Mini-Motorräder Skurriles Verbot in den USA

Nichts ist Amerikanern heiliger als der Schutz ihrer Bürger. Nach dem Willen der Verbraucherschützer gilt das auch für motorisierte Kinder. Deshalb hat sie ein Verbot von Mini-Bikes durchgesetzt. Die Begründung liest sich jedoch abenteuerlich.


Verbraucherschutz treibt manchmal seltsame Blüten: Klar, giftstoffhaltige T-Shirts und Beißringe müssen vom Markt. Und selber schuld ist, wer Gentech-Gemüse oder manipulierte Hamburger zu sich nimmt. Doch das ist neu: Nach dem gestern in den USA in Kraft getretenen Consumer Product Safety Improvement Act (CPSIA) macht sich auch strafbar, wer Motorräder für Kinder unter zwölf Jahren auf den Markt bringt und verkauft. Wer es trotzdem tut, muss bluten: Haftstrafen bis zu vier Jahren und Geldbußen von 100.000 Dollar drohen. Ab August sollen sogar Geldbußen bis zu 15 Millionen Dollar drohen.

Die neue Regelung, die bereits 2008 auf Initiative der Bush-Administration im Senat und Repräsentantenhaus fast einstimmig verabschiedet wurde, betrifft sowohl neue Offroad-Cross-Flitzer als auch gebrauchte Kids-Bikes und den Verkauf von Ersatzteilen. Der Markt ist damit tot.

Das Verbot trifft vor allem japanische Marken wie Honda, aber auch den österreichischen Hersteller KTM, der wegen der Finanzkrise ohnehin schon über hundert Mitarbeiter entlassen muss. Die KTM-Kids-Bikes, wie alle anderen nicht für den Straßenverkehr zugelassen aber von den Offroad-begeisterten Amis gerne gekauft, waren bisher ein Standbein im US-Geschäft.

Wilfried Stock von KTM Investor Relations: "Wir haben das nicht erwartet. Unsere Rechtsabteilung beschäftigt sich zurzeit mit dem Verbot, und wir versuchen wie andere Hersteller auch, eine Ausnahmeregelung zu erreichen." Ganz wohl war KTM bei dem Nischenmarkt ohnehin nicht. "Bei den Mini-Motorrädern stehen ohnehin andere Fragen im Vordergrund, etwa nach der pädagogischen Verantwortung der Eltern", sagt Stock. Das Mini-Bike-Segment sei aber ohnehin rückläufig und nicht der Wachstumstreiber der Branche.

Wartezeit für Ausnahmegenehmigung

Ausnahmen vom jetzt hereingebrochenen generellen Verbot wären nur möglich, wenn Bikes wie Honda CRF50F oder KTM 50 SX Junior von speziell lizenzierten US-Laboren getestet würden - doch die sind ausgelastet. Die Wartelisten für Hersteller von Kinderprodukten sind lang - man rechnet mit mehren Monaten für die mögliche Ausstellung eine Ausnahmegenehmigung.

Auch Honda USA wurde vom Inkrafttreten des Verbraucherschutzgesetzes kalt erwischt. Auf der amerikanischen Honda-Website wurden die Kids-Bikes am 11. Januar immer noch beworben, obwohl ein internes Händlerrundschreiben darauf hinweist: "(...) CPSIA verbietet es, Verkaufsangebote zu machen (...) Es ist illegal, Werbung, Broschüren, Web-Angebote und andere Print-Produkte zu zeigen oder zu vertreiben, die diese Produkte betreffen.(...)" Seit Donnerstagmorgen ist das Kids-Bike von der Website verschwunden.

Ein Fall für die Rechtsanwälte? Mit Sicherheit. Die US-Legislative hatte die Bestimmungen zum Verbraucherschutz neu aufgelegt und mit Blick auf Kinder und Jugendliche massiv verschärft, nachdem im letzten Sommer eine Welle von Chemikalien- und Schadstoff-verseuchten Spielzeugen aus chinesischer Produktion über den amerikanischen Markt geschwappt war. Insgesamt betrifft CPSIA mehr als 15.000 Verbrauchsgüter vom T-Shirt bis zum iPod, die in den Bereichen Haushalt, Sport, Freizeit und Schule verwendet werden.

Unfallgefahr spielt keine Rolle

Die Begründung klingt absurd: Nicht die naheliegende Sturz- und Unfallgefahr wird genannt, sondern Schaden für Leib und Leben durch den hohen Bleigehalt in Rahmenlegierungen und Motorrad-Batterien. Sind Kids von einer geschlossenen Starterbatterie massiv bedroht? Honda USA sagt in seiner Händlerinformation lapidar: No.

Doch die amerikanischen Verbraucherschützer sind davon nicht beeindruckt und die neuen CPSIA-Bestimmungen öffnen Raum für absonderliche Spekulationen: Wie sieht es mit anderen Batterien aus - etwa den Lithium-Ionen-Akkus, die in Elektroautos verbaut werden? Gilt "No Kids" bald auch für den Tesla Roadster und den Chevrolet Volt, der 2010 auf den Markt kommen soll? Sie werden zetern und Mordio schreien, die ökologisch angehauchten High-Society-Moms, wenn sie ihre Sprösslinge nicht im schicken E-Van befördern dürfen.



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