Métisse Desert Racer Comeback für Steve McQueens Motorrad

Ruhiges Putten ist nicht sein Stil. Golfplatz-Besitzer Gerry Lisi testet auf seinem Gelände lieber Motorräder, aber nicht irgendwelche: Er baut Steve McQueens Métisse nach, jene Geländemaschine, die der Star mit einem Kumpel konstruiert hat - eine exklusive Maschine, denn es soll nur 300 Stück geben.

Aus Carswell berichtet


Lisi ist leicht zu finden. Auf dem Gelände des distinguierten Carswell Golf and Country Club rund 100 Kilometer westlich von London riecht es nach britischem Landadel. Nur aus einer unscheinbaren Wellblechhalle hinterm Clubhaus dringt infernalischer Motorenlärm. Einmal kurz rein gebrüllt - und heraus tritt Gerry Lisi. Der Sechzigjährige hat einen formidablen Bierbauch, bewegt sich wie ein Tanzbär, und hat Hände wie ein Hufschmied: "Komm rein, wir testen gerade einen Motor."

In Carswell fertigt Lisi, früher Dachdecker, Landwirt und jetzt Golfplatzbesitzer, die exklusive Métisse Desert Racer - den Nachbau jener Geländemaschine, die Hollywood-Ikone Steve McQueen mit seinem Kumpel und Stunt-Double Bud Ekins für Wüstenausflüge und zum Einsatz beim legendären Baja-1000-Rennen baute. Für eine Auflage von 300 Stück hat sich Lisi, der seit Menschengedenken an Motorrädern schraubt, die Genehmigung von McQueens Sohn Chad geholt. "Steves Namen benutzen zu dürfen, war extrem wichtig für uns", sagt Lisi und blinzelt mit seinen bauernschlauen Äuglein. "Und zum Dank bauen wir das Bike exakt so wie Steve 1966."

Drei Jahre haben die Recherchen für alle Details gedauert. 2008 hat Lisi die ersten Maschinen aus der Garage gerollt. Er streichelt einer sanft über den Tank: "Ist sie nicht eine Schönheit?" Zumindest ist sie fast echt.

Die Triumph-TR6-Paralleltwin-Motoren mit einem Amal-Vergaser und etwa 52 PS stammen aus Gebrauchtmaschinen; fünf Scouts stöbern sie in den Staaten auf. Überholt und runderneuert werden sie in der Nähe von Carswell, von einem Spezialisten, wie Lisi sagt: "Bill Thompson kann im Dunkeln einen TR6-Motor auseinandernehmen und wieder zusammenbauen. Und ich garantiere dir, er läuft." Eingebaut werden die Triebwerke mit Viergang-Getriebe in einen Rohrrahmen in bester Rickman-Manier. Métisse war eine Handelsmarke der bekannten englischen Rahmenbau-Brüder Rickman. Nach dem Schweißen wird der Rahmen in Lisis Halle noch edel vernickelt. "Der Rohrrahmen ist zugleich Öltank, wie beim ursprünglichen Rickman", erklärt Lisi.

Lisis Hang zur Perfektion

Auch die Gabel, die Trommelbremsen und die grauen Kunststoffteile gleichen exakt denen am McQueen-Scrambler. Die Nähe zum Original hat sich inzwischen zu einer formidablen Obsession ausgewachsen; schon die kleinste Ungereimtheit treibt Lisi um: "Die Fußrasten hat Steve selbst gebaut - massive und starre Chromteile; waren nirgendwo mehr zu kriegen, also haben wir sie selbst geschweißt. Aber manche Leute wollen lieber die neuen, klappbaren Modelle montiert haben. Ein Frevel."

Mit oder ohne McQueens Fußrasten kaufen Lisis Kunden einen Vintage-Crosser, wie er exklusiver nicht sein könnte: Selbst die Reihenfolge der Rahmennummern ist auf die Fahrer zugeschnitten. "Nummer 001 hat natürlich Chad McQueen bekommen, aber zurzeit bauen wir gerade die 080 - Steves Todesjahr - und die 040. Die kriegt ein Filmproduzent aus Hollywood zum vierzigsten Geburtstag." Nummer 300 ist auch schon vergeben, an einen französischen Sammler. Knapp 70 Exemplare sind inzwischen an Liebhaber verkauft oder vorab bezahlt worden. Aufträge kommen ständig herein, und die Lieferfrist wird immer länger. Das stört Lisi nicht weiter, er hat seinen eigenen Rhythmus, und seine beiden Mechaniker Steve und Andy arbeiten auch nur Teilzeit.

Zeitmaschine ohne Blinker

Auf die Idee mit der McQueen-Métisse ist Lisi gekommen, nachdem er eine allererste Replika für Sir Anthony Bamford, einen britischen Multimillionär und Motorsport-Fan, zusammengeschraubt hatte. Bamford stellte den Nachbau in der In-Boutique seiner Frau in Downtown London zur Schau - danach stand Lisis Telefon nicht mehr still: "Ich bin gar nicht mehr rangegangen, sondern habe sofort Chad McQueen angerufen." Nach harten Verhandlungen war der Deal perfekt. Was ihm die Signatur des "King of Cool" auf dem Métisse-Tank wert war, verrät Lisi allerdings nicht.

Lisis Maschine jedenfalls kostet umgerechnet 16.220 Euro; das ist ein Klacks für ein Steve-McQueen-Replikat, aber eine Menge Holz für 135 Kilogramm Motorrad, das nicht einmal eine Straßenzulassung besitzt. Wie auch? Eine Batterie oder Lichtanlage gibt es nicht, ebenso wenig Scheinwerfer oder Blinker. Elektrischer Anlasser? Fehlanzeige. Tacho? Nicht vorgesehen. Dafür strömen die Auspuffgase aus den beiden Zylindern in wunderschön geschwungene und ungedämpfte Chromrohre - zur nicht immer ungetrübten Freude der Golffreunde von Carswell.

Lisi aber hat Spaß, viel Spaß. Er flutet den Vergaser mit Sprit, bis er überläuft, und wirft sein volles Kampfgewicht auf den Kickstarter, bevor der Motor zum Leben erwacht. "So eine überholte Maschine muss mindestens Hundert Kilometer eingefahren werden, bevor wir sie an die neuen Besitzer ausliefern können", lacht er und brettert hinaus auf seinen Golfplatz wie einst Steve McQueen in die Wüste. Und plötzlich ist die Erkenntnis da: Lisi, der alte Fuchs, baut gar kein Motorrad, sondern einen Zeit-Raum-Simulator. Und dafür ist natürlich jeder Preis gerechtfertigt.



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