Oldtimer-Rallye Le Jog Vollgas durch Britanniens Matsch und Modder

Viel Schlamm, kaum Schlaf: Teilnehmer der Oldtimer-Rallye Le Jog gehen auf 2500 Kilometern an ihre Grenzen. Unser Autor pflügte mit einer alten G-Klasse von Cornwall nach Schottland, dirigiert von einer Vollgasveteranin.

Daimler

Aus John O'Groats berichtet


"Rechts? Links? Geradeaus? Ich habe keine Ahnung!" Normalerweise lässt sich Ellen Lohr durch nichts aus der Ruhe bringen. Schließlich ist die Vollgasveteranin zigmal die legendäre Rallye Dakar gefahren und hat auch dort immer ihren Weg gefunden.

Doch an diesem stockfinsteren Morgen irgendwo bei Loch Ness ist sie kurz vor dem Verzweifeln. Der sonst so freundliche, ruhige Ton wird schärfer und lauter. Seit bald 20 Stunden kauert sie auf dem Beifahrersitz der forstgrünen Mercedes G-Klasse aus dem Jahr 1983.

Auf den Knien liegt eine Landkarte, die so detailliert ist, dass man fast jedes Gartentor darauf erkennen kann. Mit der einen Hand hält sie die Kopflupe, die die Karte taghell beleuchtet, ohne den Fahrer zu blenden. In der anderen Hand klemmt eine Dose Red Bull. Lohrs Augen sind ständig auf die roten Leuchtziffern von Stoppuhr und Streckenzähler gerichtet.

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Oldtimer-Rallye Le Jog: Durch Matsch und Modder

Und doch hat sie keine Ahnung, wo es langgeht - und ich als ihr Fahrer natürlich auch nicht. Genauso wenig wie die Insassen der anderen Oldtimer, die in stockfinsterer Nacht über Waldwege knattern.

Aussteigen ist auch keine Option: Weil es bitterkalt ist, weil viel Schlamm auf der Schotterpiste liegt, weil es in Strömen regnet, weil es morgens um drei im schottischen Nirgendwo auch niemanden gibt, den man nach dem Weg fragen könnte.

Willkommen bei Le Jog. Willkommen bei der wahrscheinlich härtesten Oldtimer-Rallye der Welt.

Prüfung für Mensch und Material

Trotz allem hat Lohr noch ein Lächeln auf den Lippen. Und so ist es auch in den anderen Wagen, wie dem alten Saab 900, dem MG B, dem Porsche 911, dem Classic Mini oder dem Strich-Achter-Mercedes-Taxi aus Graubünden: Überall sieht man übernächtigte und ratlose, aber strahlende Gesichter. Denn wegen der Strapazen sind sie alle hier.

Gemessen an Le Jog sind normale Oldtimer-Rallyes bessere Kaffeefahrten. Die Tour durch Britannien ist eine schwere Prüfung für Mensch und Material, viel intensiver als die Mille Miglia - auch wenn dort schneller gefahren wird.

Schließlich führt die in diesem Winter zum 24. Mal ausgetragene Le Jog über 2500 Kilometer Nebenstraßen, Schotterpisten und Feldwege von Land's End im Südwesten Englands nach John O'Groats im Nordosten Schottlands. Keine acht Stunden ist es hell am Tag. Nachts werden die Straßen spiegelglatt. Und falls es ausnahmsweise nicht regnet, schneit es gern mal.

An Schlaf und Essen ist kaum zu denken

Bei diesem Höllenritt bekommt man höchstens zwei, drei Stunden Schlaf pro Nacht. Oder weniger - wenn man wie wir in dieser untermotorisierten G-Klasse unterwegs ist. Das Modell ist meilenweit entfernt von dem leistungsstarken Luxuslaster, zu dem sich der Vierkant aus Graz in seinen knapp 40 Jahren entwickelt hat.

Wo es heute bis zu 585 PS AMG G63 mit 4,0 Liter großem V8-Turbo gibt, müssen auf der Rallye magere 158 PS aus einem 2,8-Liter-Sechszylinder reichen. Mit dem dauert das Beschleunigen ewig - auch, weil der Wagen 2,5 Tonnen wiegt und den Luftwiderstand eines Containers aufweist. Über das Tempolimit muss ich mir mit diesem Auto kaum Gedanken machen, weil es zwischen zwei Kurven selten über 80, vielleicht 100 km/h hinauskommt.

Deshalb kann ich nicht nur richtiges Essen vergessen (eine Kiste Schokoriegel ist an Bord), sondern auch den Schlaf - zumal der Körper während der vier Tage voller Adrenalin ist. So kommt er auch in den knappen Pausen nicht zur Ruhe. Die ersten beiden Nächte lassen einem die Veranstalter ein paar Stunden Ruhe in einem Hotel an der Route. Die letzte Etappe wird fast ohne Unterbrechung gefahren. Hier mal eine halbe Stunde Essen bei der Ausgabe der Roadbooks für den nächsten Abschnitt, da mal morgens ab zwei Uhr 90 Minuten Powernap in einer geschlossenen Hotelbar.

Den Besenwagen im Rückspiegel

Meistens kämpfen die Fahrer mit der Route, dem Wetter und mehr als einem Dutzend Tests. Dabei müssen die Teilnehmer beispielsweise einen Handling-Parcour durchfahren und in möglichst kurzer Zeit Pylonen, Hauswände oder Felsen umkurven. Hinzu kommen über 30 Gleichmäßigkeitsprüfungen, bei denen die Fahrer eine definierte Strecke entweder in einer vorgegebenen Durchschnittsgeschwindigkeit oder Sollzeit durchfahren müssen. Diese Prüfungen dauern oft ein, zwei Stunden und erinnern mit ihren Wegbeschreibungen an moderne Pfadfinderspiele.

Und immer wieder macht sich der rote Besenwagen im Rückspiegel breit. Das Auto, das am Ende des Feldes fährt, wird von Stunde zu Stunde mehr zum Spielverderber. Wo es durchfährt, sammelt es Stoppuhren und Zeitstempel ein, mit denen Helfer bei Nacht und Nebel die Durchfahrt protokollieren. Wer nach dem Besenwagen durchs Ziel kommt, erhält keinen Zeitstempel und fällt für das Teilstück aus der Wertung.

Kein Wunder also, dass Navigatorin Lohr bisweilen nervös wird - wenn sie etwa den im Roadbook verzeichneten Holzpfosten im Gebüsch nicht findet. Und deshalb nicht weiß, ob es links, rechts oder geradeaus weitergeht und ob das überhaupt die Kreuzung ist, die in dem Konvolut auf ihrem Schoß gemeint ist.

Schluchten zwischen Steinmauern und Hecken

Auf die Probe gestellt werden auch die Fahrer - viele von ihnen aus Deutschland und der Schweiz. Sie müssen stundenlang durch enge Schluchten zwischen Steinmauern und Hecken pflügen, auf stockfinsteren Truppenübungsplätzen mit vereisten Asphaltpisten Slalom fahren und waghalsige Wendemanöver auf Zeit absolvieren. Ganz nebenbei gilt es zu verstehen, welche Kommandos ihnen der schwankend gelaunte Sozius zuruft.

An ihre Grenzen geraten auch die Oldtimer, die alle vor 1986 gebaut sein müssen. Auf Äckern und Forstpisten, in Mooren und in den Highlands auf Wiesenwegen sowie bei Wasserdurchfahrten wird ihnen mehr zugemutet, als manch ein Neuwagen mitmachen würde. Einige Autos sehen schon zur Halbzeit aus, als würde man beim Gebrauchtwagenhändler kaum mehr als einen Becher Kaffee dafür bekommen. Dabei gibt es kaum eine Rallye, bei denen die Wagen technisch so gut in Schuss sind und die Mechaniker so wenig zu tun haben. Wenn ein Auto nicht zu 100 Prozent fit ist, hat es hier ohnehin keine Chance.

Dudelsäcke klingen wie Posaunen

Die G-Klasse rollt klaglos durch England und Schottland. Außer ein paar Mal tanken, etwas Öl und viel Scheibenreiniger braucht sie nur wenig Zuwendung - obwohl der Drehzahlmesser selten unter 3000 Touren fällt und der fünfte Gang quasi nie zum Einsatz kommt.

Als die G-Klasse nach 2500 Kilometern und bald 60 Stunden Nettofahrzeit in der Ortschaft John O'Groats an der Nordostspitze Schottlands durchs Ziel rollt, legt Lohr zum ersten Mal die Landkarte zur Seite. Die Dudelsäcke klingen wie himmlische Posaunen, und die sonst ehrgeizige Sportlerin interessiert sich gar nicht für das Ergebnis.

Wer durchhält, ist ein Gewinner

Wenn von knapp 80 Autos nicht einmal zwei Drittel ins Ziel kommen und nur ein einziges alle Tests und Gleichmäßigkeitsprüfungen gefunden und alle Zwischenkontrollen passiert hat, dann ist jeder, der bis zum Ende durchhält, schon ein Gewinner. Erst recht, wenn er zum ersten Mal dabei ist.

Dumm nur, dass es dabei nicht bleiben wird, wie ein Veteran aus der Schweiz mir prophezeit: Wer einmal angekommen sei, der wolle diesen Höllenritt immer wieder machen, sagt der Basler, der das sechste Mal dabei ist.

Jetzt, wo Lohr die Hände wieder frei hat, greift sie zum Smartphone. Um ein Lebenszeichen nach Hause zu senden. Aber auch, um schon mal den Termin für 2020 einzutragen.



insgesamt 8 Beiträge
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vulcan 26.01.2019
1.
Klingt nicht schlecht - wenn man sich's leisten kann. Die Startgebühren, die Anreise....und natürlich der Wagen, da muss man auch erstmal einen haben, dem man das zumuten kann und will, denn besser wird der davon nicht. Meinem Oldie würde ich das niemals zumuten - der sieht höchstens mal (Sommer-)Regen, aber niemals Schlamm, Matsch, Eis, Schnee, Salz oder Schotterpisten, auf denen die Steine gegen den Unterboden prasseln. Außerdem funktioniert meine Wisch-wasch Anlage gerade nicht :-) Aber sonst....macht bestimmt Spaß. Ich bleibe aber doch lieber bei den Kaffeefahrt-Oldtimerrallyes.
Björn L 26.01.2019
2. Selbst die olle G-Klasse gefahren.
Grausam, Beschleinigubgswerte vergleichbar mit einem von handgeschobenen Rasenmäher. 27 Liter auf 100km. Im Vergleich zu den anderen Teilnehmern ihrer Fahrzeuge aber keine Trauer, wenn dieser geprügelt und zerstört wird.
Franz Faskus 26.01.2019
3. Von Cornwall nach ...
Keinesfalls handelt es sich hier um einen SEC, sondern um einen SL oder SLC.
fireworx 26.01.2019
4. Bild 16
das ist kein SEC, Herr Autoexperte
k70-ingo 26.01.2019
5.
Zitat von Franz FaskusKeinesfalls handelt es sich hier um einen SEC, sondern um einen SL oder SLC.
Es scheint ein Coupé zu sein, also SLC Der SL war die offene Version, der SEC der Nachfolger aus der 126er Baureihe. Ob der Heckflossen-Benz behäbig ist, sei dahingestellt. Es ist immerhin die große Flosse mit Sechszylinder und nicht die Wanderdüne 190 Diesel.
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