Nahkampfzone Straßenverkehr Rad-Rambos blasen zur Auto-Hatz

Im Straßenverkehr kennt mancher Radfahrer kein Pardon - nun findet der Kleinkrieg auch im Internet statt: In einschlägigen Foren kursieren fiese Tipps, wie man Autofahrer aussticht. Oft sind die Ratschläge illegal.
Radfahrer gegen Auto: Fahrbahnmitte als Kampfspur

Radfahrer gegen Auto: Fahrbahnmitte als Kampfspur

Foto: Simon_Katzer/ picture-alliance / dpa/dpaweb

Die Idee hatte der Fahrradkurier aus Hamburg schon lange, schließlich kämpft er täglich mit Autofahrern um die Vormacht auf der Straße. Jetzt ergibt sich die Gelegenheit, um den lang gehegten Racheplan in die Tat umzusetzen.

Gerade eben hätten ihn zwei Pkw fast angefahren, obwohl auf der Fahrbahn ein Radweg eingezeichnet sei, erklärt er im Kurier-Forum. Als einer der Fahrer wenig später halten muss, stellt ihn der Kurier zur Rede. Dazu öffnet er kurzerhand die Fahrertür. "Weil er mich anblaffte und die Tür wieder zuzog, öffnete ich die hintere Autotür", schreibt der Bike-Bote. Nach kurzer Diskussion wünscht er dem Autofahrer gute Fahrt und steigt auf sein Rad. Die Tür lässt er offen. "Im Nachhinein bedauere ich allerdings, dass ich nicht die rechte Hintertür geöffnet habe. Dann hätte der Fahrer ums Auto herumlaufen müssen."

Die Operation "offene Hintertür" ist nur eine Episode im tagtäglichen Ringen auf der Straße. Auto- und Fahrradfahrer stehen sich bisweilen unversöhnlich gegenüber, keiner gibt nach. Mittlerweile findet der Kleinkrieg aber auch im Internet statt. In den Web-Foren geht es manchmal so derb und hemmungslos zu wie am Stammtisch. Um - vermeintliche - Fehler ihrer Kontrahenten abzustrafen, überbieten sich Chatter mit fiesen Tipps.

Aufkleber auf die Windschutzscheibe pappen, Spiegel abtreten, den Wagen anspucken oder ein Schlag mit der flachen Hand aufs Fahrzeugdach - das sind auf Seiten der Radfahrer die gängigsten Kampfmethoden, die im Web genannt werden. Radrennfahrer schlagen auch den Wurf mit Energieriegeln oder Trinkflaschen vor, "um drängelnde Autofahrer abzuwehren".

Forumsteilnehmer verlieren jede Hemmung

Aber auch die Autofahrer haben ihre Methoden: In Internetforen erklären sie, wie sie mit Hilfe von Nadeln die Beifahrerdüse der Scheibenwaschanlage so einstellen, dass sie statt der Scheibe die neben dem Auto fahrenden Radfahrer treffen. Anonym vor dem Rechner verliert mancher Schreiber jede Hemmung. Den Zusammenstoß eines Radfahrers mit einem Auto kommentiert ein User im Freaksearch Forum: "Haste nachgetreten? Finalen Rettungsschuss angesetzt? Zwei Warnschüsse in den Rücken? Radfahrer muss man ausrotten, wo immer und wann immer man sie trifft."

Allein die Tatsache, dass Radfahrer auf der Straße fahren, bringt einige Autofahrer in Rage. "Ich hupe Radfahrer immer an, wenn sie so ein Verhalten an den Tag legen", schreibt ein Mitglied im Forum Gutefrage.net. Und ein Chatter anwortet: "Das mach ich auch. Wenn sie sich erschrecken ist es besonders lustig :)."

Natürlich kursieren auch harmlosere Tipps, etwa möglichst dicht an den Straßenrand zu fahren, wenn man an einer roten Ampel halten muss, damit Radfahrer sich nicht "nach vorn mogeln" können (obwohl sie es der Straßenverkehrsordnung nach dürfen). Oder den Abstand zum Vordermann in der Ampelschlange so gering zu halten, dass auch dort kein Radler durchkommt.

Einige Radfahrer sehen es dagegen als ihr Recht an, in der Straßenmitte zu fahren: "Ob ich Platz mache für hinterherfahrende Autos, hängt von der zulässigen Höchstgeschwindigkeit und meiner Geschwindigkeit ab", erklärt ein Mitglied im Forum Gesichtet.net. Wenn er in einer Tempo-30-Zone mit 30 km/h auf seinem Rad unterwegs sei, mache er keinen Platz für Autos.

Grenzbereich ist schnell erreicht

Konflikte sind die logische Folge dieses Verhaltens. Die Beiträge in Pkw-Foren zeigen jedenfalls: Je länger Autofahrer hinter einem Velo herfahren müssen, desto gereizter reagieren sie beim Überholen oder beim Zusammentreffen an der nächsten Kreuzung. Fast schon harmlos erscheint in diesem Zusammenhang die Strategie eines Teilnehmers, der sich bei Motor-Talk über Radfahrer auf der Landstraße aufregt: "Überholen, Vollgas geben und schön einräuchern."

Rechtlich bewegt man sich aber auch damit schon im Grenzbereich. Experten warnen Autofahrer davor, "erzieherische" Maßnahmen einzusetzen, etwa Radfahrer zu erschrecken oder mit zu geringem Sicherheitsabstand zu überholen. Der pädagogische Effekt ist gleich null, die Unfallgefahr dafür sehr groß. "Die Rechtssituation im Straßenverkehr hat sich verändert", mahnt etwa Polizeihauptkommissar Ortwin Schmidt von der Verkehrspolizei Hamburg. Radfahrern würden mittlerweile mehr Rechte eingeräumt.

Zum Glück leben die meisten ihre Emotionen nur im Internet aus. Laut Schmidt sind der Hamburger Verkehrspolizei Attacken unbekannt, wie sie in den Foren beschrieben werden. Dennoch reagierten die Ordnungshüter im Sommer auf Klagen des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), wonach Autofahrer ihr Gegenüber im Verkehr häufig belehren würden. In einer gemeinsamen Aktion mit ADFC und ADAC klärten die Beamten die Verkehrsteilnehmer in der Stadt über die neue Rechtslage auf und warben für mehr Toleranz und Kommunikation.

Kuhhorn gegen träumende Autofahrer

Allerdings liegt der Streit auf den Straßen nach Einschätzung des Verkehrsrechtsspezialisten Jörg Elsner weniger an einzelnen Parteien. Die Zahl der Fälle, die er zwischen Autofahrern und Radfahrern vor Gericht vertritt, seien sehr gering. Er stellt dagegen fest, dass die Verkehrsdisziplin aller Teilnehmer eklatant abnimmt. Gleichzeitig steigt die Rechthaberei ebenso an wie der Anspruch auf Selbstverwirklichung. "Wer heute um zwei Uhr nachts vor einer roten Ampel wartet, gilt schon als Spießer", sagt er.

Dazu passen Tipps, wie ein Forumsmitglied sie bei Google Plus verbreitet. Um "ignorante Autofahrer dazu zu bringen, Radfahrer nicht überzumangeln, wenn ein Autofahrer mal wieder abbiegt, ohne auf den Radweg zu schauen", empfiehlt der Schreiber das Air Zound III Bike Horn. Outdoor-Ausrüster Globetrotter bewirbt das Horn in seinem Sommerhandbuch als "ideal im urbanen Kampf gegen motorisierte, schwerhörige oder ignorierende Verkehrsteilnehmer". Das Unternehmen bittet aber gleichzeitig darum, "den Maximalpegel nur überlegt und nicht gegen Fußgänger einzusetzen".

Die Lautstärke der Hupe ist von circa 30 bis 115 Dezibel regulierbar. Im Maximum entspricht ihre Schallleistung einem Bagger oder einer Trompete. Für den Straßenverkehr ist sie nicht zugelassen.

Leseraufruf

Pardon wird nicht gegeben - Radler und Autofahrer fechten den Kleinkrieg nicht nur auf der Straße aus, sondern auch im Internet.Leseraufruf Radfahrer (Auto)