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Mercedes S-Klasse W140: Wie aus einem Guss

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30 Jahre Mercedes S-Klasse W140 Zu dick für den Autozug

Mercedes zeigt bald die neue S-Klasse. Wird es die beste sein? Die Latte hängt hoch: Die ab 1991 gefertigten Wagen der Baureihe W140 seien unerreicht, finden viele Oldtimerfans - trotz eines anfänglichen Mankos.

Der Autozug nach Sylt. Damit fing alles an. Der war zu schmal. Oder das Auto mit 2,16 Meter zu breit. Jedenfalls passte die neue S-Klasse W140 vor fast 30 Jahren einfach nicht rauf, musste auf Lkw-Waggons ausweichen. Gelächter und Schmach waren groß.

Eigentlich sollte der große Benz 1989 auf den Markt kommen, aber wegen technischer Änderungen am fast fertigen Auto verstrichen zwei Jahre. Ein Grund: Der neue Lexus LS400 war an die S-Klasse herangerückt. Das neue Modell bot auf fast fünf Meter Länge viel Komfort, Luxus und einen starken V8-Motor. Die Mercedes-Entwickler mussten nachbessern.

Doch 1991 war ein denkbar schlechtes Jahr, ein so ausladendes Modell zu präsentieren: US-Soldaten marschierten in den Irak ein, der zweite Golfkrieg bedrohte die Kraftstoffversorgung. Deutschland war gerade wiedervereinigt und stellte sich auf magere Jahre ein. Im Vergleich zur dezenten S-Klasse W126 machte der W140 auf dicke Hose, wirkt noch heute im direkten Vergleich zu groß, zu schwer, zu kantig und zu hässlich. Die "taz" schrieb über den neuen Benz damals: "Ausgeburt von Ingenieurswahn und Klimakiller-Instinkt", "Auto Motor und Sport" allerdings "vom besten Auto der Welt".

Peilstäbe als Einparkhilfe

Der W140 kam zu einer Zeit auf den Markt, als er aneckte und polarisierte. Mit 5,11 Meter ist er deutlich länger als der Vorgänger W126 (4,99 Meter) und erst recht als der VW Golf II (3,98 Meter), damals Urmaß der deutschen Mobilität. Dazu wirkte der komfortable Fahrgastraum wie eine Kapsel, um die herum das Auto gebaut wurde: Motorhaube und Kofferraum sehen von der Seite aus, als seien sie nur angesetzt. Zwei ausfahrbare Peilstäbe im Heck sollen anfangs das Einparken erleichtern. Für Mercedes eine technische Errungenschaft, für Kritiker der Beweis, dass das Auto zu groß ist. Mercedes bekommt ein Imageproblem. Allerdings eher in Deutschland. In Amerika und asiatischen Ländern wird der W140er als Luxuslimousine direkt akzeptiert.

Dort bewundern viele den Fortschritt: Mercedes steckte in die S-Klasse alles, was technisch möglich ist. Das erstmals eingesetzte CAN-Bus-System vernetzt verschiedene Stellmotoren und Steuergeräte, es gibt eine Einparkhilfe (Peilstäbe und später Parktronic), Bremsassistent, Stabilitätsprogramm ESP (ab 1995), Navigationssystem und eine Sprachsteuerung fürs Autotelefon. Bündige doppelt verglaste Seitenscheiben minimieren Windgeräusche. Unter der Haube des S 600 arbeitet zudem ein Zwölfzylinder – als Antwort auf den BMW 750i.

Anfangs stimmte die Qualität nicht. Die Türen zischten, die Außenspiegel flatterten. Das Problem mit dem Autozug wurde mit einklappbaren Außenspiegeln gelöst. Mercedes sah sich genötigt, eine Art Rechtfertigung für das neue Wunderauto zu veröffentlichen. Europäische Kunden bleiben reserviert, sind vom Dicken nicht begeistert: Zwischen 1991 und 1998 verkaufte Mercedes rund 406.000 S-Klassen, beim Vorgänger waren es ab 1979 in etwa demselben Zeitraum 500.000.

Der W140 habe aber seine eigenen Reize und sei die beste S-Klasse, die jemals gebaut wurde, findet Hans-Gerd Brauneiser von der Rheinlandgarage in Köln. "Das ganze Auto wirkt wie aus dem Vollen gefräst. Alle Schalter sind massiv ausgeführt und liegen auch 30 Jahre später gut in der Hand", sagt der Experte. "Dazu kommen Vierventil-Motoren und ab der Modellpflege serienmäßig eine Fünfgang-Automatik mit Wandler-Überbrückungskupplung." Die Motoren sind durch diese Technik stärker (Leistung zwischen 150 PS und 408 PS) und arbeiten effizienter, verbrauchen also weniger.

Manche Komponenten machen Probleme

Die neu entwickelte Doppel-Querlenker-Vorderachse und Raumlenker-Hinterachse bieten viel Fahrkomfort bei präzisem Lenkverhalten. "Erstmals fährt der Pilot mit der S-Klasse und nicht umgekehrt, der Fahrer erhält wirklich ein Gefühl für die Straße. Komfort und Straßenlage sind deutlich besser als beim Vorgänger", sagt Brauneiser. Eine hohe Sicherheitstechnik mit ESP und ASR und ein Rostschutz, der den Namen verdient, sind weitere Vorteile. "Probleme kann jedoch das CAN-Bus-System bereiten, der Klimakompressor und verschiedene Teile des aufwendigen Fahrwerks. Dann wird es meist richtig teuer", erklärt Hans-Gerd Brauneiser.

Es gebe zwei Lager von historischen S-Klasse-Fans, meint Frank Wilke, Geschäftsführer von Classic Analytics, einem Unternehmen zur Marktbeobachtung und Bewertung von Oldtimern. "Diejenigen, die keine Angst vor Elektronik im Auto haben und Wert auf Luxus und Komfort liegen, halten den W140 für die beste jemals gebaute S-Klasse. Fans von Mechanik und leichter Barock-Optik bevorzugen dagegen den W126. Für mich liegen beide Fahrzeuge nahezu gleichauf, die Qualität ist bei beiden untadelig", erklärt Frank Wilke. Seit Jahrzehnten gelte aber unter Mercedes-Fans augenzwinkernd, dass die beste S-Klasse die ist, die gerade eingestellt wurde, ausgenommen der W220 (1998-2005). Bei dem Modell lag Mercedes mit der Qualität völlig daneben. Rost und mitunter unzuverlässige Bremsen machen oft Probleme. Es ist aber auch immer die Frage, wie die Fahrzeuge eingesetzt werden.

Im Gebiet des deutschen Händlernetzes sei ein W140 problemlos instand zu halten, berichten Besitzer. Beim W140 sind die gesuchtesten Modelle die Sechszylinder-Benziner als 300 oder 320 oder der 500er mit V8. Weniger gefragt sind laut Wilke der Dieselantrieb und der V12, der vor allem im Unterhalt sehr teuer ist. Dagegen sind die Modelle heute erschwinglich: Kostete ein 600 SEL 1991 noch 198.360 Mark, der S 500 1994 132.250 Mark und der S300 1994 84.467 Mark, gibt es gut erhaltene Modelle für einen Bruchteil. Nach Angaben von Classic Analytics liegt der aktuelle Wert im Zustand zwei (gut) beim S320 bei 11.800 Euro und beim S500 bei 13.800 Euro.

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Dennoch wächst die Fangemeinde von W140er-Fahrern kaum. Das hat nach Meinung von Frank Wilke zwei Gründe: Zum einen seien Limousinen als Oldtimer- und Youngtimer deutlich weniger begehrt als Sportwagen oder Cabrios. Zum anderen sind viele Fahrzeuge nach Öffnung einiger Ostblockländer als junge Gebrauchte exportiert worden – das Modell ist aus dem deutschen Straßenbild fast verschwunden. Nach Angaben des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) waren zum 01.01.2020 nur noch 4977 W140 in Deutschland angemeldet. "Der W140 ist bei den Fans noch nicht dort angekommen, wo der W126 bereits ist", sagt Frank Wilke.

Kritische Fragen nach Größe und Leergewicht stellt aber heute kaum noch jemand. Im Angesicht all der fetten SUV, die die Innenstädte verstopfen, wirkt ein W140 heute fast ein wenig zierlich.

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