NSU Ro80, Bj. 1975 Der besondere Dreh

Keine Zylinder, keine Kurbelwelle: Bei der ersten Fahrt nach dem Kauf mochte sich SPIEGEL-ONLINE-Leser Dieter Herrmann noch nicht so recht auf den Wankelmotor seines NSU Ro80 verlassen. Kürzlich fuhr er sogar bei einer Rallye mit. Ohne Probleme, versteht sich.
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NSU Ro80, Bj. 1975: Problemloser Dauerläufer

Foto: Dieter Herrmann

Nahezu jeder Autobesitzer fühlt sich mit seinem Fahrzeug auf besondere Weise verbunden. Bei SPIEGEL ONLINE stellen Leser ihr Lieblingsmodell und ihre persönlichen Erlebnisse mit dem Gefährt vor. Diesmal berichtet Dieter Herrmann über das Leben mit seinem NSU Ro80, Baujahr 1975, 115 PS, ohne Katalysator, mit Zweischeiben-Rotationsmotor.

Wieder blicke ich in das enttäuschte Gesicht meiner Tochter - und das nur, weil sie nicht mit meinem Auto fahren darf. Ich befürchte allerdings, sie würde schon den ersten Gang nicht finden. Dazu muss der Schaltknüppel nämlich nach links hinten gezogen werden. Und sie sollte gar nicht erst versuchen, das Kupplungspedal zu treten. Beim NSU Ro80 gibt es nämlich keins. Die pneumatische Kupplung wird durch zarte Berührung des Schaltknüppels getätigt.

Ich weiß nicht mehr, wann ich das mittlerweile mehr als 35 Jahre alte Auto in Norddeutschland abgeholt habe. Aber ich erinnere mich gut, dass ich auf der allerersten Tour richtig Angst hatte, dass ich Berlin nicht ohne Panne erreichen würde. Mein Bruder fuhr mit seinem Auto hinter mir her - sicherheitshalber.

Doch passiert ist nichts. Der Wankelmotor schnurrte ruhig und fast frei von Vibrationen vor sich hin. Das Auto lief geradeaus und leicht zu kontrollieren. Nach etwa 200 oder 250 Kilometern habe ich mich dann sogar getraut, schneller als die ursprünglich selbstauferlegten 130 zu fahren. 170 oder 180 Stundenkilometer waren schon drin. Na ja, sicherlich übertreibt der Tacho ein wenig, doch mit einem knallorangefarbenen Auto aus den siebziger Jahren auch mal die linke Spur der Autobahn zu benutzen garantiert zumindest erstaunte bis anerkennende Blicke von anderen Autofahrern.

Ich fuhr den Ro80 als problemloses Sommer- und Sonntagsauto, bis Anfang 2008 mein "richtiger" Pkw geklaut wurde. Natürlich musste ein neuer Kombi her. Familie und Beruf riefen danach. Das hat eine Weile gedauert - die Einigung auf Lack- und Polsterfarben war nicht ganz einfach. Meine Frau bevorzugte eher dunklere Töne, ich wollte Weiß. Ingolstadt konnte nicht ganz so schnell liefern, wie wir es gerne gehabt hätten, und so zog sich die Zeit bis zur Abholung des Neuen immer länger hin. Daher fuhr ich den NSU tagtäglich bis tief in den Winter um den Jahreswechsel 2008/2009 hinein.

Knapp tausend Kilometer über Kopfsteinpflaster

Im September 2008 wurde der Wagen noch einmal richtig gefordert. Wir hatten uns nämlich zu einer Rallye für Youngtimer angemeldet. Zusammen mit dicken BMW, Mercedes-Pagoden, röhrenden Porsches und dem sänftenähnlichen Opel-Diplomat ging es knapp tausend Kilometer quer durch den weitgehend kopfsteingepflasterten Nordosten der Republik. Mit aufgeregtem Herzklopfen fuhren wir im Driving Center Groß-Dölln auf die Rundstrecke. Probleme auf der Rallye? Ja, eine Bremslichtbirne musste erneuert werden. Mein stolzes Ergebnis: ein guter Mittelplatz zwischen all den Boliden.

Rund 30.000 Kilometer lief der Wagen - bei Wind und Wetter, bei Schnee und Glatteis. Und irgendwann, natürlich an einem bitterkalten Wintertag, passierte es. Im Berufsverkehr, mitten auf einer vielbefahrenen Kreuzung im noblen Süden Berlins, blieb der Motor stehen und war zur Wiederaufnahme seiner Tätigkeit nicht zu überreden. Wie schön, dass ich im Stadtteil Zehlendorf eine Porsche-Werkstatt kannte, in der zwei gelernte NSU-Techniker arbeiten. Einen Tag später hatte ich mein Auto wieder, zwei Zündkabel und zwei Zündkerzen (mehr hat er nicht) mussten gewechselt werden, und alles war gut.

Natürlich nahm ich mir fest vor, das Auto ab sofort richtig zu pflegen, nachdem ich mit hochrotem Kopf das Hupkonzert über mich hatte ergehen lassen müssen. Ich schwor mir insgeheim, endlich mal neuen Unterboden- und Hohlraumschutz aufzutragen und brav in regelmäßigen Abständen alle Verschleißteile zu überprüfen. Doch irgendwie rennt mir immer die Zeit davon.

Auch nach langen Standzeiten ist der Wankel bisher immer angesprungen, und inzwischen habe ich vor längeren Strecken mit dem hochmodernen Oldie keine Angst mehr. Bis ich mit dem Wägelchen vielleicht eines Tages wieder im Berufsverkehr verrecke. Und meine Tochter? Die bekommt den Ro noch immer nicht. Ich fürchte, sie muss sich gedulden - bis sie das Auto eines Tages erbt.

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