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31. Mai 2016, 15:53 Uhr

Mille Miglia im Mercedes SS

Rüstiger Renner

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Während die Preise für jüngere Oldtimer teilweise durch die Decke gehen, führen die richtig alten Eisen eher ein Schattendasein. Zu Unrecht, findet Tom Grünweg nach einer Mille Miglia im Mercedes von 1930.

Seit fast 30 Jahren habe ich meinen Führerschein. In dieser Zeit bin ich so ziemlich alles gefahren, was Räder hat: alte Autos, junge Auto, starke Autos und schwache. Und doch hab ich vom Autofahren bislang offenbar nichts verstanden. Das zumindest war die etwas ernüchternde Erkenntnis, die ich vor ein paar Tagen bei der Mille Miglia hatte.

Ausgerechnet beim wohl berühmtesten Oldtimer-Rennen der Welt bin ich zum ersten Mal in einem Vorkriegsfahrzeug gefahren. Einem Mercedes SS aus dem Jahr 1930. Der Wagen war zu seiner Zeit ein herausragendes Stück Technologie. Ein Rennwagen, der vom Mercedes-Werk bei zahlreichen Motorsportveranstaltungen erfolgreich eingesetzt wurde und gleichzeitig sozusagen Stangenware war: Als Teil der ganz normalen Serienfertigung konnte er - entsprechendes Kapital vorausgesetzt - von jedermann gekauft werden. Nur wie der Wagen von jedermann gefahren werden sollte, das ist mir nach meinen Tagen mit dem Wagen nicht ganz klar.

Einfach einsteigen und losfahren - das geht bei einem Oldtimer dieses Kalibers nämlich nicht. Schon das Anlassen ist eine Wissenschaft für sich. Erst muss man mit einer Luftpumpe den Druck im Tanksystem erhöhen, dann mit zwei Hebeln am Lenkrad Zündzeitpunkt und Standgas justieren, bevor man den Startknopf drücken kann. Was den Stress nicht gerade reduziert: Jeder Fehler in dieser Prozedur kann einen kapitalen Motorschaden nach sich ziehen.

Entspannt cruisen? Nicht in diesem Auto

Läuft der Motor erst mal, ist noch lange keine Entspannung in Sicht. Das Schalten mit dem nicht synchronisierten Getriebe ist eine Geduldsprobe, der Vorgang, den man im modernen Auto wie im Schlaf erledigt, ist hier ein ganz eigener Akt: Mörderschwere Kupplung treten, Gang herausnehmen, mörderschwere Kupplung wieder loslassen (gedrückt halten ist keine Option, dann geht der Gang nicht rein). Dann mit dem Gaspedal kurz Zwischengas geben, aber nicht zu viel. Achtung! Gas und Bremse sind vertauscht, das Bremspedal sitzt ganz rechts und das Gaspedal in der Mitte, wie bei fast allen Autos jener Zeit. Dann Kupplung wieder treten und mit viel Gefühl den langen Hebel führen, mit dem man die Ritzel des Getriebes dirigiert.

Auf den ersten Kilometern im SS verstehe ich nur zu gut, dass sich für viele Menschen die Faszination für Vorkriegsfahrzeuge in engen Grenzen hält. Ich habe mich immer gefragt, warum die ganz alten Oldtimer vom Boom fürs automobile Altmetall nicht so recht profitieren. Jetzt weiß ich es.

Doch dann ändert sich das von Grund auf. Aus Bedenkenträgerei wird Begeisterung, dieses ganz und gar andere Autofahren, das all meine Konzentration, meine ganze Kraft, den Einsatz all meiner Sinne erfordert, ergreift Besitz von mir. Jedes Mal, wenn ich den Gang auch nur halbwegs geschmeidig ins sperrige Getriebe bekomme, jubiliere ich innerlich. Wenn ich die Kraft, die die schwergängige Lenkung erfordert - es ist, als wolle man mit einem Gullideckel Frisbee spielen -, so einteile, dass ich den Wagen zumindest irgendwo nahe der Ideallinie um die Kurve gewuchtet bekomme, fluten die Endorphine mein Gehirn.

Hinter dem Steuer dieses Autos wird man zwangsläufig zum Helden, gegen den Ritt auf dem SS ist die Mille-Teilnahme im Flügeltürer 300 SL kaum mehr als eine Spritztour für Sonntagsfahrer. Die Zuschauer sehen das offenbar genauso: Bei jeder Ortsdurchfahrt mit dem Auto ertönt frenetischer Jubel.

Am Speed des SS liegt es sicher nicht, es gibt bei der Mille viele wesentlich schnellere Fahrzeuge. Doch weil einem von dem Maschinenlärm des Autos nach ein paar Stunden Fahrt die Ohren klingeln und ob der Hitzeentwicklung des sieben Liter fassenden Sechszylinders die Füße kochen, wirken 80 Kilometer pro Stunde hinter dem Steuer des SS wie 180 Kilometer pro Stunde in einem neueren Sportwagen. Und dieses Gefühl lässt sich noch steigern.

Schmerzhafter Leistungsschub

Der SS verfügt nämlich über einen Roots-Kompressor: Der lässt sich durch Durchtreten des Gaspedals bis zum Bodenblech aktivieren und entlockt dem Giganten noch einmal mehr Leistung. Nicht länger als fünf bis acht Sekunden am Stück, aber für längere Perioden reicht die Kraft im Bein eh nicht aus.

Ist der Schmerz in der Fußsohle ignoriert und das Pedal bis zum Anschlag durchgetreten, wird der Motorenklang noch einmal lauter und noch durchdringender. Es klingt wie das Brüllen eines wütenden Elefanten. Ansonsten passiert erst mal nichts. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiund ... Wooooaaaaaahhhh!!! Plötzlich schiebt der Wagen los, stürmt erbarmungslos nach vorne.

Ich habe fast einen ganzen Tag lang gebraucht, bis ich mich zum ersten Mal traute, dieses Monster zu entfesseln. Und auch danach habe ich den Roots-Kompressor nur mit Bedacht eingesetzt: Nur auf Geraden, nur zum Überholen. Höchstens ein, zwei Mal die Stunde.

Kleine Notoperationen erhalten die Fahrbereitschaft

Dass ich meine Jungfernfahrt in einem Vorkriegsauto ausgerechnet bei der Mille Miglia erlebt habe, ist für meine Begeisterung natürlich nicht ganz unerheblich. Hier bewegt man den Wagen nicht mit Samthandschuhen über den abgesperrten Golfplatz einer Concourse-Veranstaltung, wie es für Fahrzeuge dieser Gattung inzwischen eher üblich ist. Sondern man kämpft sich durch das organisierte Chaos des italienischen Straßenverkehrs und kann deshalb zumindest halbwegs ermessen, wie sich Autofahrer vor 60, 70 Jahren gefühlt haben müssen.

Dabei lerne ich wieder, was ich und andere Autofahrer längst vergessen haben: Ankommen war lange keine Selbstverständlichkeit und Autofahren früher ein Teamsport. Weil man als Fahrer mit der Technik viel zu beschäftigt ist, braucht man einen pfiffigen Beifahrer, der Verkehr und die Route im Blick behält. Technisches Geschick kann auch nicht schaden: Auf der Fahrt verschliss der SS alleine 24 Zündkerzen und musste auch ansonsten mit manch kleiner Notoperation am Leben gehalten werden.

Als ich nach vier Tagen wieder in Brescia ankomme, bin ich kaputt wie nach einem Marathon, nein eigentlich nach vier Marathons. Es gibt einen guten Grund, weshalb Autofahrer früher Kraftfahrer genannt wurden. Und ich bin glücklich. Ich merke, wie aus der Sehnsucht nach einem Vorkriegsauto eine Sucht werden könnte. Das Gefühl, es geschafft zu haben, ein Auto wirklich zu beherrschen, ja: ein Held zu sein, ist so erhebend, dass ich den Wagen am liebsten auf eigener Achse zurück ins Mercedes-Museum bringen würde.

Ich will auch!

Oder ich kaufe mir gleich einen eigenen Vorkriegswagen. Bei Autoscout zum Beispiel sind gerade mehr als 150 Autos mit Bauchjahren von 1910 bis 1930 gelistet, und das billigste kostet keine 5000 Euro. Mir soll es recht sein, wenn alle anderen nach Youngtimern schauen, dann werden die Vorkriegsautos noch billiger und ich kann mir vielleicht wirklich eines leisten. Es muss ja nicht gleich der Rote Riese von der Mille Miglia sein.

Für alle anderen Autos jedenfalls bin ich auf immer und ewig verdorben. Das habe ich gleich gemerkt, als ich nach 1600 zum Ende hin erfreulich routiniert und schmerzfrei geschalteten Kilometern aus Italien zurück wieder in meinem halbwegs aktuellen Kompaktklassewagen saß - und den Wagen erst einmal abgewürgt habe.

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