wasserverbrauch, erklärt er: "Man muss permanent auf den Wasserstand achten - aber sobald man fährt, gibt es auch so viele andere Dinge zu beachten." Wird der Kessel leer, geht nichts mehr: Dann verhindere eine Schmelzsicherungsschraube die Explosion des Dampfkessels, erklärt Frank Rothwell: "Das ist eine Messingschraube mit einem Bleikern. Wird der Kessel zu heiß, schmilzt das Blei, und durch das Loch löscht der Dampf das Feuer."

Sieben solcher Schrauben habe er bisher durchgebrannt, sagt Rothwell lachend, schuld seien die Hügel im Nordwesten Englands. Aber auch der hohe Wasserverbrauch: "Man muss spätestens nach einer Meile halten, um Wasser nachzufüllen", erklärt er. "Aber ich will damit ja keine Tagesreisen unternehmen, also ist das kein Problem."

Stehen bleiben statt kuppeln

Regelmäßig stehen bleiben muss man mit dem Dampfauto ohnehin. Nicht nur der Motor, auch das Getriebe stammt aus dem Dampf-Lkw und hat so seine Besonderheiten: Es gibt drei Gänge, je einen für steile Anstiege, Hügel und flaches Terrain. Doch einfach schalten geht nicht - für einen Gangwechsel muss Rothwell jedes Mal stehen bleiben. Auch einen Rückwärtsgang sucht man vergeblich: "Um rückwärtsfahren zu können, muss man den Motor rückwärts laufen lassen", erklärt er.

Kompliziert sei das alles aber nicht, wiegelt der Rentner ab - nur eben ungewohnt. Noch vor zwei Jahren habe er nichts über Dampfmaschinen gewusst und sich alles nach und nach selbst beigebracht. "Das ist nicht schwierig, nur eine andere Art, sich fortzubewegen. Man braucht einfach etwas mehr Geduld", sagt er.

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