Motorradpolizist über Lärmdebatte "Alle zehn Minuten kommt eine Brülltüte"

Volker Heinen ist Motorradpolizist in der Eifel. Im Interview erklärt er, wie viele Motorräder zu laut sind - und warum nicht nur die Fahrer schuld am Lärm sind.
Ein Interview von Emil Nefzger
Lärmdisplays wie hier im nordrhein-westfälischen Simmerath sollen helfen, Motorgeräusche zu reduzieren. Motorradpolizist Volker Heinen ist ebenfalls in der Eifel im Einsatz.

Lärmdisplays wie hier im nordrhein-westfälischen Simmerath sollen helfen, Motorgeräusche zu reduzieren. Motorradpolizist Volker Heinen ist ebenfalls in der Eifel im Einsatz.

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Martin Weisberger/ picture alliance/ dpa

SPIEGEL: Herr Heinen, die Bundesländer wollen Fahrverbote für Motorräder an Sonn- und Feiertagen einführen dürfen, um Anwohner vor Lärm zu schützen, Tausende Motorradfahrer demonstrieren dagegen. Wie viele Maschinen sind denn wirklich zu laut?

Volker Heinen: Das kann man pauschal schwer beantworten. Bewusst und gewollt zu laut, zum Beispiel durch manipulierte Auspuffanlagen, ist nur eine sehr kleine Gruppe der Motorradfahrer, etwa ein Prozent.

SPIEGEL: Wenn es nur so wenige sind, warum machen die das und was kann man gegen sie tun?

Heinen: Na, weil's ihnen Spaß macht. Und jetzt versuchen Sie mal, einem Motorradfahrer den Spaß auszureden. Das geht nur durch enormen Aufwand, also Kontrollen, die Sicherstellung des Motorrads, das Ding kommt zum TÜV, Ende der Fahnenstange. Da ist aber der halbe Tag rum, und das war nur eine Maschine - und die Manipulation muss noch bewiesen werden.

SPIEGEL: Klingt nach einer Sisyphusarbeit.

Heinen: Ja, und es kommt noch etwas hinzu. Man muss zwischen zwei Gruppen unterscheiden: Es gibt diese kleine Gruppe von Fahrern, die absichtlich Lärm machen und eine große Gruppe, deren Maschinen zu laut sind und die das durch ihren Fahrstil verstärken.

SPIEGEL: Wie unterscheiden sich diese Fahrer von der kleinen Gruppe der Krawallmacher?

Heinen: Ihre Maschinen sind vollkommen legal, ihnen ist durch Kontrollen nicht beizukommen. Viele aktuelle Modelle sind schon zu laut zugelassen, insgesamt sind es rund 20 Prozent der Motorräder. Ein Beispiel: Auf dem Nürburgring dürfen Motorräder, bei denen in der Nahfeldmessung mehr als 95 Dezibel festgestellt werden, nicht mehr fahren. Viele serienmäßige Sportmaschinen erreichen bei dieser Messung aber 98 bis 105 Dezibel. Die dürfen zwar nicht auf den Nürburgring, aber legal bei uns durch die Eifel fahren. Am Wochenende sind das pro Tag etwa hundert solcher Motorräder, alle zehn Minuten kommt so eine Brülltüte. Die fahren hier den ganzen Tag im zweiten Gang rauf und runter, bei so einer Dauerbelästigung werden sie als Anwohner porös. Diesen Lärm legen die Menschen pauschal auf alle Fahrer um und lehnen so das Motorradfahren insgesamt ab.

SPIEGEL: Und Sie können dagegen nichts tun?

Heinen: Nein, das ist legal. Wir erwischen manchmal Fahrer, deren Maschinen illegal zu laut sind, weil sie einen entsprechenden nachgerüsteten Auspuff montiert haben, zum Beispiel eine BMW GS mit 98 Dezibel. Die zeigen wir dann an. Direkt danach ziehen wir eine Aprilia mit 105 Dezibel raus, bei der ist alles eingetragen und absolut legal. Da kann man nichts tun. Das ist doch absurd!

SPIEGEL: Was müsste sich hier ändern?

Heinen: Die Testverfahren. Eine BMW S1000RR geht im ersten Gang bis 150 km/h, im zweiten bis knapp 190. Die Lautstärke wird nach Euro 4 aber im dritten Gang beim Beschleunigen von 38,8 auf 50 km/h gemessen. Natürlich kommt da hinten dann nur ein leiser Furz raus, theoretisch ist jedes Mofa lauter. Aber wenn Sie nach einer Kehre am Hahn drehen, was glauben Sie, wie das scheppert? Niemand fährt auf einer Sportmaschine im dritten Gang durch die Eifel, das kann mir keiner erzählen. Wenn wir wirklich Ruhe haben wollen, darf kein Motorrad, das im Fahrbetrieb lauter als 100 Dezibel ist, auf die Straße kommen. Ich erwarte als Motorradfahrer, dass so laute Maschinen nicht mehr verkauft werden dürfen.

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SPIEGEL: Sollten die Fahrer dann nicht in ihrem eigenen Interesse Druck auf die Hersteller ausüben und leisere Maschinen fordern - oder solche Maschinen einfach nicht mehr kaufen?

Heinen: Ja, aber viele werden das nicht tun. Ohne den Lärm wollen viele eine Harley oder Rennmaschine doch gar nicht fahren. Und als Kunde komme ich doch gar nicht auf die Idee, dass ich mit dem Kauf der Maschine etwas falsch mache oder andere störe. Die Optik muss stimmen, der Status und die Fahrleistungen, und dann fahr ich mit dem Ding raus. Die Schuld für die Lautstärke unfrisierter Maschinen dem Fahrer in die Schuhe zu schieben, ist deshalb Unsinn.

SPIEGEL: Die internationalen Zulassungsnormen zu ändern, dauert jedoch lange, gleichzeitig bleibt dann das Problem des Bestandsschutzes für bereits zugelassene Maschinen. Wie kann man den Konflikt zwischen Anwohnern und Motorradfahrern in der Zwischenzeit entschärfen?

Heinen: Durch dauerndes Bearbeiten der Motorradfahrer, so haben wir die Panoramastraße hier in Düren ruhig bekommen. An solchen Strecken, an denen es viele Beschwerden gibt, sind wir sehr präsent. Wenn ich einen rausfische, quatsche ich 15 Minuten mit dem und erkläre ihm das Problem. Die meisten Motorradfahrer haben gar nicht auf dem Schirm, was sie mit ihrem Verhalten anrichten. Es ist ja nicht verboten, die Panoramastraße den ganzen Tag rauf- und runterzufahren, im ersten oder zweiten Gang. Das ist nur innerorts verboten. Durch die große Anzahl der Fahrer und ihre legal sehr lauten Maschinen wird das aber zum Problem. Wir haben hier Anwohner, die fahren in die Dürener Innenstadt, um in Ruhe einen Kaffee zu trinken, weil das zu Hause nicht mehr möglich ist. Ich habe das zu Anfang auch nicht geglaubt, aber wenn Sie da auf der Terrasse sitzen, werden Sie bekloppt. Das kann ich den Motorradfahrern nahebringen, weil mich viele von YouTube kennen. Ich kann aber nicht jeden zum persönlichen Gespräch einladen, ich bin kein Lärmschutzbeauftragter, sondern Polizeibeamter und habe auch noch andere Aufgaben. Und die extremen Fahrer sind gut vernetzt, sobald ich weg bin, sind die wieder da.

SPIEGEL: Wäre es dann nicht besser, wenn die Motorradfahrer das untereinander öfter ansprechen?

Heinen: Ja, wir müssen als Motorrad-Community untereinander Stunk machen und mit den lauten Fahrern diskutieren, das kann nicht die Aufgabe der Polizei sein. Diese extrem laute Minderheit muss auf breiter Front von den anderen Fahrern geächtet werden. Bisher kommt der Gegenwind nur von der Polizei und die Biker-Gemeinschaft deckt sich gegenseitig. Bei Kritik fühlen sich alle angesprochen, aber niemand spricht mit den Krawallmachern. Dabei macht eine kleine Minderheit der großen Mehrheit alles kaputt.

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