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01. November 2015, 07:46 Uhr

Günstige Oldtimer - Mercedes W124

Ruhe im Salon

Von Haiko Prengel

Wenig Geld, aber trotzdem Lust auf einen Oldtimer? Kein Problem - es gibt sie nämlich, die Schnäppchen-Schlitten. Wir stellen sie vor. Dieses Mal: der Mercedes W124.

Mercedes W124

Allgemeines zum Modell: Mit der Mittelklasse-Baureihe W124 begründete Daimler-Benz seine E-Klasse. Mehr als 2,5 Millionen Exemplare wurden zwischen 1984 und 1996 produziert, dabei wurde die Produktpalette aufgefächert wie nie zuvor: Vom schwerfälligen Diesel bis zum bärenstarken 500E mit V8-Motor reichte das Angebot. Was alle W124 gemein haben: eine solide Bauweise und eine zeitlose Eleganz. Ein Tipp für Familien mit Kindern ist das T-Modell: Der Kombi bietet viel Platz und fährt sich handlich und bequem - der ideale Reisewagen.

Warum ausgerechnet der? Wer Aufmerksamkeit erregen und auf dicke Hose machen will, ist mit dem 124er schlecht beraten. Durch die hohen Stückzahlen und die Verarbeitungsqualität ist er im Straßenbild noch häufig vertreten. Die Optik ist das pure Understatement: Selbst der E500 verrät seine Potenz nur durch minimal weiter ausgestellte Kotflügel und ist deswegen nur für Aficionados zu erkennen.

Es sind die inneren Werte, die den W124 auszeichnen. Er gilt unter vielen Fans und Kennern als "letzter echter Mercedes". Die Verarbeitungsqualität ist herausragend, Motoren und Technik sind ausgesprochen langlebig. Nicht nur die Sechszylinder, sondern auch die kleineren Vierzylinder wie etwa im 230E gelten bei minimaler Pflege als unverwüstlich. Bei einem Tachostand von 200.000 Kilometern sind die Aggregate praktisch erst eingefahren, Laufleistungen von mehr als einer halben Million Kilometern und mehr sind keine Seltenheit.

Wenn die Tür mit dem heute längst ausrangierten Zapfenschloss zufällt wie die eines Tresors, wenn durch die großzügige Dämmung Fahr- und Umweltgeräusche nur noch wie durch eine meterdicke Watteschicht dringen, dann nimmt man Platz in einem Luxus-Resort, wie man es auch bei Mercedes heute nicht mehr baut. Die Einrichtung des Armaturenbretts und der Mittelkonsole ist unprätentiös, aber wie aus dem vollen Holz geschnitzt, sachlich, aber verbindlich.

Hier knarzt und klappert nichts, selbst bei Fahrt über Kopfsteinpflaster hört man bei offenem Fenster höchstens das Schmatzen der Reifen auf den glatten Steinen. Fahrwerke wie die des 124er gibt es heute gar nicht mehr: weich, komfortabel, ohne dabei zu Schaukeleinlagen zu neigen - wer in diesem Auto nicht entspannt, ist ein Fall für den Psychiater.

Verfügbarkeit: Die Bandbreite ist groß: Vom heruntergerockten Kombi mit Wartungsstau und Rest-TÜV bis zum Edel-Coupé, das nie Schnee und Salz gesehen hat, gibt es alles auf dem Markt. Grundsätzlich sollte man sich nicht von hohen Laufleistungen abschrecken lassen. Bei vernünftiger Pflege müssen selbst 250.000 Kilometer auf der Uhr kein Kaufhindernis sein. Wichtiger ist, auf den Zustand der Karosserie zu achten. Wenn sie schlecht in Schuss ist, drohen hohe Folgekosten - insbesondere, wenn man nicht selbst schrauben (und schweißen) kann.

Ersatzteilversorgung: W124-Schrauber sind im Glück, denn Teile gibt es ohne Ende. Viele Ersatzteile findet man auf Schrottplätzen, oder man geht im Internet auf die Suche. Allerdings gibt es teilweise große Qualitätsunterschiede. Billig nachproduzierte Teile gehen häufig schnell kaputt und man zahlt am Ende doppelt. Original-Teile von Mercedes-Benz sind teurer, halten aber auch wesentlich länger.

Ersatzteilpreise (beispielhaft):

- Satz Bremsscheiben vorn: ca. 90 Euro
- Satz Bremsbeläge vorn: ca. 35 Euro
- Kotflügel vorn: ca. 200 Euro
- Lichtmaschine: ca. 150 Euro

Schwachstellen: Richtig große Schwachstellen hat der W124 nicht. Rost ist ein Thema - vor allem an den Kotflügeln. Wenn die gammeln, sind oft auch die Radhäuser dahinter zerfressen. Blühende Landschaften bilden sich auch gerne unter den Scheibendichtungen, hinter den Sacco-Brettern (Seitenschutzleisten) und bei den T-Modellen an der Heckklappe. An der Heckscheibe bildet sich häufig ein milchiger Rand, dann hilft nur der Scheiben-Austausch. Berühmt ist außerdem der Bonanza-Effekt - ein unschönes Aufschaukeln des Motorblocks bei W124 mit Schaltgetriebe.

Teuer kann es werden, wenn eines der Steuergeräte, zum Beispiel für den Motor, den Geist aufgibt. Ein Originalersatzteil von Mercedes-Benz kostet mehr als tausend Euro. Aber in diesen Dingen lohnt sich Recherche, denn es gibt inzwischen Anbieter, die Steuergeräte reparieren - zum Teil sogar mit Garantie.

Preis: Ab tausend Euro kann man einen in jeder Hinsicht gebrauchten W124 bekommen, aber dann sollte man Arbeit und Restaurationsarbeiten nicht scheuen. Gepflegte Modelle sind ab 3500 Euro zu haben. Kombis kosten in der Regel einen Aufschlag. Coupés sind noch teurer, die Preise für Cabrios gehen bereits durch die Decke.

Generell gehen die Preise für alle W124 gerade steil nach oben. Vor allem gut ausgestattete Autos sind nicht mehr günstig zu haben. Schließlich ließ sich der 124er mit allerlei Extras fast bis auf S-Klasse-Niveau ausrüsten und steht so auch heute im Vergleich mit aktuellen Fahrzeugen in Sachen Komfortextras gut da. Interessenten sollten also bald zugreifen, bevor es zu teuer wird, auch bei den dürftig ausgestatteten Fahrzeugen ist ein Preisanstieg zu erwarten.

Anlaufstellen im Internet:

Mercedes Benz W124-Club
Mercedes W124
Mercedes W124 Neupreisrechner
Mercedes Benz Classic

Weitere, fast schon frech günstige Fuhren finden Sie in den vorangegangenen Folgen der Serie:

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