Streit über Motorradlärm Röhr! Dröhn! Kreisch!

Wütende Anwohner, demonstrierende Motorradfahrer: Seit der Bundesrat-Initiative tobt der Streit um Motorradlärm schrill wie selten zuvor. Eine echte Lösung ist nicht in Sicht.
Von Markus Becker, Brüssel
Motorradtreffen: Auch in der Szene schwindet die Toleranz gegenüber der lärmenden Minderheit.

Motorradtreffen: Auch in der Szene schwindet die Toleranz gegenüber der lärmenden Minderheit.

Foto: EasyBuy4u/ Getty Images

Entschlüsse des Bundesrats interessieren die Deutschen meist nur am Rande. Doch jetzt ist der Bundesländer-Vertretung ein Coup mit Seltenheitswert gelungen: Mit ihrer Forderung nach neuen Lärmschutzregeln und Fahrverboten für Motorräder hat sie es geschafft, Tausende auf die Straßen zu treiben.

Fast 17.000 Biker demonstrierten vergangenes Wochenende in Leipzig. Auch in Berlin und mehreren anderen Städten kam es zu Motorraddemos. Für die kommenden Wochen haben Biker-Gruppen erneut zu Protesten aufgerufen, etwa in Dresden, Hildesheim, Münster, Nürnberg und Berlin.

Mitte Mai hatte der Bundesrat die Bundesregierung aufgefordert , gegen Motorradlärm vorzugehen - unter anderem mit Fahrverboten an Wochenenden und drastischen Vorschriften für den Geräuschpegel von Motorrädern. "Der Bundesratsbeschluss hat die Biker aufgeweckt", sagte Holger Siegel, Sprecher der "Vereinigten Arbeitskreise gegen Motorradlärm" (VAGM) der "taz".

Die verbreitete Meinung unter Motorradfahrern lautet dagegen: Der Bundesrat hat eine ohnehin emotionale Debatte unnötig verschärft, indem er sich unbelastet von Sachkenntnis die Forderungen einer Partei zu eigen gemacht hat. Und die Hauptquelle der Bundesrats-Forderungen, das ist in diesem Fall ziemlich klar, ist die Initiative "Silent Rider". Sie wird in dem Beschluss nicht nur namentlich genannt, sondern der Bundesregierung gar zur Unterstützung empfohlen.

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In Sippenhaft mit Lärmchaoten

Es hat sich etwas aufgestaut. Auf der einen Seite stehen Bewohner vornehmlich ländlicher Gemeinden, die zunehmend empfindlich auf Verkehrslärm reagieren. Auf der anderen Seite Motorradfahrer, die sich schon seit Langem schikaniert fühlen, durch die vielen teils dubios begründeten Sperrungen beliebter Strecken. Jetzt sehen sie sich erneut in Sippenhaft genommen mit einigen wenigen Lärmchaoten, die es auch unter Autofahrern gibt. Mit dem Unterschied, dass deshalb niemand Streckenverbote für Autos fordert.

Brisant ist, dass der Bundesrat auf die Einholung unabhängiger Expertise offensichtlich verzichtet hat. Die von "Silent Rider" übernommene Forderung etwa, den Geräuschpegel von Motorrädern auf 80 Dezibel (A) in allen Fahrzuständen zu begrenzen, sorgt unter Fachleuten für Kopfschütteln. "Dann gäbe es nur noch Motorräder mit sehr großvolumigen, niedrig drehenden Motoren und höchstens 40 PS", sagt Paul Lohmar, Experte für Motorrad-Zulassungsverfahren beim TÜV Rheinland. Zudem sei es wenig sinnvoll, 80 Dezibel in allen Situationen vorzuschreiben, darunter bei Autobahn-Geschwindigkeiten. "Dort verursachen die Reifen von Lkw viel mehr Lärm als jedes Motorrad", so Lohmar.

Im Lager der Motorradfahrer nähren solche Forderungen den Verdacht, dass die Lärmgegner nicht nur den Lärm, sondern das Motorrad an sich verbieten wollen. Befeuert wird dieser Eindruck von Vereinen wie den VAGM, die zu den Wortführern der Debatte gehören. Auf deren Webseite "Motorradlaerm.de" werden Motorradfahrer in der Rubrik "Zahlen & Fakten"  als "marodierende Gruppen" verunglimpft, die in engen Lederkombis ihre Umwelt "terrorisieren". Ein volles Drittel aller Biker wolle ein "Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom ausleben". Damit bewegt sich der Verein auf dem sprachlichen Niveau von Facebook-Kommentarspalten.

Pöbeleien statt seriöser Zahlen

Wie groß der Anteil von Krachmachern unter den Bikern ist, weiß indes niemand genau. Das Umweltbundesamt etwa erklärt, ihm lägen "keine Daten vor, wie viele Motorräder außergewöhnlich laut im Straßenverkehr betrieben werden". Die VAGM behaupten  dagegen unter Berufung auf ein Papier des Branchenverbandes ACEM, 30 Prozent der Motorradfahrer "fallen durch massive Lärmentwicklung auf". In dem ACEM-Papier  kommt das allerdings nirgendwo vor. Zwar heißt es darin, dass rund 35 Prozent aller Motorräder mit illegalen Auspuffanlagen ausgerüstet seien. Doch die Quelle dieser Zahl kann ACEM auf Nachfrage nicht nennen. Ohnehin ist das Positionspapier hoffnungslos veraltet: Die jüngsten Daten, auf denen es beruht, stammen aus dem Jahr 2003, die meisten sogar aus den Achtziger- und Neunzigerjahren - teils lange vor der Einführung der ersten Euro-Norm von 1998.

VAGM-Sprecher Siegel ficht das nicht an. Das Alter der Daten sei egal, schließlich gehe es um "völlig zeitlose, weil einfach illegale Auspuffe". Wer es anders sehe, habe "die ACEM-Studie weder gelesen noch verstanden", antwortete Siegel in einer an Pöbeleien reichen Antwort auf eine SPIEGEL-Anfrage.

Dabei bestreiten selbst Motorradfahrervertreter die Existenz des Lärmproblems nicht – egal, wie klein oder groß die Zahl der Verursacher ist. "Wir müssen die Minderheit der Lärmenden in den Griff kriegen", sagt etwa Michael Lenzen, Sprecher des Bundesverbands der Motorradfahrer (BVDM).

Die Toleranz nimmt ab

In der Szene scheint die Toleranz gegenüber dieser lärmenden Minderheit abzunehmen. So war in der Motorradpresse früher nur ein lauter Auspuff ein guter Auspuff. Heute müssen sich Motorradhersteller an gleicher Stelle harsche Kritik für zu laute Schalldämpfer gefallen lassen. "Ein Lärm, wie ihn kein anderes Motorrad produziert", attestierte kürzlich die Zeitschrift "Motorrad" dem neuen "Streetfighter"-Modell von Ducati. Wenn man "mit so einem Presslufthammer ein verschlafenes Nest einnimmt", zürnte Deutschlands führendes Kradblatt, "da hassen sie dich plötzlich, und nicht mal zu Unrecht".

Doch durch die Bundesrats-Initiative droht die Stimmung nun umzuschlagen. "Motorrad"-Chefredakteur Michael Pfeiffer warf der Länderkammer "dümmlichen Populismus" vor. Nicht nur, weil "eine Minderheit der Mehrheit zum Fraß vorgeworfen wird". Sondern auch, "weil doch klar sein muss, dass wir Motorradfahrer uns das nicht bieten lassen werden." Der Motorradfahrerverband BVDM ist dagegen der "Silent Rider"-Initiative beigetreten - "weil wir auch mit der Gegenseite reden müssen", sagt Verbandssprecher Lenzen. Einig sei man sich über das Ziel der Lärmvermeidung, nicht aber über den Weg dorthin.

Die Erfolgsaussichten von Bundesratsinitiative sind ohnehin trübe. Der Deutsche Städte- und Gemeindebund etwa ist gegen Motorradfahrverbote an Sonn- und Feiertagen. Sie seien "nicht der richtige Ansatz", sagte Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Selbst "Silent Rider" betont auf Anfrage, gegen Streckensperrungen und Fahrverbote an Sonn- und Feiertagen zu sein, weil dadurch das Problem nur verlagert würde. Die bayerische Landesregierung solidarisiert sich sogar offen mit den Motorradfahrern. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer will den Beschluss des Bundesrats erst gar nicht umsetzen.

Die nächste Verschärfung ist ohnehin bereits beschlossene Sache: Ab 2020 gilt für die Genehmigung neuer Motorradtypen die Euro-5-Norm, nur vier Jahre nach Inkrafttreten von Euro 4. Schon letztere hat nach Ansicht von TÜV-Experte Lohmar für eine merkliche Reduzierung des Lärmniveaus gesorgt, da sie ein komplexes Messverfahren unter unterschiedlichen Fahrbedingungen vorschreibt. Zudem sind nun auch Zubehörschalldämpfer verboten, bei denen sich der sogenannte dB-Killer – ein Einsatz in Gestalt eines kurzen Rohrs – mit wenigen Handgriffen herausnehmen lässt. Es war bisher die leichteste, wenn auch illegale Art, den Geräuschpegel eines Motorrads teils heftig zu steigern.

Allerdings haben findige Motorradhersteller schnell Wege gefunden, Regeln kreativ zu interpretieren – etwa indem sie Auspuffanlagen mit einer automatisch gesteuerten Klappe versehen. Offiziell wird das oft damit begründet, dass der Gegendruck der Klappe das Drehmoment des Motors bei niedrigen Drehzahlen verbessert – was technisch auch stimmt. Allerdings kann ein Motorrad außerhalb der zulassungsrelevanten Drehzahlbereiche durch das Öffnen der Klappe sehr viel lauter werden als erlaubt. Daneben gibt es auch Zubehör-Auspuffanlagen, bei denen der Fahrer die Klappe auf Knopfdruck öffnen und so infernalischen Lärm verursachen kann. Das Drehmoment-Argument ist dadurch hinfällig, dennoch sind auch solche Anlagen derzeit legal.

In den aktuellen Regeln gebe es "Schlupflöcher", räumte eine Sprecherin der EU-Kommission gegenüber dem SPIEGEL ein. Man arbeite daran, sie Ende 2020 zu schließen - und dadurch insbesondere Zubehör-Auspuffanlagen mit Klappensteuerung auf Knopfdruck zu verbieten. Derzeit laufe dazu eine detaillierte Studie.

"Offensichtliche Manipulation muss viel härter bestraft werden"

Ob das Lärmproblem dadurch verschwindet, ist allerdings fraglich – denn wer nach jeder Kurve Vollgas gibt oder an jeder Ampel mit durchdrehenden Reifen startet, kann auch mit legalen Fahrzeugen Krach machen, egal ob auf zwei oder vier Rädern. Der BVDM mahnt Biker deshalb zur Zurückhaltung, sieht aber auch eine Bringschuld bei den Herstellern, deren Produkte seit Jahren immer lauter würden.

Der Industrieverband Motorrad (IVM) weist das zurück – und stilisiert stattdessen die Hersteller zu Getriebenen der Lärmfraktion. Natürlich würde die Industrie sich "sofort in ihren Planungen gefordert sehen", sollte es unter den Motorradfahrern "einen breiten Konsens pro leise Motorräder" geben, erklärt IVM-Sprecher Achim Marten. Nur sei er da etwas skeptisch. "Fangt doch erst mal an, die Maschinen leiser zu fahren", würde er den Fahrern mit lauten Zubehör-Auspuffen gern zurufen, so Marten. Was er jenen Kunden zurufen will, deren Motorräder schon im Fabrikzustand krachend laut sind, verriet er dagegen nicht.

BVDM-Mann Lenzen findet, es müsse gegen jene, die mutwillig Lärm verursachten, "härter vorgegangen werden". Die bestehenden Regeln müssten durchgesetzt, Verstöße konsequenter verfolgt werden. TÜV-Experte Lohmar kann sich ebenfalls eine Verschärfung vorstellen: "Offensichtliche Manipulation muss viel härter bestraft werden." Wenn an einem Tag 1000 Motorräder durch einen Ort fahren und nur ein Prozent übermäßig laut sei, sorge das bereits für Ärger. "Wenn man dieses eine Prozent aussiebt, haben alle gewonnen."

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