Oldtimer als Geldanlage Es kostet immer mehr als man denkt

Klassiker-Enthusiasten haben viele Gründe, weder Kosten noch Mühen für die Pflege ihres Hobbys zu scheuen. Nur mit einem Argument sollten sie ihrer Familie nicht kommen: "Der Oldtimer bringt Rendite." Denn es gilt: Das Abenteuer wird stets deutlich teurer als erwartet.

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Essen - Die Gelegenheit schien günstig: Ein Fiat 124 Spider aus den USA importiert, praktisch rostfrei mit lediglich etwas verlebtem Innenraum. Der Bonner Lackierer-Geselle Lucio Citro kalkulierte die Risiken. Die Arbeiten an der Karosserie würde er selbst erledigen können, bei den anderen Aufgaben (Polster, Verdeck, Motor, Getriebe) versprachen befreundete Handwerker günstige Hilfe. Grob gerechnet müsste das Schmuckstück am Ende für rund 13.000 Euro wie neu aussehen.

Die sorgfältig abgewogene Entscheidung entpuppte sich als Beginn eines langen Leidensweges: Der Motor benötigte entgegen den Erwartungen eine komplette Überholung, das Getriebe war wegen eines maroden Dichtrings auch bald zerlegt. Kleine Details wie ein fehlendes Instrument am Armaturenbrett kosteten ein Vielfaches von dem, was Citro ursprünglich veranschlagt hatte. "Der Wagen sah am Ende tatsächlich wie neu aus, doch ich hatte mehr als 25.000 Euro reingesteckt", erinnert sich der Lackierer. "Ein Gutachter bescheinigte mir anschließend einen Wert von knapp 20.000 Euro. Aber ich glaube nicht, dass ich diese Summe je bekommen würde".

Gesuchte Oldtimer sind eine krisenfeste Geldanlage - das behaupten Klassiker-Enthusiasten regelmäßig, wenn sie ihr Hobby zu rechtfertigen versuchen. Tatsächlich aber geht die Rechnung nur in den seltensten Fällen auf. Natürlich erzielen Pretiosen von Ferrari und Bugatti, BMW (mit dem 507 aus den Jahren 1956 bis 1959) und Mercedes-Benz (300 SL Flügeltürer und Roadster) noch immer deutliche Wertsteigerungen - doch der Einstieg in diese Liga bleibt Normalverdienern in der Regel verwehrt.

Instandhaltung kostet viel Geld

Auch in den niedrigeren Preisregionen gibt es Autos, die überdurchschnittlich an Wert zulegen. Die beliebte "Ente" etwa, der Citroën 2CV, der laut dem Marktbarometer DOX (Deutscher-Oldtimer-Index) allein in den vergangenen zwei Jahren ein Plus von rund 80 Prozent erzielte. Oder der sogenannte Samba-Bus von VW aus den fünfziger Jahren, der in den vergangenen vier Jahren eine Wertsteigerung von 100 Prozent hinlegte. Doch die Liste der Durchstarter ist extrem kurz, wie Johannes Hübner, Sprecher der weltgrößten Oldtimer-Messe Techno Classica, die noch bis Sonntag in Essen läuft, erklärt. Durchschnittlich hätten Oldtimer im Jahr 2010 allenfalls drei Prozent an Wert gewonnen. Der Deutsche Aktienindex Dax legte im selben Zeitraum mehr als sechsmal so stark zu.

Wertpapiere haben darüber hinaus noch einen anderen gewichtigen Vorteil: Sie erfordern keinen Aufwand für die Instandhaltung. Anders als Oldtimer, die nur dann an Wert gewinnen, wenn sie fein geputzt dastehen und fachgerecht restauriert sind. Doch dann fressen schon die Kosten für den laufenden Betrieb, kleinere Reparaturen und die Unterstellung den größten Teil des Wertgewinns wieder weg.

Das Anlageargument zieht selbst bei solchen Autos nicht, die in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich an Wert gewonnen haben: Zum Beispiel der VW Karmann-Ghia Typ 14, der vor zehn Jahren noch für durchschnittlich 12.400 Euro gehandelt wurde und heute nach Erhebungen der Sachverständigen-Organisation Classic Data im Schnitt 16.300 Euro bringt. Oder ein MG B Mk III, der seinen Wert von rund 10.500 Euro im Jahr 2000 auf 15.000 Euro heute steigerte. Auch ein Mercedes-Benz SL aus der "Pagoden"-Ära erzielt heute gut und gerne 50.000 Euro - vor zehn Jahren waren es noch 35.000 Euro. Der ADAC nennt auch den Fiat Dino Spider, der innerhalb der letzten zehn Jahre seinen Wert auf 40.000 Euro verdoppelt hat.

Überraschungen garantiert

Warum die Rechnung dennoch nicht aufgeht? Weil gerade solche Autos intensive Pflege benötigen. So geht man für Karosseriearbeiten am Karmann-Ghia am besten gleich zum Spezialisten. Ersatzteile für den Dino Spider sind selten und teuer. Und für die Pagode kriegt zwar man fast alles ohne Probleme, aber auch Mercedes lässt sich die Traditionspflege teuer bezahlen.

Wohlgemerkt: Die Rechnung gilt nur für Klassiker, die bereits im Bestzustand sind. Gerne rechnen Oldiefans aber mit großen Gewinnen, wenn sie einen Scheunenfund selbst restaurieren, oder zumindest die Instandsetzung organisieren. Klar: Es gibt welche, die das schaffen - aber nur, wenn sie bereits jede Schraube des Objekts ihrer Begierde kennen und genau wissen, worauf sie achten müssen. Selbst die wertstabile Ente kann Überraschungen bereithalten, die jede Rendite über Jahre hinaus zunichte machen. Erwähnt seien nur die Trommelbremsen an der Hinterachse, oder die dünnblechigen Rahmenspannten, die selbst auf kleine Rempler empfindlich reagieren.

Ein gutes Beispiel für eine echte Kostenfalle ist auch der beliebte Strich-Achter von Mercedes, der vereinzelt noch bei einem rüstigen Rentner in der Garage zu finden ist, topgepflegt und vom Gebrauch geadelt. Doch auch wenn der Lack noch glänzt und die Sitze ohne Löcher sind, kann die Restauration ein Vermögen kosten - zum Beispiel wenn der Rost wichtige Teile des Wagenbodens weggefressen hat. "Da treten oft Schäden zutage, mit denen selbst Fachleute, die den Wagen kennen, nicht rechnen", erzählt ein leidgeprüfter Strich-Acht-Fan.

Viele warten vergeblich auf Wertsteigerungen

Bei weniger gefragten Oldies wird eine Restauration vollends zur Milchmädchenrechnung. "Ein ganz schlimmer Fall sind die Jaguar-Modelle XJ6 und XJ40 von Mitte der siebziger bis Mitte der achtziger Jahre", erklärt Klassiker-Experte Hübner. Herbe Verluste hätten auch die Besitzer von Opel Calibra oder VW Scirocco II hinnehmen müssen; und vergeblich auf Wertsteigerungen warteten auch Halter von BMW Z1 - sowie des besagten Fiat 124 Spider.

Das Rendite-Argument zieht also nicht, wenn es darum geht, der Familie den Sinn langer Wochenenden in der Werkstatt, endloser Wanderungen über Klassiker-Märkte oder zahlloser Fernreisen zum vermeintlichen Traumklassiker zu erklären. Der Hinweis auf die aufregenden Formen, den betörenden Motorsound oder die romantischen Erinnerungen an alte Zeiten wirkt dagegen viel stärker. Und vor allem: er ist nicht zu widerlegen.



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