Militärjeep Willys MB Teufel unter der Haube

Er gilt als Großvater des Geländewagens. Gebaut für den Einsatz im Zweiten Weltkrieg, avancierte der Willys MB zum Vorbild für viele weitere Jeeps. Erstaunlich: Das Fahrgefühl des Offroad-Opas ist viel filigraner, als es sein Äußeres erwarten lässt.

Tom Grünweg

Viel Zeit blieb den Technikern nicht. Gerade mal 75 Tage räumten die Einkäufer der US-Army den interessierten Autoherstellern ein, um ein "leichtes Aufklärungsfahrzeug mit höchster Mobilität und Geländegängigkeit" zusammenzubauen und gleich die ersten 70 Prototypen abzuliefern. Eile war geboten, weil die USA vor dem Eintritt in den Zweiten Weltkrieg standen. Dafür brauchten sie noch ein modernes Einsatzfahrzeug.

Die Ausschreibung vom 27. Juni 1940 ging an mehr als 135 Unternehmen, erfüllt haben den Auftrag jedoch nur drei von ihnen: Bantam, Ford und Willys Overland. Willys' Entwurf mit dem Kürzel MA (M für Military, A für die erste Serie) beeindruckte die Army-Tester mit seinem starken Motor und dem niedrigen Preises von 739 US-Dollar so sehr, dass das Pentagon nach geringfügigen Änderungen einen Großauftrag erteilte. Gebaut wurde der Allradler fortan unter dem Kürzel MB.

Weil die Kapazität der Firma Willys aus Toledo im US-Staat Ohio nicht ausreichte, erhielten auch andere Hersteller wie Ford die Lizenz zum Nachbau. Sie übernahmen rund die Hälfte der Produktion. Mit den bis Kriegsende rund 630.000 gebauten MB-Modellen trugen Willys und Ford so ihren Teil zum Sieg der Alliierten bei. Mit dem vom Volksmund als "Jeep" bezeichneten Allradler konzipierten sie aber auch den ersten echten Geländewagen. Er diente später auch Autos wie dem Land Rover Defender, der Mercedes G-Klasse oder dem Toyota Land Cruiser als Vorbild.

Die Namenshistorie ist umstritten

Bis heute wird darüber gestritten, woher der Name Jeep stammt. Die einen Autoexperten führen ihn zurück auf die Comicfigur "Eugene the Jeep" aus frühen Popeye-Geschichten, andere sagen, das Wort sei die Lautschrift der Abkürzung "GP", die für "General Purpose"-Vehicles (Allzweck-Fahrzeuge) steht. Mittlerweile steht der Begriff Jeep jedenfalls für eine ganze Gattung: So wie jedes fast Papiertaschentuch ein Tempo ist und jeder Klebestreifen ein Tesafilm, so ist seit nunmehr 70 Jahren jeder Geländewagen ein Jeep.

Eine Testfahrt mit dem Willys-Klassiker aus dem Baujahr 1944 ist ein kleines Abenteuer: Ständig fühlt man sich in die Vergangenheit versetzt. Vor dem geistigen Auge laufen fast automatisch Filmszenen ab, in denen rauchende GIs in Jeeps durchs Bild preschen - und eine riesige Staubfahne hinter sich lassen.

Unter der Haube grummelt der "Go Devil"

Die Maschine des Willys MB verfügt über 2,2 Liter Hubraum und erhielt den Namen "Go Devil" - für damalige Verhältnisse lief das 60-PS-Aggregat nämlich wie der Teufel. Aus heutiger Sicht verläuft eine Fahrt mit dem berühmten Jeep allerdings eher gemächlich. Man sitzt hinter einem dürren Lenkrad und rührt zunächst etwas ratlos mit dem Schaltstock.

Hat man endlich den ersten der drei Gänge gefunden (oben links sitzt der Rückwärtsgang), kommt der 1,1 Tonnen schwere Army-Veteran nur langsam in Fahrt. Doch Geduld und Zähigkeit zahlen sich aus: Im Fahrtwind erreicht man letztendlich doch noch ein Tempo von rund 100 Stundenkilometer. Das Fahrgefühl ist dabei ungewohnt und weitaus filigraner, als man es von einem rustikalen Militärauto erwartet.

Natürlich soll der Oldie auch seine Geländegängigkeit demonstrieren. Zwei knochige Knüppel im Fußraum machen den Willys zum Wühler: Der linke schaltet die Vorderachse zu und macht den Jeep zum Allradler, der rechte aktiviert die Geländeuntersetzung. Danach nimmt der Veteran auch Steigungen von 60 Prozent und wühlt sich praktisch überall durch.

Nach dem Krieg wurde eine zivile Version entwickelt

Vieles, was noch heute einen guten Geländewagen ausmacht, ist beim Willys MB schon an Bord gewesen - nur etwas anders konstruiert. Den Sicherheitsgurt schließt man zum Beispiel wie einen Gürtel vor dem Bauch, anstelle von Türen gibt es eine dünne Kette. Die Scheibenwischer werden von Hand bedient, vorzugsweise durch den Beifahrer. Und für den Fall, dass der Wagen aus eigener Kraft nicht mehr weiter kommt, klemmen an der Flanke Spaten und Axt. Selbst eine Art Klimaanlage ist an Bord - das Verdeck lässt sich aufknöpfen und die Frontscheibe ist umklappbar.

1945, nach dem Krieg, wurde unter dem Kürzel "CJ" (Civil Jeep) eine zivile Version des Willys MB entwickelt. Und auch in anderen Modellen lebte der Wagen weiter. Man muss sich nur einmal den aktuellen Jeep Wrangler anschauen, ein Auto, das ähnlich grob und eckig aussieht. Zudem fährt es sich gemessen an modernen Modellen wie dem Jeep Grand Cherokee ebenso raubeinig wie der Offroad-Opa. In der Verkaufsstatistik der Marke Jeep spielt der Wrangler allerdings eine Nebenrolle. Immerhin scheint das Willys-Erbe trotzdem gesichert, 2014 soll die nächste Generation des Klassikers auf den Markt kommen.

Gut erhaltene Modelle des Willys MB zu finden, erweist sich heutzutage übrigens als schwierig. Fahrzeuge der ersten Baujahre kosten mittlerweile mindestens 15.000 Euro und werden nur selten verkauft.



insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hokie 13.10.2011
1. i luv my YJ
---Zitat--- Zudem fährt es sich gemessen an modernen Modellen wie dem Jeep Grand Cherokee ebenso raubeinig wie der Offroad-Opa. ---Zitatende--- das sehe ich ein wenig anders. HardTop, feste Tueren und eine standart Bereifung, dann faehrt sich der JK nicht anders als jedes andere Automobil dieser "Klasse"!!! Ein 4wd ist nunmal kein Jaguar oder S-Klasse ... verfuegbares ESP, ABS, Servo (ggf HSA & TSC) ist alles andere als Raubeinig ! (zumindest fuer einen 'jeeper') Ein Wrangler ist ein Wrangler! Kein Familientaxi, kein Vernunftauto und erst recht kein 'Oekobegluecker'... ist er zu hart bist du zu schwach !
mrosteck@hotmail.com 13.10.2011
2. Willys Jeeps
Ich lebte viele Jahre in Aegypten und machte in dieser Zeit die Wueste unsicher. So auch die Gegend hinter 6th of October City unweit von Kairo, wo ich ca. 1997 ungefaehr 6 bis 7 alte, ausgebombte Fords und Willys entdeckte. Eine meiner Theorien war, dass die Deutschen Versorgungskonvoys der Briten angegriffen hatten. Jedenfalls lagen dort etliche halb-zerstoerte Willys, und ich hatte oft ueberlegt, einen (irgendwie) mitzunehmen. Mein letzter Trip dorthin, ca. 2005, endete mit einer Enttaeuschung: saemtliche Wracks waren verschwunden....einfach so!
blob123y 13.10.2011
3. Wer die Dinger original in Aktion sehen will
soll mal da schauen: http://www.allmyanmar.com/myanmar-car/Myanmar-Jeep.html Ausserdem werden die auch nachgebaut mit chinesischen und Thailaendischen Teilen.
eltoubib 13.10.2011
4. Aber klar!
Zitat von blob123ysoll mal da schauen: http://www.allmyanmar.com/myanmar-car/Myanmar-Jeep.html Ausserdem werden die auch nachgebaut mit chinesischen und Thailaendischen Teilen.
Ich kauf' 'ner Diktatur ein Fahrzeug ab ... Als ich Kind war, machten wir nicht einmal in Spanien Urlaub, solange es dort den Caudillo noch gab, so eines Haß hatten meine Eltern gegen jegliche Diktatur (Bevor jemand dumm nachfragt: Auch die Ostzone war für meinen Vater eine solche, hatte sie doch seinen Bruder durch den Mauerbau '61 eingesperrt.)! Und ich bin - zumindest politisch - ein braver Schüler meiner Eltern.
peterro 13.10.2011
5. Geräusche wecken Erinnerungen
Zitat von sysopEr*gilt als*Großvater des Geländewagens. Gebaut für den Einsatz im Zweiten Weltkrieg,*avancierte der Willys MB zum Vorbild für viele weitere Jeeps.*Erstaunlich:*Das Fahrgefühl des*Offroad-Opas*ist viel filigraner, als*es sein Äußeres erwarten lässt. http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/0,1518,789993,00.html
Als ich das erste Foto vom "Willy" sah, dachte auch ich zuerst an US-Militär. Doch als ich mir den Soundcheck anhörte, kamen in mir Erinnerungen an meine Kindheit und meine frühe Jugend hoch, Bilder, die seit Jahrzenhnten vergraben waren. Der Grund: Auch in meiner Heimatstadt Lüdenscheid waren seit 1946 belgische Streitkräfte stationiert, und die Willys waren für mich im Stadtbild so normal wie ein Volkswagen, ein Opel oder ein Ford. Mein Elternhaus lag am Stadtrand und somit nur einige hundert Meter entfernt vom ehemaligen Kasernengelände. Auf einer Gedenktafel am alten Kasernengelände steht: "Sie kamen als Besatzungstruppen, wurden zu NATO-Partnern und schieden als Freunde." Dem ist von meiner Seite aus nichts hinzuzufügen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.