Motorrad-Auktion bei Bonhams Männer mit Mission

Ob Steve McQueens Porsche oder seltene Böhmerland-Tourenmaschinen - das britische Auktionshaus Bonhams gilt als Spezialist für Oldtimer-Verkäufe aller Art. SPIEGEL-ONLINE-Autor Jochen Vorfelder hat sich umgesehen, als in London 300 Motorräder der Ehn-Collection unter den Hammer kamen.


Malcolm Barber hat seit 17 Jahren keinen richtigen Hammer mehr. Damals, an seinem 40. Geburtstag, schenkte ihm seine Frau ein rotes Samtbeutelchen, in dem er zu seiner großen Freude einen handlichen Stempel fand. Der Stempel hat einen festen Körper mit einer planen, spiegelblanken Grundfläche und eine etwas schmalere, etwa sechs Zentimeter messende Griffrosette. Der Stempel war eigens für den Jubilar von einem Londoner Handwerker aus dem Stoßzahn eines alten afrikanischen Elefanten gedrechselt worden. Er produziert, wenn Barber ihn auf einen Holztisch schmettert, einen sonoren, raumfüllenden Klang: "Tock!"

Barber ist der Amerika-Chef des Auktionshauses Bonhams 1793 Limited und ausgewiesener Spezialist für schöne Dinge. Aus New York ist er eingeflogen, um im Londoner Royal Air Force-Museum die Versteigerung von rund 300 historischen Maschinen aus dem Besitz des österreichischen Sammlers Fritz Ehn zu leiten. Die "Ehn Collection" ist die größte Zweirad-Einzelsammlung, die bislang unter den Hammer kam. So etwas lässt sich Barber, der selbst seit Urzeiten Motorrad fährt, nicht nehmen.

Jetzt thront der wohlbeleibte Lebemann mit dem elegantem Stoppelbart hinterm Auktionspult und lässt seinen Elfenbein-Stempel aufs Holz tocken. Er ruft die einzelnen Angebote mit der Autorität eines anglikanischen Geistlichen von der hohen Kanzel aus: "Lot 269, eine Böhmerland Langtouren. Seriennummer der Maschine ist 502, Baujahr 1927. Ein seltenes Angebot mit Echtheitszertifikat des Tschechischen Nationalmuseums in Brünn. Mindestgebot 18.000 Pfund. Wir gehen bei diesem Prachtexemplar in Tausenderschritten voran. 18.000 Pfund, welcher der Herren möchte bieten?"

Frauen sammeln keine Motorräder

Das zweihundertköpfige Publikum besteht bis auf wenige Ausnahmen aus Männern. Frauen sammeln keine Motorräder. Barber hat seine versammelte Gemeinde fest im Blick; die Bildschirmeinblendungen mit aktuellem Preis, Katalognummer und Bild steuert ein Helfer. Ein Augenkontakt hier, ein Fingerzeig dort, von hinten kommt ein leichtes, nur angedeutetes Signal einer Hand oder das leichte Wedeln eines "Paddle", einer der Nummernscheiben für registrierte Bieter. "19.000, der Herr dort hinten links, Danke. 20.000, hier links vorne, Danke. 21.000, Danke. Was sagen die Telefonbieter?" Unterhalb von Barber sitzen vier Mitarbeiter von Bonhams; sie sind mit Interessenten aus aller Welt verbunden. Bei 25.000 Pfund sind alle Telefonbieter ausgestiegen. "28.000. Ist das wirklich das letzte Gebot? 28.000 für die Böhmerland?" Barbers Stempel saust ohne Zaudern aufs Holz. Fritz Ehn besitzt ein Motorrad weniger, aber ist um 28.000 Pfund reicher. Weiter geht's mit dem nächsten Lot.

Die Böhmerland Langtouren, ausgeliefert mit einem luftgekühlten 600-Kubik-Einzylinder-Viertaktmotor, war 1925 eine Sensation auf dem Motorradmarkt. Als erste Maschine konnte sie einen leichten Rohrrahmen und Felgen aus geschmiedetem Aluminium vorweisen und bot bis dato ungeahnten Reisekomfort und Unmengen Stauraum - mit Sitzplatz für drei Passagiere. Die Böhmerland war genau das Stück, das Giovanni Cabassi haben wollte und eben für 28.000 Pfund bekommen hat. Der Italiener ist ein hagerer, von der Sonne gegerbter Hüne mit grauem, akkuratem Millimeterhaarschnitt und einer Lederjacke, die "Teuer!" schreit. Cabassi hat wegen der Versteigerung der Ehn Collection seinen Urlaub auf Sardinien für ein paar Tage unterbrochen.

"Die Böhmerland war mir maximal 30.000 Pfund wert", sagt Cabassi, "bei dem Preis wäre ich ausgestiegen." Cabassi ist ein Bieter mit kühlem Kopf. Er vertritt eine Investorengruppe aus Norditalien, die nach einer erfolgreichen Motorradausstellung in Mailand derzeit eine Wanderschau mit exotischen Zweirädern konzipiert. Nächstes Jahr soll sie auf die Reise durch die Provinzen zwischen Bozen und Palermo gehen. "Nach unserem Business-Plan schreibt eine Wanderausstellung im dritten Jahr schwarze Zahlen." Nach London ist er mit einem offenen Scheckbuch gereist; am Ende des Tages hat er die Wunschliste seines Kurators abgearbeitet und knapp 110.000 Pfund unter anderem in die Böhmerland, eine Vincent Black Shadow und eine NSU Supermax Rennmaschine von 1957 investiert.

Der Suzuki RG500 verfallen

Martin Jones schaut nicht aus, als ob er 110.000 Pfund locker hätte. Sein Haarschnitt erinnert an einen Mop; der Londoner Innenausstatter trägt ausgebeulte Jeans und ein "Silverstone Grand-Prix"-T-Shirt, das über den Hüften ziemlich spannt. Aber Jones hat eine Obsession: "Die Suzuki RG500 - frag mich nicht warum, aber ich liebe diese Maschine. Sie war zu ihrer Zeit das finale Renngerät und irgendwann bin ich ihr verfallen. Jetzt muss ich sie einfach haben."

Jones hat drei RG500 zu Hause in der Garage, aber schon bevor Malcolm Barber seine Maschine aufruft, ist sich Jones sicher, dass heute Nummer vier dazu kommt: "Lot 358. Die Ex-Toni-Mang 1977er Suzuki RG500, Rahmennummer M1131 XR1411. Meine Herren, Mindestgebot 9000 Pfund." Innerhalb von drei Minuten ist der Preis auf 17.300 Pfund hochgeschnellt, dann werden die Gebote langsam spärlich. Barber fragt: "Wir gehen auf 50 Pfund-Schritte runter, würde das helfen, meine Herren?"

Es hilft. Und Jones hält unbeirrt mit; bei 17.650 Pfund erhält er den Zuschlag: "Tock!". Die Maschine, mit der der Bayer Toni Mang Anfang der achtziger Jahre Rennläufe der Deutschen Meisterschaft bestritt, geht an ihn. Sein Baby, sein Glück; Jones wird von zwei Kumpanen beglückwünscht und lächelt so versonnen, als hätte er von Barber gerade die heilige Kommunion empfangen. Nach dreißig Jahren als Auktionator erkennt Barber emotionale Bieter wie Jones auf den ersten Blick: "Sie kommen kurz, bevor ihre Maschine aufgerufen wird. Und manchmal sind sie einfach nicht zu stoppen. Wenn zwei von ihnen aufeinander treffen, dann ist das Kampfbieten nicht mehr aufzuhalten."



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