Maserati Boomerang Glattrasur

Die Autogeschichte ist voll von begeisternden Studien, die schnell wieder verschwanden. SPIEGEL ONLINE zeigt die irrsten Visionen. Diesmal: der Maserati Boomerang, ein Sportwagen ohne Kilometerzähler.

AFP

Von Jürgen Pander


Womöglich lag eine Rasierklinge neben dem Zeichenbrett, als Giorgetto Giugiaro 1971 begann, ein Auto zu entwerfen, das so zugespitzt war wie wohl noch keines zuvor. Eine Straßenzulassung erhielt der Wagen dennoch, und er wurde auch von etlichen Besitzern gefahren. Seine Form löst noch heute staunendes Kopfschütteln aus.

Giugiaro hatte bereits für Fiat Automobile gezeichnet, für Bertone und für Ghia, ehe er sich mit einem Partner 1968 selbstständig machte und die Firma Ital Styling (heute: Italdesign) gründete. Einer der ersten Aufträge für das junge Unternehmen kam von Maserati. Giugiaro entwarf den Sportwagen Bora, das erste Mittelmotormodell der italienischen Marke, das 1971 präsentiert wurde. Ein durchaus vernünftiger Supersportwagen, der zwar 275 km/h schnell war, aber auch einen vollwertigen Kofferraum bot.

Der Traum vom extremen Auto

Giugiaro aber träumte offenbar von einem weitaus extremeren Auto, und das realisierte er: Auf dem Autosalon in Turin im Herbst 1971 präsentierte Italdesign den Maserati Boomerang. Keilförmige Karosserien waren damals schwer in Mode, dies jedoch war keine keilförmige Bauform, sondern eine Klinge aus Metall und Glas. So flach wie noch kein Auto zuvor.

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Schönes Ding: Maserati Boomerang

Die trapezförmige Frontscheibe stieg in einem Winkel von lediglich 13 Grad aus der Horizontalen an. Das ganze Auto war nur 1,07 Meter hoch, bestand fast ausschließlich aus schnurgeraden Linien sowie glatten, ebenen Flächen und verzichtete gänzlich auf Ornament.

Erst die Hülle, dann die Technik

Der Wagen war so radikal konzipiert, dass er bei seinem ersten Auftritt in Turin lediglich eine Skulptur ohne technisches Innenleben war. Das folgte dann wenige Monate später beim Autosalon in Genf 1972. Dort stand der Maserati Boomerang abermals, diesmal fahrbereit durch die Zutaten aus dem Serienmodell Bora und damit unter anderem mit einem 4,7-Liter-V8-Motor mit 314 PS Leistung und einer Höchstgeschwindigkeit von schätzungsweise 300 km/h - so genau wusste das keiner zu sagen.

Es ging in erster Linie auch gar nicht darum, das Auto zu fahren, sondern es anzuschauen, zu bewundern, zu begreifen. Die Form der Karosserie, die irre Gestaltung der 15-Zoll-Felgen, das abrupte Heck, die fast komplett verglasten Türen, von deren beiden großen Scheiben sich die jeweils untere öffnen ließ. Wobei, die hatte sich Giugiaro offenkundig vom Lamborghini Marzal abgeguckt, der schon ein paar Jahre zuvor für Furore gesorgt hatte.

Das wiederum gelang dem Maserati Boomerang vor allem dank seines tollkühnen, kreisförmigen Cockpits. Darin waren sechs Rundinstrumente sowie diverse Schalter direkt vor dem Fahrer angeordnet. Drumherum, wie eine Art umlaufender Henkel der gesamten Konstruktion, ragte das Lenkrad hervor.

Kein Keil wie viele andere

Wenn man den Wagen flüchtig betrachtet, ist er einer von vielen Sportwagen-Keilen, die zu dieser Zeit en vogue waren. Doch dass der Boomerang aus der Karosserie-Keilerei heraussticht, ist kein Zufall. Bei kaum einer anderen Studie dieser Ära des Autodesigns sind Linien und Formen so reduziert und konzentriert wie bei dem Maserati-Unikat. Giugiaro deutet damit einmal mehr an, worin seine Meisterschaft bestand, die sich kurz darauf in Serienmodellen wie dem VW Golf I, dem Fiat Panda oder dem Saab 9000 manifestierte.

Anfang der Siebzigerjahre tourte der Boomerang über etliche Automessen, bis er nach einer Ausstellung in Barcelona 1974 von einem Barbesitzer aus Benidorm gekauft wurde. Danach war der Wagen zeitweise in Besitz eines deutschen Maserati-Sammlers; später ging er durch weitere Hände. Zwischenzeitlich wurde das Auto gründlich restauriert, die Elektrik komplett überarbeitet, und von Zeit zu Zeit tauchte es auf diversen Automobilveranstaltungen wie jenen im kalifornischen Pebble Beach oder im italienischen Cernobbio am Comer See auf.

2014 diente der Wagen als retro-utopisches Requisit für Modeaufnahmen der französischen Firma Louis Vuitton und im September 2015 wechselte es bei einer Auktion von Bonhams zum bislang letzten Mal den Besitzer. Über den neuen Eigner des Boomerang ist nur bekannt, dass er 3,3 Millionen Euro für das Auto bezahlte. Es ist nach wie vor fahrtüchtig, allerdings weiß niemand, ob und in welcher Intensität die bisherigen Eigentümer den Zweisitzer auch nutzten. Einen Kilometerzähler gibt es ohnehin nicht im Maserati Boomerang.



insgesamt 13 Beiträge
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s.l.bln 18.03.2019
1. Geniale Studie...
...mit erkennbarem Nutzwert, wie bei Concept cars eher unüblich. Wenn man das Design im zeitlichen Kontext betrachtet, bekommt man eine Ahnung davon, wie das damals auf die Leute gewirkt haben muss, als Fordkunden noch einen 17m fuhren und der modernste VW "Kompaktwagen" Käfer hieß. Historisch betrachtet war der Boomerang wohl die Studie, mit der Giugiaro seine Handschrift gefunden und vielleicht auch schon seinen Zenit erreicht hatte. Die wesentlichen Designelemente ( abgesehen von der unteren Seitenscheibe), incl. dem Profil und der Form und Anordnung der Klappscheinwerfer, fanden sich in leicht abgeschwächter Form beim ebenfalls aus seiner Feder stammenden Lotus Esprit wieder, dessen erste Serie wirkt, wie die Serienversion des Boomerang. Gegen die extrem reduzierte Linienführung des Boomerang hatte Gandinis Countach geradezu obszöne Rundungen, auch wenn man den damals kantig fand. Das war ziemlich mutig.
Leonbeck 18.03.2019
2. Eine Ikone
Der Boomerang ist eine absolute Ikone des Automobildesigns und schien damals wie von einem anderen Stern zu kommen. Selbst heute noch atemberaubend und selten konsequent gezeichnet. Chapeau Giugiaro!
mescal1 18.03.2019
3. Schade,
dass solche Autos heute nicht mehr zu kaufen sind - na ja, damals ja auch nicht. Mir gefällt er, besonders auch die Reifen, da ist noch Gummi dran und nicht so extrem "niederquerschnittig" wie heute. Erinnert mich auch ein bißchen an den Countach, Mercedes C111, Lancia Stratos, auch an einen DeLorean. Trotzdem - ich würde den gern fahren, aber nur mit starker Klimaanlage. Schön (liegt natürlich im Auge des Betrachters).
persor 18.03.2019
4. Bitte melden!
Kann sich bitte die Dame/der Herr melden, der kürzlich hier im SPON-Forum meinte, dass Giugiaro nur schlechtes hervorgebracht hätte? ;-) von all den genannten Modellen, Studien ist er mit seinem ItalDesign derjenige Designer mit der wohl eigenständigsten Linie - im wahrsten Sinne des Wortes.. Und eine Erfolgsgeschichte wie den Golf I hat wohl auch keiner vorzuweisen.
Freier.Buerger 18.03.2019
5. nix besonderes
Die Studie ist für die 70er so revolutionär wie heute eine E-Studie mit großem Monitor im Cockpit und blauen LED Licht. Die sahen doch alle so aus, der C111, BMW-Turbo, irgendein Lambo...
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