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Mercedes Heckmotormodelle: Tuckern von hinten

Foto: Dieter Rebmann

Mercedes-Modelle 130 H und 170 H Käfer mit Stern

Der erste Käfer war ein Mercedes. Zwei Autos aus Sindelfingen nahmen das Konzept des VW-Bestsellers bereits Ende der zwanziger Jahre vorweg. SPIEGEL ONLINE fuhr die Oldies, mit denen die Volkswagen-Idee in Gang kam.

Deutschland, zwischen den Weltkriegen: Die Wirtschaft schlingert, die Arbeitslosigkeit wächst und Massenmobilität ist noch kein Thema. Autos können sich nur reiche Menschen leisten - es gibt folglich nicht allzu viele. Um jedoch den Markt zu erschließen und wirklich die breite Bevölkerung mobil zu machen, geistert immer wieder die Idee vom "Volkswagen" durch Konstruktionsbüros und Werkshallen. Der ehemalige Mercedes-Ingenieur Josef Müller schreibt in seinen Memoiren: "Die Zeiten, da man nur große Nobelwagen verkaufte, schienen endgültig vorbei zu sein; eine neue Art der Volksmotorisierung kündigte sich an."

Volkswagen - der Begriff bezeichnete damals allerdings noch keinen speziellen Typ und keine Marke, sondern nur Gattung und gewünschte Ausrichtung des Fahrzeugs. "Lange bevor in Wolfsburg der erste VW gebaut wurde, haben andere Hersteller an solchen Konzepten gearbeitet - darunter auch Mercedes", sagt Josef Ernst, Sprecher für klassische Automobile bei Daimler.

Der damalige Vorstandsvorsitzende Wilhelm Kissel hatte bei Benz & Cie den Erfolg kleinerer Fahrzeuge miterlebt und drang deshalb nach der Fusion der Firma mit der Daimler-Motoren-Gesellschaft auf die Entwicklung solcher Autos. Helfen sollte ihm dabei Ferdinand Porsche, der später als Vater des Käfer Geschichte schrieb.

Porsches erste Entwürfe für Mercedes, der W01 von 1926 und der W14 von 1928, kamen allerdings nicht recht in Fahrt. So war es Chefkonstrukteur Ernst Nibel, Porsches Nachfolger bei Mercedes, der 1934 den Mercedes 130 H auf die Straße brachte. Um die Passagieren zwischen den Achsen zu platzieren, wo der Federkomfort am besten ist, drehte Nibel das bis dato gängige Konstruktionsprinzip im Automobilbau um: Der Motor wandert von vorne nach hinten. Das "H" in der internen Typbezeichnung - es steht für Heckmotor - macht das klar.

Der kleinste und billigste Mercedes seiner Zeit

Der 130er, den SPIEGEL ONLINE nun noch einmal Probe fuhr, war der kleinste und billigste Mercedes seiner Zeit. Er maß gerade einmal 4,04 Meter, wurde für 3425 Reichsmark angeboten und vom ersten Vierzylindermotor der Daimler-Benz AG angetrieben: einer Maschine mit 1,3 Liter Hubraum und 26 PS. Das reicht für 92 km/h Höchstgeschwindigkeit, damals ein Spitzenwert. Allerdings ist Vorsicht geboten: Viel Gewicht im Heck, dazu Hinterradantrieb - da reicht schon ein kleiner Gasstoß für gefährliche Pirouetten.

Obwohl als Auto fürs Volk gedacht, gibt es sogar ein wenig Luxus. Zwar kann der Mercedes 130 dank der neuen Konstruktionsweise nicht mehr mit einem chromglänzenden Kühlergrill protzen, doch wurde der Wagen auch als Cabrio-Limousine angeboten; zudem gibt es eine Warmluftheizung, einen Zigarettenanzünder und eine aufziehbare Uhr.

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Nur der Einstieg ist mühsam, weil die Türen gegen die Fahrtrichtung öffnen und man tief unter dem Dachholmen durchtauchen muss. Sobald man allerdings auf einem der weichen Sessel Platz genommen hat, wirkt der 130 überraschend geräumig - einzig der ewig lange Schaltstock des hakeligen Dreigang-Getriebes mit zusätzlichem Schnellgang ist irgendwie immer im Weg.

Das zweite Heckmotormodell war stärker und komfortabler

Nach zwei Jahren und rund 4300 Autos folgte 1937 der weiterentwickelte 170 H. Das Design war nun verfeinert worden, der Fahrkomfort spürbar besser und vor allem steckte im Heck ein Motor, dessen Hubraum auf 1,7 Liter gewachsen war. Damit kletterte die Leistung auf 38 PS und das Spitzentempo auf 110 km/h. Allerdings stieg auch der Preis auf 4350 Reichsmark und lag damit 600 Reichsmark über dem nach alter Väter Sitte konstruierten 170er mit Frontmotor. Auch das ist ein Grund, weshalb von diesem 170 V fast 70.000, und vom 170 H aber lediglich 1507 Exemplare gebaut werden.

Doch der Heckmotorwagen hatte einen einflussreichen Bewunderer: Adolf Hitler. Bei einem Werksbesuch in Sindelfingen wurde er auf den Wagen aufmerksam und trieb fortan die Entwicklung des Volkswagens voran, berichtet Klassik-Sprecher Ernst. Allerdings hatte Mercedes damit dann nichts mehr zu tun, denn nach Hitlers Willen sollte die Marke die Luxusklasse bedienen, Opel Autos für die Mittelschicht bauen und Ferdinand Porsche einen Volkswagen entwickeln, der dann in einer neuen Fabrik in Wolfsburg produziert werden sollte.

Bei Mercedes knüpfte erst der Smart wieder an die Heckmotortradition an

Dort und an vielen anderen VW-Standorten liefen ab 1945 in fast 60 Jahren mehr als 21 Millionen Käfer von den Bändern. Bei Mercedes jedoch ging die Heckmotorgeschichte nach fünf Jahren und insgesamt etwa 6000 Autos schon wieder zu Ende. 130 H und 170 H sind selbst für eingefleischten Sammler exotische Modelle, auf der Straße werden die Autos oft mit dem VW Käfer verwechselt. Eine Verbindung gibt es ja durchaus. Ernst weist darauf hin, dass Ferdinand Porsche zumindest die ersten drei Dutzend Prototypen des Käfers bei Mercedes in Sindelfingen bauen ließ.

Vielleicht war es gut, dass die Heckmotorautos eine Episode bleiben. "Solche Autos haben damals einfach noch nicht zum Bild von einem Mercedes gepasst und waren ihrer Zeit voraus", glaubt Ernst. Das Problem wiederholte sich in der Mercedes-Geschichte 60 Jahre später noch einmal: Mit dem Smart. Wie die seltenen Oldies trägt auch er den Motor hinten - und hatte ebenfalls einen schweren Start.

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