Mercedes E 200 T, Baujahr 1995 Der Fichten-Elch

Fast wäre dieser Mercedes E 200 T, Baujahr 1995, nach Osteuropa exportiert worden. Dank einer spontanen Entscheidung konnte sich SPIEGEL-ONLINE-Leser Jan von Bargen jedoch den geräumigen Langstreckenläufer mit durchdachten Details und soliden Fahreigenschaften sichern.

Jan von Bargen

Nahezu jeder Autobesitzer fühlt sich mit seinem Fahrzeug auf besondere Weise verbunden. Bei SPIEGEL ONLINE stellen Leser ihr persönliches Lieblingsmodell und ihre persönlichen Erlebnisse mit dem Gefährt vor. Diesmal berichtet Jan von Bargen über das Leben mit seinem Mercedes E200T, Baujahr 1995.

Ich bin Jahrgang 1977 und wuchs in der ausklingenden Strichacht-Epoche und dem Höhepunkt der W123-Ära auf. Mercedes führte dieses Modell ein, da ging ich noch zur Grundschule. Sein kantiges und markantes Design wirkte schon damals faszinierend auf mich. Ende der achtziger Jahre durfte ich das Bremer Mercedes-Werk besichtigen, wo ich unzählige T-Modelle der neuen 124er-Baureihe auf den Produktionsbändern durch das Werk gleiten sah. Danach schaute ich jedem T-Modell hinterher, das an mir vorbeifuhr.

Zur Jahrtausendwende hatte ich dann endlich einen eigenen tadellosen W123 230E. Aus Kostengründen musste ich ihn leider während des Studiums drei Jahre später gegen ein Fahrrad eintauschen. Als danach erneut die Anschaffung eines Autos anstand, war für mich klar, dass es wieder ein Mercedes sein musste. Ich wurde bald fündig: Ein etwas verwohnter E 200 T des Baujahrs 1995 stand bei einem Exporteur am Kieler Ostufer und sollte nach Osteuropa verschifft werden.

Ich fragte den Händler nach dem grünen Kombi. Der Mann konnte mir wenig über den Wagen erzählen, weil er den Mercedes in einer Auktion in einem Paket von zehn Fahrzeugen erworben und sich bislang nicht um ihn gekümmert hatte. Er bot mir eine Probefahrt an, damit ich mir ein Bild von dem Auto machen könnte. Dabei entdeckte ich das Bordbuch nebst Serviceheft, das lückenlos bei einer Vertragswerkstatt in Kiel gestempelt worden war.

Während der Probefahrt hatte ich mich entschieden, besagte Werkstatt aufzusuchen. Dort empfing man mich freundlich und präsentierte mir die gesamte Lebensgeschichte des Wagens. Anschließend nahm der Meister das Auto auf die Hebebühne und zeigte mir, dass Traggelenke, Reifen und die Zylinderkopfdichtung hinüber waren. "Alles nicht so tragisch" beruhigte mich der Mann. "Bei dem Motor ist die Kopfdichtung meist nach spätestens 100.000 Kilometern hin. Das ist aber nicht so schlimm, denn die Flüssigkeit läuft nach außen und bedeutet nicht automatisch das Ende für den Motor." Mehr als 6000 Euro solle ich allerdings nicht für den Mercedes ausgeben.

Fichtengrünes Blechkleid und viel Platz

Ich handelte den Verkäufer von 5300 auf 4500 Euro herunter und gab den alten Peugeot 106 meiner Freundin für 500 Euro in Zahlung. In den kommenden Wochen wurden die Schwachstellen des Mercedes beseitigt. Danach konnten wir uns an einem Raumwunder erfreuen (das Fassungsvermögen des Kofferraums ist wirklich Weltklasse), das darüber hinaus noch mit ausgezeichneten Fahreigenschaften und großer Langstreckentauglichkeit glänzte. Wegen des grünen Blechkleids und der massigen Erscheinung erinnerte er mich irgendwie an eine Szene aus der Zeichentrickserie "Die Simpsons", in der Mr. Burns ein Transportflugzeug mit Namen "Fichten-Elch" erfunden hatte. Fortan hieß unser T-Modell "Fichten-Elch".

Das Auto mit Zwei-Liter-Vierzylinder-Motor und 136 PS ist nicht besonders spritzig, reicht aber im Stadtverkehr und für zügiges Mitgleiten auf der Autobahn aus. Geschwindigkeiten über 180 km/h sind jedoch wegen des stark ansteigenden Verbrauchs und des recht lauten Motors eher nicht zu empfehlen.

Besonders gut gefielen uns die vielen schönen Details: Das Umklappen der Rückbank ist so perfekt gelöst wie in sonst kaum einem anderen Kombi. Außerdem verfügt der Wagen über nette Feinheiten wie beheizte Spiegel und Wischwasserdüsen und -behälter. Trotz der Größe ist der Mercedes recht handlich. Dank der hervorragenden Rundumsicht und des kleinen Wendekreises sind auch kleinere Parklücken kein Problem.

Nach gut zwei Jahren bekam ich dann einen Firmenwagen und der Fichten-Elch war übrig, so dass ich ihn verkauft habe. Da wurde mir eine weitere gute Eigenschaft des Autos bewusst: seine Wertstabilität.



insgesamt 44 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
faustjucken_de 12.04.2010
1. Geldverschwendung.
So einen Wagen brauchen doch nur Gemüsehändler. Wer macht schon ständig lange Touren oder zieht zweimal im Monat um? Niemand. 90% des Verkehrs spielt sich doch im Nahbereich und mit nur einem Fahrer und ohne Beilast ab. Das schaff man mit dem Peugot 106 billiger und genauso bequem
derflieger 12.04.2010
2. Schwäbischer Langweiler
Zitat von sysopFast wäre dieser Mercedes E 200 T, Baujahr 1995, nach Osteuropa exportiert worden. Dank einer spontanen Entscheidung konnte sich SPIEGEL-ONLINE-Leser Jan von Bargen jedoch den geräumigen Langstreckenläufer mit durchdachten Details und soliden Fahreigenschaften sichern. http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/0,1518,686681,00.html
Mitte der 90er hatte ich mal einen solchen ET-Benz als Leihwagen auf einer längeren Geschäftsreise. Habe versucht, ihn so zu fahren, wie ich damals meinen etwa gleichstarken Alfa gefahren bin. Dabei ist der Mercedes fast aus der Kurve geflogen. Soviel zu den "soliden" Fahreigenschaften. Dieser Mercedes ist (wie so viele) ein öder Langweiler, mehr nicht, sorry.
roadrunner007 12.04.2010
3. Der beste Mercedes aller Zeiten
Habe selbst einen 230er und 200D. Der 200D 124 ist unser Lieblingsauto, super Straßenlage, unverwüstlich und zuverlässig. Das bei einem Verbrauch von um die 6L wo ist da der Fortschritt? Wie beschrieben hatte er damals schon Extras, wie die Scheibenwaschanlagen- oder Spiegelheizung, die heute bei vielen Neuwagen noch nicht selbstverständlich sind. Unser neuer 220D verbraucht bei gleicher Fahrweise deutlich mehr Treibstoff, ist unzuverlässiger und verschlingt ein Vielfaches an Wartungskosten. Mein Fazit: Wer nicht immer der Schnellste sein muß, wem 160-180 als Reisegeschwindigkeit reicht, für den ist dieses Modell ist noch lange kein Altes-Eisen sondern zeigt einen schonenden Umgang mit der Umwelt, ausgelegt auf Qualität und ein langes Leben. Diese Attribute sucht man bei seinen stärkeren Nachfolgern teilweise vergebens.
Polar, 12.04.2010
4. Besser geht nicht!
Zitat von roadrunner007Habe selbst einen 230er und 200D. Der 200D 124 ist unser Lieblingsauto, super Straßenlage, unverwüstlich und zuverlässig. Das bei einem Verbrauch von um die 6L wo ist da der Fortschritt? Wie beschrieben hatte er damals schon Extras, wie die Scheibenwaschanlagen- oder Spiegelheizung, die heute bei vielen Neuwagen noch nicht selbstverständlich sind. Unser neuer 220D verbraucht bei gleicher Fahrweise deutlich mehr Treibstoff, ist unzuverlässiger und verschlingt ein Vielfaches an Wartungskosten. Mein Fazit: Wer nicht immer der Schnellste sein muß, wem 160-180 als Reisegeschwindigkeit reicht, für den ist dieses Modell ist noch lange kein Altes-Eisen sondern zeigt einen schonenden Umgang mit der Umwelt, ausgelegt auf Qualität und ein langes Leben. Diese Attribute sucht man bei seinen stärkeren Nachfolgern teilweise vergebens.
Jap, ein Super-Auto (meiner hat jetzt 260 TKM auf der Uhr und 22 Jahre auffem Buckel). Zudem ohne Umbauten mit 100% Pflanzenöl fahrbar. Aber auch der 4-Zylinder-Otto ist i.d.R ein genügsamer und langlebiger Motor.
pirxx 12.04.2010
5. solide, wertstabil und nutzbar
Sicher nix für Leute, die gerne beinahe aus Kurven fliegen oder nichts mituzunehmen haben... Ich habe ein identisches Modell in anthrazit und fahre es morgen mit 205.000km zum TÜV, wobei ich keine Zweifel habe locker durchzukommen. Mit einer aktiven vierköpfigen Familie nutzen wir den Raum im Urlaub immer voll aus und an den Wochenenden oft. Das Auto ist sicher, erstaunlich modern, komfortabel und wertstabil. Ich habe mal 9000 DM dafür bezahlt und würde heute ca 4500 EUR dafür bekommen. Reparaturen in 10 Jahren für ca. 800 EUR plus Reifen - das nenne ich Nutzwert. Übrigens, neben meinem /8er 200D ist das mein 2. "lahmes" Auto...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.