Schönes Ding: Mazdas Kofferauto Den können Sie einpacken

Die Automobilgeschichte ist voll von irren Studien, die erst begeisterten und dann verschwanden. Wir zeigen die gewagtesten Visionen. Diesmal: ein Mazda für den Kofferraum.
Aufklappen, Platz nehmen, losfahren: Einige Mazda-Ingenieure verwandelten 1990 einen Koffer in einen Kleinstwagen

Aufklappen, Platz nehmen, losfahren: Einige Mazda-Ingenieure verwandelten 1990 einen Koffer in einen Kleinstwagen

Foto: Mazda

Anstatt nach der Landung am Flughafen durch schier endlose Flure, Über- und Unterführungen und ewig gleiche Duty-Free-Shops zur S-Bahn oder dem Taxistand zu laufen, klappt man den mitgebrachten Koffer auf, setzt sich hinein und fährt los. Was nach einer absurden Idee klingt, machte eine Handvoll Mazda-Ingenieure in den frühen Neunzigerjahren zur Realität. Die Entwickler bauten ein Fahrzeug, das in einen Koffer passte - und nahmen so die heutige Mikromobilität mit ihren E-Scootern , Hoverboards und Monowheels vorweg.

Mazda veranstaltete Anfang der Neunziger den Ideenwettbewerb "Fantasyard", bei dem Gruppen aus verschiedenen Abteilungen gegeneinander antraten. Hier hoben sieben Ingenieure aus der Getriebeabteilung das Kofferauto aus der Taufe. Die Idee überzeugte die Organisatoren und die Entwickler erhielten ein kleines Budget für die Verwirklichung des Konzepts.

Der Fantasyard-Wettbewerb erscheint aus heutiger Perspektive angesichts knapper werdender Budgets und immer härter umkämpfter Märkte wie aus der Zeit gefallen. An der Schwelle zwischen Achtziger- und Neunzigerjahren passte er jedoch zum Zeitgeist. Damals erklomm Mazda, das ursprünglich im Jahr 1920 als Korkhersteller gegründet wurde und immer wieder mit ungewöhnlichen Ideen Schlagzeilen machte, unternehmerisch nie dagewesene Höhen.

Mazda eilte von Erfolg zu Erfolg

Der 1989 auf den Markt gebrachte Sportwagen MX-5 entpuppte sich nicht nur als Erfolg, er rettete das Segment der Roadster vor dem Aussterben, 1991 gelang Mazda gar der größte Erfolg der Firmengeschichte: Mit dem 787B gewann der Hersteller erstmals die 24 Stunden von Le Mans. Es war der erste Gesamtsieg eines japanischen Wagens - und der bisher einzige eines Rennens mit Wankelmotor.

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Das "Suitcase Car": Ein Auto fürs Gepäckfach

Foto: Mazda

Bei Mazda lief es also - und für die Ingenieure war es die perfekte Gelegenheit, sich neben den alltäglichen Aufgaben Ideen wie dem Kofferauto zu widmen. Vom Budget für den Fantasyard-Wettbewerb kauften die Entwickler den größten Samsonite-Koffer, den sie finden konnten und ein sogenanntes Pocket-Bike, ein Motorrad im - als wäre es dafür erfunden worden - Taschenformat.

1,7 PS und 30 km/h Höchstgeschwindigkeit

Anschließend bauten sie dessen rund 34 Kubikzentimeter großen, 1,7 PS starken Zweitakter in den 57 Zentimeter breiten und 75 Zentimeter langen Koffer ein. Das daraus entstandene Fahrzeug ist so einfach wie genial: Man klappt das Gepäckstück auf, steckt die beiden Hinterräder in dafür vorgesehene Löcher, öffnet eine Klappe in der anderen Kofferhälfte, steckt das Vorderrad hindurch und nimmt zwischen den Hinterrädern Platz. Mazda zufolge dauert das gerade einmal eine Minute - und anschließend kann man mit bis zu 30 km/h kurze Strecken an Flughäfen oder auf Bahnhöfen zurücklegen. Eine Straßenzulassung hatte das Gefährt jedoch nicht.

Mit diesen Werten sicherten sich der Reiseflitzer und seine Schöpfer 1990 den Sieg beim Fantasyard-Wettbewerb, überreicht wurde der Preis vom langjährigen Mazda-Chef Kenichi Yamamoto, der auch für Mazdas Wankelmotoren-Programm verantwortlich war. Anschließend hatte Mazdas Gepäckwagen eine kurze Karriere als Firmenbotschafter. Der Koffer wurde im japanischen Fernsehen gezeigt und erregte auch das Interesse internationaler Medien. Das war so groß, dass Mazda zwei weitere Exemplare anfertigen ließ. Eines ging in die USA, das andere nach Europa, wo es auf der IAA des Jahres 1991 neben dem Rennwagen 787B ausgestellt wurde.

Die Euphorie währte jedoch nur kurz. Nach 1991 wurde der Fantasyard-Wettbewerb eingestellt, als Grund gilt die Wirtschaftskrise, die Japan nach dem Platzen einer Immobilienblase in den frühen Neunzigerjahren ereilte . Dem originalen Prototypen erging es wenig besser, er wurde zwar bis 1994 im japanischen Fernsehen gezeigt, später allerdings bei einem Unfall zerstört. Wo das europäische Exemplar verblieb, ist laut Firmenangaben nicht bekannt, das für die USA bestimmte Kofferauto existiert Mazda zufolge dagegen.

32 Kilogramm schwer und nicht gerade sparsam

Dass Reisende heutzutage nicht häufiger nach dem Aussteigen ihren Koffer zum fahrbaren Untersatz machen liegt - neben den Gefahren, die vom enthaltenen Benzin ausgehen - höchstwahrscheinlich am begrenzten Nutzwert des rasenden Gepäckstücks. Zwar war eine Serienfertigung nie vorgesehen, mit einem Gewicht von 32 Kilogramm ist es aber nicht wirklich reisetauglich und sprengt die Gewichtsbeschränkungen zahlreicher Fluglinien. Gleichzeitig ist es alles andere als sparsam, Mazda zufolge schafft es mit einem Liter Kraftstoff nur rund 20 Kilometer.

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Die Idee der Mazda-Entwickler scheint jedoch auch heute noch zu faszinieren. So versuchten zwei Moderatoren der Autoshow "The Grand Tour", Jeremy Clarkson und Richard Hammond, die langen Fußmärsche an Flughäfen zu umgehen - indem sie einen Rollkoffer und einen Laptop zu kleinen Elektrogefährten umrüsteten. Der Versuch endete jedoch ähnlich wie das Dasein des ersten Kofferautos: mit einem Unfall.

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