Mille Miglia im Mercedes SS Rüstiger Renner

Während die Preise für jüngere Oldtimer teilweise durch die Decke gehen, führen die richtig alten Eisen eher ein Schattendasein. Zu Unrecht, findet Tom Grünweg nach einer Mille Miglia im Mercedes von 1930.

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Seit fast 30 Jahren habe ich meinen Führerschein. In dieser Zeit bin ich so ziemlich alles gefahren, was Räder hat: alte Autos, junge Auto, starke Autos und schwache. Und doch hab ich vom Autofahren bislang offenbar nichts verstanden. Das zumindest war die etwas ernüchternde Erkenntnis, die ich vor ein paar Tagen bei der Mille Miglia hatte.

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Ausgerechnet beim wohl berühmtesten Oldtimer-Rennen der Welt bin ich zum ersten Mal in einem Vorkriegsfahrzeug gefahren. Einem Mercedes SS aus dem Jahr 1930. Der Wagen war zu seiner Zeit ein herausragendes Stück Technologie. Ein Rennwagen, der vom Mercedes-Werk bei zahlreichen Motorsportveranstaltungen erfolgreich eingesetzt wurde und gleichzeitig sozusagen Stangenware war: Als Teil der ganz normalen Serienfertigung konnte er - entsprechendes Kapital vorausgesetzt - von jedermann gekauft werden. Nur wie der Wagen von jedermann gefahren werden sollte, das ist mir nach meinen Tagen mit dem Wagen nicht ganz klar.

Einfach einsteigen und losfahren - das geht bei einem Oldtimer dieses Kalibers nämlich nicht. Schon das Anlassen ist eine Wissenschaft für sich. Erst muss man mit einer Luftpumpe den Druck im Tanksystem erhöhen, dann mit zwei Hebeln am Lenkrad Zündzeitpunkt und Standgas justieren, bevor man den Startknopf drücken kann. Was den Stress nicht gerade reduziert: Jeder Fehler in dieser Prozedur kann einen kapitalen Motorschaden nach sich ziehen.

Entspannt cruisen? Nicht in diesem Auto

Läuft der Motor erst mal, ist noch lange keine Entspannung in Sicht. Das Schalten mit dem nicht synchronisierten Getriebe ist eine Geduldsprobe, der Vorgang, den man im modernen Auto wie im Schlaf erledigt, ist hier ein ganz eigener Akt: Mörderschwere Kupplung treten, Gang herausnehmen, mörderschwere Kupplung wieder loslassen (gedrückt halten ist keine Option, dann geht der Gang nicht rein). Dann mit dem Gaspedal kurz Zwischengas geben, aber nicht zu viel. Achtung! Gas und Bremse sind vertauscht, das Bremspedal sitzt ganz rechts und das Gaspedal in der Mitte, wie bei fast allen Autos jener Zeit. Dann Kupplung wieder treten und mit viel Gefühl den langen Hebel führen, mit dem man die Ritzel des Getriebes dirigiert.

Auf den ersten Kilometern im SS verstehe ich nur zu gut, dass sich für viele Menschen die Faszination für Vorkriegsfahrzeuge in engen Grenzen hält. Ich habe mich immer gefragt, warum die ganz alten Oldtimer vom Boom fürs automobile Altmetall nicht so recht profitieren. Jetzt weiß ich es.

Doch dann ändert sich das von Grund auf. Aus Bedenkenträgerei wird Begeisterung, dieses ganz und gar andere Autofahren, das all meine Konzentration, meine ganze Kraft, den Einsatz all meiner Sinne erfordert, ergreift Besitz von mir. Jedes Mal, wenn ich den Gang auch nur halbwegs geschmeidig ins sperrige Getriebe bekomme, jubiliere ich innerlich. Wenn ich die Kraft, die die schwergängige Lenkung erfordert - es ist, als wolle man mit einem Gullideckel Frisbee spielen -, so einteile, dass ich den Wagen zumindest irgendwo nahe der Ideallinie um die Kurve gewuchtet bekomme, fluten die Endorphine mein Gehirn.

Hartes Stück Arbeit: die Fahrt im Mercedes SS von 1930
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Hartes Stück Arbeit: die Fahrt im Mercedes SS von 1930

Hinter dem Steuer dieses Autos wird man zwangsläufig zum Helden, gegen den Ritt auf dem SS ist die Mille-Teilnahme im Flügeltürer 300 SL kaum mehr als eine Spritztour für Sonntagsfahrer. Die Zuschauer sehen das offenbar genauso: Bei jeder Ortsdurchfahrt mit dem Auto ertönt frenetischer Jubel.

Am Speed des SS liegt es sicher nicht, es gibt bei der Mille viele wesentlich schnellere Fahrzeuge. Doch weil einem von dem Maschinenlärm des Autos nach ein paar Stunden Fahrt die Ohren klingeln und ob der Hitzeentwicklung des sieben Liter fassenden Sechszylinders die Füße kochen, wirken 80 Kilometer pro Stunde hinter dem Steuer des SS wie 180 Kilometer pro Stunde in einem neueren Sportwagen. Und dieses Gefühl lässt sich noch steigern.

Schmerzhafter Leistungsschub

Der SS verfügt nämlich über einen Roots-Kompressor: Der lässt sich durch Durchtreten des Gaspedals bis zum Bodenblech aktivieren und entlockt dem Giganten noch einmal mehr Leistung. Nicht länger als fünf bis acht Sekunden am Stück, aber für längere Perioden reicht die Kraft im Bein eh nicht aus.

Ist der Schmerz in der Fußsohle ignoriert und das Pedal bis zum Anschlag durchgetreten, wird der Motorenklang noch einmal lauter und noch durchdringender. Es klingt wie das Brüllen eines wütenden Elefanten. Ansonsten passiert erst mal nichts. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiund ... Wooooaaaaaahhhh!!! Plötzlich schiebt der Wagen los, stürmt erbarmungslos nach vorne.

Ich habe fast einen ganzen Tag lang gebraucht, bis ich mich zum ersten Mal traute, dieses Monster zu entfesseln. Und auch danach habe ich den Roots-Kompressor nur mit Bedacht eingesetzt: Nur auf Geraden, nur zum Überholen. Höchstens ein, zwei Mal die Stunde.

Kleine Notoperationen erhalten die Fahrbereitschaft

Dass ich meine Jungfernfahrt in einem Vorkriegsauto ausgerechnet bei der Mille Miglia erlebt habe, ist für meine Begeisterung natürlich nicht ganz unerheblich. Hier bewegt man den Wagen nicht mit Samthandschuhen über den abgesperrten Golfplatz einer Concourse-Veranstaltung, wie es für Fahrzeuge dieser Gattung inzwischen eher üblich ist. Sondern man kämpft sich durch das organisierte Chaos des italienischen Straßenverkehrs und kann deshalb zumindest halbwegs ermessen, wie sich Autofahrer vor 60, 70 Jahren gefühlt haben müssen.

Dabei lerne ich wieder, was ich und andere Autofahrer längst vergessen haben: Ankommen war lange keine Selbstverständlichkeit und Autofahren früher ein Teamsport. Weil man als Fahrer mit der Technik viel zu beschäftigt ist, braucht man einen pfiffigen Beifahrer, der Verkehr und die Route im Blick behält. Technisches Geschick kann auch nicht schaden: Auf der Fahrt verschliss der SS alleine 24 Zündkerzen und musste auch ansonsten mit manch kleiner Notoperation am Leben gehalten werden.

Als ich nach vier Tagen wieder in Brescia ankomme, bin ich kaputt wie nach einem Marathon, nein eigentlich nach vier Marathons. Es gibt einen guten Grund, weshalb Autofahrer früher Kraftfahrer genannt wurden. Und ich bin glücklich. Ich merke, wie aus der Sehnsucht nach einem Vorkriegsauto eine Sucht werden könnte. Das Gefühl, es geschafft zu haben, ein Auto wirklich zu beherrschen, ja: ein Held zu sein, ist so erhebend, dass ich den Wagen am liebsten auf eigener Achse zurück ins Mercedes-Museum bringen würde.

Ich will auch!

Oder ich kaufe mir gleich einen eigenen Vorkriegswagen. Bei Autoscout zum Beispiel sind gerade mehr als 150 Autos mit Bauchjahren von 1910 bis 1930 gelistet, und das billigste kostet keine 5000 Euro. Mir soll es recht sein, wenn alle anderen nach Youngtimern schauen, dann werden die Vorkriegsautos noch billiger und ich kann mir vielleicht wirklich eines leisten. Es muss ja nicht gleich der Rote Riese von der Mille Miglia sein.

Für alle anderen Autos jedenfalls bin ich auf immer und ewig verdorben. Das habe ich gleich gemerkt, als ich nach 1600 zum Ende hin erfreulich routiniert und schmerzfrei geschalteten Kilometern aus Italien zurück wieder in meinem halbwegs aktuellen Kompaktklassewagen saß - und den Wagen erst einmal abgewürgt habe.



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Seite 1
breizh44 31.05.2016
1. Schade...
daß das Oldtimer-Hobby heute für diejenigen mit Benzin im Blut, die Freude an der außergewöhnlichen Technik haben und die sich nicht scheuen, sich die Finger schmutzig zu machen, langsam unerschwinglich wird. Da ist es doch gut, daß gerade die technisch interessanten Vorkriegsautos, in denen man das Fahrgefühl von vorgestern hautnah erleben kann, vom Boom, den die elitären Kapitalanleger mit zwei linken Händen angefacht haben, verschont bleibt. Auch diese Blase wird eines Tages platzen.
3daniel 31.05.2016
2. Sehr schöner Artikel
Besonders das "abwürgen" am Schluss, habe echt gelacht. Macht Lust auch mal in so einem "Boliden" zu sitzen. Bin die letzten zwei Tage als Ersatzwagen in einem 2er Van von BMW unterwegs gewesen. So eine Schüssel für 40k€, ich habe nur den Kopf geschüttelt das die auch nur einen davon verkaufen (und ich bin BMW seit Jahren treu).
3770 31.05.2016
3. Der Boom ist doch schon lange durch...
...bei den Vorkriegsfahrzeugen und hat alles, was Rang und Namen hat, längst auf ein solides Niveau gehoben. Wie den Mercedes SS im Artikel, der den Gegenwert eines sehr großzügig geschnittenen Eigenheims haben dürfte. Mag ja sein, dass man einen Ford T in passablem Zustand für 25.000 bekommt, von denen gibt's noch genug. Ab 5 Mille kauft man dagegen eher einen Haufen Altmetall als eine Restaurierungsbasis... und muss wahrscheinlich mehr Geld für die Suche nach Ersatzteilen aufwenden, als die Teile dann selbst kosten. Das erfordert doch einiges an Leidensfähigkeit. Abgesehen davon: Tom Grünweg, Sie Glückspilz! Schon die Teilnahme an der Mille Miglia ist (und bleibt für die meisten von uns) ein Traum, aber in so einem Auto - ich geb's zu, ich bin ein ganz klein bisschen neidisch. :-)
k70-ingo 31.05.2016
4.
Zitat von breizh44daß das Oldtimer-Hobby heute für diejenigen mit Benzin im Blut, die Freude an der außergewöhnlichen Technik haben und die sich nicht scheuen, sich die Finger schmutzig zu machen, langsam unerschwinglich wird. Da ist es doch gut, daß gerade die technisch interessanten Vorkriegsautos, in denen man das Fahrgefühl von vorgestern hautnah erleben kann, vom Boom, den die elitären Kapitalanleger mit zwei linken Händen angefacht haben, verschont bleibt. Auch diese Blase wird eines Tages platzen.
Keine Sorge, die von Ihnen erwähnte Klientel ist von der Preisentwicklung kaum betroffen - weil es alte Hasen mit über Jahre hinweg geknüpften Beziehungen sind, die ihre Quellen, bzw. seit langer Zeit ihre Schäfchen im Trockenen haben. Einsteiger mit Enthusiasmus, die aber noch nicht in der Szene vernetzt sind, haben es schwer. Da hilft auch Geld nicht sonderlich, bzw. kann sogar kontraproduktiv sein, weil Newbies die Geschäftlesmacherfraktion anzieht, die bei den Silberrücken keine Chance haben. Denn man kennt sich in der Szene.
lynx2 01.06.2016
5. Wer nur Enthusiasmus mitbringt, aber...
Zitat von k70-ingoKeine Sorge, die von Ihnen erwähnte Klientel ist von der Preisentwicklung kaum betroffen - weil es alte Hasen mit über Jahre hinweg geknüpften Beziehungen sind, die ihre Quellen, bzw. seit langer Zeit ihre Schäfchen im Trockenen haben. Einsteiger mit Enthusiasmus, die aber noch nicht in der Szene vernetzt sind, haben es schwer. Da hilft auch Geld nicht sonderlich, bzw. kann sogar kontraproduktiv sein, weil Newbies die Geschäftlesmacherfraktion anzieht, die bei den Silberrücken keine Chance haben. Denn man kennt sich in der Szene.
...keine Ahnung von dieser alten Autotechnik hat und zudem nicht das nötige Kleingeld mitbringt, der sollte die Finger davon lassen. Und sich nicht von Lifestyle-Fuzzies und Bankenheinis erzählen lassen, daß diese Fahrzeuge eine Kapitalanlage wären.
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