Freundliches Lkw-Design Lastwagen wie aus dem Bilderbuch

Kantig, kastig, kolossal: Aus Autofahrerperspektive sehen Lastwagen oft furchteinflößend aus. Designer wollen die Stahlmonster nun sympathischer erscheinen lassen.

Pander

Aus Hannover berichtet


Eine Frontscheibe wie ein Schaufenster, eine Fahrerkabine auf Augenhöhe, dazu große und neugierig wirkende Scheinwerferaugen: Der MAN CitE ist ein Lastwagen wie aus einem Heile-Welt-Bilderbuch. Das Fahrerhaus ist weit vorn und außergewöhnlich tief angeordnet. Der Boden in der Kabine ist völlig eben, und der Beifahrersitz klappt, wie im Kino, automatisch hoch. So kann der Fahrer bequem nach rechts durch eine elektrische Schwenkschiebetür aussteigen, um beispielsweise Pakete auszuliefern.

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Lkw-Design: Schöne Schuhkartons

Mit seiner neuartigen Optik ist der rein elektrische CitE ein Sonderling in der Lkw-Welt. Die Industrie verschwendet normalerweise keine Sekunde für kreatives Design, das wird auch auf der Nutzfahrzeugmesse IAA in Hannover deutlich. Meist geht es ausschließlich um Funktion. Wer die Form ändern will, muss erklären, was das bringt und ob es sich lohnt. Einen Scheinwerfer umzugestalten, nur damit er neu aussieht, kommt nicht infrage - hell genug leuchten tut er ja so oder so.

Fahrzeuge sollen nicht bedrohlich oder aggressiv aussehen

Doch langsam tut sich etwas, wie sich am MAN-Laster zeigt. "Wir haben den CitE von innen nach außen entwickelt. Und das völlig neue Karosseriekonzept ermöglicht ebenso wie das neue Antriebskonzept eine neue Formensprache", sagt Holger Koos, Designchef Truck & Bus bei MAN. Die sympathische Ausstrahlung ist ein Nebeneffekt des Elektroantriebs, der weniger Platz als ein Verbrenner benötigt und Kühlluftöffnungen so gut wie überflüssig macht. Zudem soll das ungewöhnliche Design darauf aufmerksam machen, dass der 15-Tonner elektrisch fährt und damit - zumindest lokal - abgasfrei.

MAN CitE
MAN

MAN CitE

Dass der neue Elektro-Laster von vorn eher wie ein Stadtbus wirkt, passt zur generellen MAN-Linie, nach der laut Koos Lkw "auf keinen Fall bedrohlich oder aggressiv" aussehen sollen. "Also vermeiden wir scharfe Kanten oder Linien, die Aggressivität ausstrahlen." Eine Lkw-Frontpartie, im Grunde eine senkrechte Wand aus Stahl und Glas, rund 2,50 Meter breit und 3,50 Meter hoch, ist ohnehin schon furchteinflößend genug.

60 Innovationen, doch nur eine ist erkennbar

Auf der IAA gibt es aber etliche Beispiele für hochmoderne, und doch klassisch anmutende Lkw. Etwa in Halle 14, bei Mercedes. "Er ist ein digitales Tier", sagt Kai Sieber und deutet auf die neue Sattelzugmaschine Actros. In dem Lastwagen stecken zwar 60 technische Neuheiten, doch das Trumm sieht aus, wie Lkw eben aussehen. Sieber, Designchef bei Mercedes Van and Trucks, kann immerhin auf eine optische Besonderheit hinweisen: "Die fehlenden Außenspiegel verändern die Proportionen", sagt er.

Statt großformatiger Spiegel-Rechtecke links und rechts der Türen gibt es beim neuen Actros, etwas höher positioniert und viel kleiner, Kameras, die nach hinten blicken. "Die neue Technik des Actros hätte ich gern von außen sichtbarer gemacht, doch den Kunden hätte das keinen Zusatznutzen gebracht", sagt Sieber. Auch das gehört zur Realität des Nutzfahrzeug-Designs.

In der Autobranche wäre es undenkbar, ein neues Pkw-Modell vorzustellen, bei dem nicht wenigstens die Scheinwerfer, die Zierleisten oder die Stoßfänger neu geformt sind. Doch Trucker ticken völlig anders.

Pkw- und Lkw-Design lassen sich nicht kombinieren

"Es wäre ein Fehler, das Design von Nutzfahrzeugen nach Pkw-Kriterien zu beurteilen", sagt Lutz Fügener, Professor für Transportation Design an der Hochschule Pforzheim. "Manche Hersteller, die Pkw und Lkw bauen, tappen genau in diese Falle. Da bekommen Lastwagen dann auf einmal keck geschwungene Scheinwerfer, die überhaupt keinen Sinn ergeben. Da wird viel Unfug gemacht."

MAN baut keine Autos, sondern ausschließlich Busse und Lastwagen. Vor allem die Lkw des Herstellers sehen aus, als sei Ornament tatsächlich ein Verbrechen. Designchef Koos formuliert das eleganter: "Für uns bedeutet Design, dass man den Dingen ansehen soll, wofür sie gemacht sind und wie sie benutzt werden. Design macht die Technik sichtbar."

Es geht um jeden Zentimeter Ladefläche

Er und seine gut 20 Kollegen wurden vom German Design Council zum "Design Team of the Year" gekürt - auch für das durchgängige und nachhaltige Markendesign. "Wir designen nicht, um etwas hübsch zu machen, sondern wir setzen ein technisches Lastenheft, in dem es zum Beispiel auch um einen komfortablen Einstieg und eine gute Ergonomie gehen kann, gestalterisch um."

Das ist das eine. Das andere sind Zwänge, Vorgaben und Grenzen, die erfüllt und zugleich ausgereizt werden müssen, denn wer einen Lkw kauft, der will Geld verdienen. Es geht also um jeden Millimeter. Weil in den USA beispielsweise ein Sattelauflieger 16,15 Meter lang sein darf (53 Fuß), und es darüber hinaus keine Längenbeschränkungen gibt, fallen die dortigen Zugmaschinen entsprechend üppig aus - meist mit langen Hauben und extragroßen Schlafabteilen hinter dem Fahrerhaus.

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Lkw-Design: Schöne Schuhkartons

In Deutschland und Europa sind die Vorgaben anders. Hier ist ein Standard-Sattelauflieger 13,60 Meter lang, und der komplette Sattelzug darf nicht länger als 16,50 Meter sein. Es bleiben also weniger als 2,90 Meter für das Fahrerhaus der Zugmaschine, denn zwischen Lkw und Auflieger muss ja eine gewisse Lücke bleiben, um die nötige Bewegungsfreiheit beim Kurvenfahren sicherzustellen. Der gestalterische Spielraum wird dadurch minimal. Das hat zur Folge, dass nicht das elegantere Design, sondern die platzsparendere Lösung umgesetzt wird.

Gutes Lkw-Design wird in Zukunft wichtiger

Die Lkw-Hersteller pflegen einen radikalen Pragmatismus. Motto: Beim Kauf eines Nutzfahrzeugs sind die Kosten entscheidend, nicht das Design. "Ich bezweifle, dass das wirklich so ist", sagt allerdings Design-Professor Fügener. Denn auch bei den Lkw gebe es immer weniger technische Unterschiede, alle Modelle seien inzwischen ähnlich effizient - also kämen dann doch ästhetische Präferenzen ins Spiel. Fügener: "Irgendwann muss sich der Kunde entscheiden, warum also nicht für den Lkw, der ihm besser gefällt?"

Der Wissenschaftler hält den ästhetischen Schmusekurs der Lkw-Designer auch wegen der zunehmend autonom fahrenden Lastwagen für geradezu zwingend. "Wenn ein 40-Tonnen-Roboterfahrzeug auch noch böse guckt, dann rennen die Leute schreiend weg", sagt Fügener. Allein deshalb müssten sich Lkw-Designer um eine möglichst freundliche Ausstrahlung ihrer Produkte bemühen.



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cor 26.09.2018
1.
" Eine Lkw-Frontpartie, im Grunde eine senkrechte Wand aus Stahl und Beton, rund 2,50 Meter breit und 3,50 Meter hoch, ist ohnehin schon furchteinflößend genug." Ich finde die oft ungepflegten Fahrer viel furchteinflössender.
m.m.s. 26.09.2018
2. Kartell der unsicheren LKW-Kabinen
Noch erwähnenswert ist, dass diese unbequemen Fahrerkabinen dem Europäischen LKW-Hertellerkartell zu schulden kommen. Richtige LKWs mit einer Motor-"Schnauze" gibt es derzeit gar nicht in Europa - schon mal jemandem aufgefallen? Interessanterweise hat deren Lobbyarbeit ganzes geleistet, und es gibt deshalb keine "richtigen" LKWs auf Europas Strassen. Spiegel-Meldung: http://www.spiegel.de/auto/aktuell/lkw-kabinen-verkehrsminister-beugen-sich-lobby-a-974229.html
sametime 26.09.2018
3. Das wird aber schwer...
"Eine Lkw-Frontpartie, im Grunde eine senkrechte Wand aus Stahl und Beton" Ich wusste gar nicht, dass mittlerweile Beton zur Herstellung von LKWs eingesetzt wird.
m.m.s. 26.09.2018
4. Kartell der unsicheren LKW-Kabinen
Noch erwähnenswert ist, dass diese unbequemen Fahrerkabinen dem Europäischen LKW-Herstellerkartell zuschulden kommen. Richtige LKWs mit einer Motor-"Schnauze" gibt es derzeit gar nicht in Europa - schon mal jemandem aufgefallen? Interessanterweise hat deren Lobbyarbeit ganzes geleistet, und es gibt deshalb keine "richtigen" LKWs auf Europas Strassen. Spiegel-Meldung: http://www.spiegel.de/auto/aktuell/lkw-kabinen-verkehrsminister-beugen-sich-lobby-a-974229.html
brux 26.09.2018
5. Quark
Zitat von m.m.s.Noch erwähnenswert ist, dass diese unbequemen Fahrerkabinen dem Europäischen LKW-Hertellerkartell zu schulden kommen. Richtige LKWs mit einer Motor-"Schnauze" gibt es derzeit gar nicht in Europa - schon mal jemandem aufgefallen? Interessanterweise hat deren Lobbyarbeit ganzes geleistet, und es gibt deshalb keine "richtigen" LKWs auf Europas Strassen. Spiegel-Meldung: http://www.spiegel.de/auto/aktuell/lkw-kabinen-verkehrsminister-beugen-sich-lobby-a-974229.html
Unfug. Da in Europa die Gesamtlänge begrenzt ist, ist die Schnauze eben erst einmal ein Verlust an Ladevolumen. Technisch sind europäische LKWs übrigens führend in der Welt.
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