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Lufthutzen: Schacht mit Macht

Foto: Corbis

Autodesign Hymne an die Hutze

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, ein Auto aggressiv aussehen zu lassen. Doch ob Spoiler oder Breitreifen: Im Vergleich zur Lufthutze verblassen sämtliche Tuning-Teile zu harmlosen Gimmicks.

Neulich im stockenden Berufsverkehr, eine typische Szene: Stoßstange an Stoßstange reiht sich die automobile Langeweile auf - bis der Blick ausgerechnet an einem mausgrauen Kombi hängen bleibt. Weil er diesen Schlund auf der Motorhaube hat. Eine Öffnung, so hoch und breit wie ein Briefkastenschlitz. Eine Lufthutze.

Lufthutze, das klingt ein bisschen wie Vollpfosten. Aber so lautet nun mal die korrekte Bezeichnung für den Schacht. Ein Schacht mit Macht. In der obligatorischen Spielzeugautoflotte in Kinderzimmer haben Autos mit Hutze schon immer eine Sonderstellung: Ferrari, Porsche, selbst die schnellsten Flitzer wirken lahm gegen Autos mit Beule auf der Motorhaube oder weit aufragendem Kompressorturm. Denn schon als Knirps kapiert man: Wo es so wuchert, da ist Wumms dahinter.

Was man als Kind nicht weiß und als Erwachsener auch nicht, weil diese wichtige Frage irgendwann von anderen Fragen verdrängt wird: Warum es sie eigentlich gibt, die Lufthutze. Und wie sie funktioniert.

Für die Extraportion Sauerstoff

Zumindest die zweite Frage lässt sich relativ einfach beantworten. In den USA, sozusagen Home of Hutze, unterscheidet man zwischen Functional Scoop und Non-Functional Scoop. Letzterer ist einfach ein Loch in der Motorhaube, durch das Luft in den Motorraum geleitet wird. So wird die Temperatur dort leicht gesenkt. Die Hutze wirkt als zusätzliches Kühlelement, hat aber kaum Auswirkungen auf die Performance.

Interessanter ist der sogenannte Functional Hoodscoop. Bei diesem landet die Luft nicht einfach ungeordnet irgendwo im Motorraum, sondern wird dem Triebwerk durch ein an den Schlund angeschlossenes Rohr- oder Kanalsystem direkt zugeführt. Das hat den gleichen Effekt, wie wenn man mit einem Blasebalg in ein Feuer pustet - erst durch die Extraportion Sauerstoff wird so richtig was entfacht.

Flächendeckend kam dieses System erstmals bei den Muscle-Cars der Sechzigerjahre zum Einsatz: absurd übermotorisierten und teilweise überzeichnet designten Mittelklasselimousinen, bei denen die dicksten Aggregate Hutze tragen durften. Und die Marketing-Genies in den US-Konzernen hatten sich griffige Namen für die PS-Beulen ausgedacht: "Air Grabber", "Ram Air", so hießen die Luftleitsysteme der Autos, die Pate für Generationen von Hotwheels-Spielzeugautos standen.

Dodge Challenger T/A: Die Hutze steht ihm prächtig

Dodge Challenger T/A: Die Hutze steht ihm prächtig

Foto: Dodge

So vergangen wie diese Ära mit ihrer hemmungslosen Lust an der Leistung ist auch die Hutze, zumindest die funktionierende. Sie kommt heute nur noch dort zum Einsatz, wo man sich mit aller aus dem fossilen Brennstoff zu gewinnenden Macht gegen ökologisch korrekte Gesinnung sträubt: zum Beispiel beim Mercedes-Tuner Brabus aus Bottrop.

Deren Modell 6.0 Biturbo Widestar, eine extrem aufgemotzte Variante der Mercedes G-Klasse, hat eine Lufthutze auf der Haube. Sven Gramm, Pressesprecher, kann ihren Nutzen genau benennen: "Ohne sie würde dem Achtzylindermotor weniger Sprit zugeführt werden können, weil zu wenig Sauerstoff für die Verbrennung da wäre." Die Folge: "Dank der Lufthutze sind 50 PS mehr möglich." Macht bei der Brabus G-Klasse unterm Strich dann 850 PS.

Ein Geländewagen mit 850 PS - da ist klar, warum die Lufthutze ein Auslaufmodell ist.

Gleichzeitig gibt es offenbar eine Sehnsucht zumindest nach dem Zeichen solcher Sorglosigkeit. Deswegen finden sich auf Webseiten für Autoteilequellen Lufthutzen zuhauf. Natürlich überwiegend solche ohne einhergehenden Leistungszuwachs. "Machen Sie Ihr Auto besonders cool und unverwechselbar!!", steht unter der Abbildung eines Plastikteils auf Ebay, das auch eine Staubsaugerabdeckung sein könnte. Wo das selbstklebende Ding schlussendlich hingepappt wird, ist dem Käufer überlassen: Der "Universal Lufteinlass", heißt es in der Anzeige, sei "für Motorhaube oder Dach" geeignet.

Bitte kein Mördergerät

Ein Anruf beim TÜV Süd. Darf man einfach so eine Lufthutze aufs Auto kleben? Der Sachverständige antwortet mit Verweis auf ein "VdTÜV-Merkblatt Nummer 744 zu Lufteinrichtungen", lässt die "ECE-Regelung Nummer 26 mit den Bestimmungen zu vorstehenden Außenkanten" nicht unerwähnt und spricht von "Kantenradius". Dann fasst er zusammen: "Solange Sie kein Mördergerät auf die Motorhaube setzen, ist alles okay."

Träumen erlaubt - so könnte man es auch zusammenfassen. Denn unter den Buckeln von heute sitzen zwar keine Luftleitsysteme mehr, aber sie klingen noch nach. Platz für Träume ist nämlich unter der Hutze immer noch.

Das beste Beispiel dafür ist der mausgraue Kombi an jenem grauen Morgen im Berufsverkehr. Ein Subaru Legacy, ein biederes Auto durch und durch. Bis auf die Lufthutze auf der Haube. Zwar fächelt sie dem Ladeluftkühler etwas Frischluft zu, ist als Hutze aber eigentlich überflüssig. "Das hätten wir technisch auch anders lösen können", gesteht eine Subaru-Sprecherin.

Was man nicht hätte anders lösen können, ist die Wirkung, die die Hutze entfacht. Man sieht einen Vierzylinder, Baujahr 2008. Aber man denkt an V8, Baujahr 1970. Vor einem steht: ein Subaru Legacy. Vor dem geistigen Auge stehen: Plymouth Barracuda, Dodge Challenger, Ford Torino. Den Dreh mit der Hutze kapiert heute jeder genauso wie vor 30 Jahren im Kinderzimmer. Und er wird vermutlich auch noch dann funktionieren, wenn die Autos elektrisch fahren.

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