Fahrbericht Mazda MX-5 Der Glücksbringer

Ein ungeschriebenes Gesetz der Autobranche lautet: Ein neues Modell muss immer größer sein und mehr bieten als der Vorgänger. Der neue Mazda MX-5 schert sich nicht darum - und zeigt, wie viel Segen im Verzicht liegt.

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Von Margret Hucko


Als der Mann kommt, um den Testwagen wieder in seine Heimat zu überführen, erwäge ich kurz, die Feuerameise zu machen. Sich Totstellen ist bei dieser Spezies eine wirkungsvolle Strategie der Verteidigung. Und ich habe an diesem Junimorgen einiges zu verlieren: den Schlüssel des MX-5.

Das kleine Plastikteil war in den letzten Tagen so etwas wie der Schlüssel zum Glück. Dabei liegt mir normalerweise nichts ferner, meine Lebensfreude von einem Stück motorisierten Blech bestimmen zu lassen. Doch der MX-5 begeisterte mich auf Anhieb.

MX-5-Schlüssel
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MX-5-Schlüssel

Da wäre zum Beispiel seine Unkompliziertheit, die ihn zu einem attraktiven Lebensabschnittsbegleiter macht. Während andere Cabrios durch kapriziöse Klapp-Falt-Techniken nerven und gefühlt eine Ewigkeit brauchen, um sich gen Himmel zu öffnen, reichen dem MX-5 zwei Handgriffe: Verdeck am Dach lösen, dann das Stück Hightech-Stoff mit einem Handgriff lässig über die Schulter werfen. Einmal nachdrücken wie bei einem überfüllten Koffer - schon verriegelt das Verdeck hinter den beiden Sitzen. Einfacher geht es nicht.

Die Schaltanzeige erzieht zum sparsamen Fahren

Anschnallen, Startknopf drücken und dem Sound des Herzens lauschen. Das des MX-5 schlägt hörbar, aber unaufdringlich tief. Anders als andere Sportwagen kommt der Zweisitzer mit einem kleinen Vierzylinder und nur 1,5-Liter Hubraum aus. In jeder Sekunde der Zweisamkeit bringt der Wagen zum Ausdruck, dass er es nicht nötig hat, ein Pfauenrad zu schlagen. Weder fährt der Wagen mich, noch fahre ich den Wagen - spätestens nach dem ersten Ampelstopp sind Fahrer und Auto zu einer Einheit verschmolzen.

Kaum ein anderes Auto vermittelt einen so direkten Kontakt zur Straße wie der Mazda - dank niedriger Sitzposition und präziser Lenkung. Während elektronisch gedämpfte, aufgerüstete Limousinen oder Kombis gerne den Eindruck vermitteln, sie wechseln mit einem Hauch Verzögerung die Spur, setzt der Roadster jeden Zentimeter Lenk- in Fahrbewegung um.

Auch daher rührt die Imposanz des Autos und nicht etwa von einem aufgeplusterten Italo-Design oder von PS-Protzerei, wie sie deutsche Roadster gern bemühen. Der MX-5 glänzt mit Minimalismus, einem Hauch von Retro (es gibt noch eine echte Antenne und eine mechanische Handbremse) und ist dabei so vernünftig, dass man kaum etwas gegen ihn einwenden kann.

Cockpit des MX-5
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Cockpit des MX-5

Beim Fahren wandert der kurze Schalthebel spürbar, aber nicht hakelig durch seine sechs Gassen plus Rückwärtsgang. Zack, zack, zack - bitte, noch einmal! Fast mehr klebt der Blick auf der Schaltempfehlung im Drehzahlmesser als auf der Umdrehungszahl des Motors selbst. Auch dank des Hinweises, wann es sinnvoll ist, einen Gang hoch- oder runterzuschalten, nähert sich der Verbrauch mit 6,8 Litern Super fast dem vom Hersteller angegebenen Wert von 6,0 Litern.

Wenn es scheppert, dann ist es der Kofferraumdeckel

Löst sich der Blick von den Instrumenten, schaut der Fahrer auf eine Motorhaube, die vor einem liegt wie ein Tisch. Zur Seite rahmen sie zwei leicht geschwungene Kotflügel ein. Bei offenem Verdeck und hochgefahrenen Seitenfenstern streichelt ein laues Lüftchen die Haare, wer es nordischer liebt, fährt die Scheiben per Knopfdruck runter.

Wird eine bessere Übersicht gerne als Kaufargument für einen SUV genommen, der hat noch nicht in einem MX-5 gesessen. Dabei ist der gerade einmal 3,92 Meter lange Sportwagen kleiner als ein Polo und mit 1050 Kilo so leicht wie ein Golf der dritten Generation. Ohne dabei auf die Errungenschaften der Elektronik wie Berganfahrhilfe, Geschwindigkeitsregelanlage oder Spurhalteassistent zu verzichten.

Alles im MX-5 fühlt sich leicht an, dafür äußerst solide. Mit Ausnahme des Kofferraumdeckels, der etwas scheppernd ins Schloss fällt. Kofferraum ist für dieses Staufach auch fast etwas übertrieben, die kleine Luke fasst mit 130 Litern nicht viel mehr als einen Rimowa-Koffer, der als Handgepäck noch mit ins Flugzeug darf.

Gut 26.000 Euro - der Preis für das große Glück

Das ist eine - im Wortsinne - kleine Schwachstelle des furiosen Flitzers. Der große Pragmatiker ist er nicht. Bei einer so überschaubaren Größe darf man kein Ablagenwunder erwarten. Hinter den Sitzen befindet sich noch ein kleines Handschuhfach, zwei Cupholder - das war es dann auch schon.

Übrigens, bei dem Mann, der den Mazda MX-5 wieder in seine Heimat überführen sollte, kam meine Feuerameise nicht an. Er ließ mein Telefon so hartnäckig klingeln, dass ich meine Verteidigungsstrategie irgendwann entnervt aufgab. Zwar schöpfte ich kurzfristig noch einmal Hoffnung, weil ich den Fahrzeugschein nicht auf Anhieb fand. Doch der hatte sich in den Spalt zwischen Beifahrersitz und Tür verkrochen.

Als der Fahrer sich freundlich verabschiedete, schmiedete ich einen neuen Ameisenplan. Vielleicht hilft Arbeiterfleiß, um irgendwann den Schlüssel zum Glück in der Hand zu halten, so lange wie gewünscht: in dieser Ausstattung für 26.830 Euro.



insgesamt 109 Beiträge
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Seite 1
Gerüchtsvollzieher 27.06.2016
1. Ich habe ihn...
(noch) nicht gefahren, im Gegensatz zu allen MX5-Vorgängern, aber er ist leider der häßlichste MX5 bisher...
Fritz.A.Brause 27.06.2016
2. Sechs Gassen?
Demnach hat der MX5 jetzt 10-11 Vorwärtsgänge plus Rückwärtsgang? Für seine sechs Gänge plus Rückwärtsgang werden es wohl nicht mehr als vier Gassen sein ;-)
Fritz.A.Brause 27.06.2016
3. Schönheit...
Zitat von Gerüchtsvollzieher(noch) nicht gefahren, im Gegensatz zu allen MX5-Vorgängern, aber er ist leider der häßlichste MX5 bisher...
...liegt im Auge des Betrachters. Ich finde ihn gut und es ist eine gute Sache, dass das bisherige Design nicht immer und immer wieder neu aufgekocht wird.
realistico 27.06.2016
4. Der MX-5 begeistert, seit er Ende der 80 auf den Markt kam
Der MX-5 ist die Mutter aller modernen Roadster (an alle Oldtimer-Liebhaber und Automobil-Enthusiasten: gleich beim nächsten Post weiterlesen :-P ). Denn der MX-5 hat das Roadsterfahren demokratisiert, weil erschwinglich gemacht. Und ist dabei immer ein schönes Auto geblieben. Interssanterweise gefällt mir gerade die aktuelle Version von allen MX-5 Varianten am wenigsten. Klar ist das Interieur schön und auf der Höhe der Zeit. Aber die Außenhülle leider jetzt erstmals etwas verwechselbar geworden. Am besten einen der ersten mit Klappscheinwerfer nehmen. Und wie vom Autor treffend beschrieben: Der MX-5 hat es gar nicht nötig mit einem 5 Liter V8-Motor daher zu kommen (würde wohl auch nicht reinpassen). Er ist trotzdem beliebt und ein positives Aushängeschild für Mazda, die ansonsten mit ihrer "Zoom Zoom"-Werbung seit einer Ewigkeit nerven und für ihre anderen Modelle mal mehr mal weniger gute Designs auf den Markt bringen. Der MX-5 sticht deutlich aus dieser Einheitsmasse heraus. Spannend wird es, wenn jetzt der FIAT 124 Spider auf den Markt kommt.
ahloui 27.06.2016
5. @Gerüchtsvollzieher
Wenn er denn so hässlich ist, warum sollten Sie dann überhaupt fahren wollen?
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