Oldtimer-Auktionator Hervé Poulain Der Mann mit dem Hammerteil

Hervé Poulain ist seit mehr als vierzig Jahren Auktionator, hat die Art-Car-Reihe von BMW erfunden und jüngst einen Ferrari für 32 Millionen Euro versteigert. Hier verrät er, wie man solche Beträge aus Menschen herauskitzelt.

Artcurial

Aus Paris berichtet


Auf der Oldtimermesse Rétromobile hat das Auktionshaus Artcurial eine große Fläche gemietet, aber betreten darf sie nicht jeder. Bei zu viel Gedränge könnten die Autos Schaden nehmen. Mehr als hundert Fahrzeuge sind dort versammelt, ihr Wert summiert sich zu einem zweistelligen Millionenbetrag. Die Klassiker bilden eine Gasse, am Ende steht ein Pavillon, wo Champagner ausgeschenkt wird. Dort sitzt auf einem weichen Sofa Hervé Poulain, 76. "Maître Poulain" nennen ihn die Mitarbeiter von Artcurial ehrfürchtig.

Der Maître trägt ein Cordsakko, Anzughosen, Hemd und Krawatte, seine Socken leuchten orange. Sie werden von einem hellen Lachen überstrahlt, das fast nie aus Poulains freundlichem Gesicht verschwindet. Auch nicht, als der Reporter ihm schon viel länger als verabredet Fragen stellt. "Ihr Aufnahmegerät hat aber gute Batterien", sagt er dann.

Hervé Poulain zählt zu den Teilhabern von Artcurial, bei dem drittgrößten Auktionshaus Frankreichs ist er für die Abteilung "Motorcar" zuständig. Klassische Autos versteigert er seit mehr als vierzig Jahren. "Bei Bonhams und RM Sotheby's (andere auf Oldtimer spezialisierte Auktionshäuser, Anm. d. Red.) nennen sie mich 'Vater'", sagt Poulain.

BMW 3,0 CSl Art Car von Alexander Calder
Artcurial

BMW 3,0 CSl Art Car von Alexander Calder

Manche nennen ihn auch "den schnellsten Auktionator der Welt", weil er neben seiner Arbeit als Commissaire-priseur Rennfahrer war. Insgesamt elf Mal ging er bei den 24 Stunden von Le Mans an den Start, obwohl er sein erstes Rennen erst mit 29 fuhr. Sein Debüt in Le Mans hatte er 1975 clever vorbereitet: Mit seinem Vorschlag, einen Rennwagen von einem Künstler gestalten zu lassen, fand er Gehör bei BMW. So wurde die Art-Car-Reihe gegründet, bei der unter anderem Andy Warhol, Frank Stella, Roy Lichtenstein, David Hockney und Jeff Koons die Autos bemalten.

Fahren wollte es natürlich Poulain selbst. Für das erste Art Car hatte er den US-Künstler Alexander Calder überzeugt. "Vor dem Start in Le Mans nahm mich Calder in den Arm und sagte: 'Fahr vorsichtig, aber gewinn das Rennen'", erzählt Poulain. "Wenn ich mir ein Auto zum Versteigern aussuchen dürfte, dann das Art Car von ihm."

SPIEGEL ONLINE: Herr Poulain, was macht einen guten Auktionator aus?

Hervé Poulain: Ein guter Auktionator wird immer einen etwa 20 Prozent höheren Preis erzielen als ein durchschnittlich begabter. Ich glaube, dazu gehört eine Mischung aus Charisma, Autorität und Esprit. Ich muss bei den Leuten im Auktionssaal Besessenheit wecken.

SPIEGEL ONLINE: Wie machen Sie das?

Poulain: Meistens improvisiere ich. Ich sehe mich als eine Art Gospelprediger, ich bin laut und wiederhole meine Worte immer wieder. Es geht schließlich nicht um Manuskripte alter Bücher, sondern um Autos. Um schnelle Maschinen, die man hören und riechen kann. Manchmal ist es dabei aber schwer, im Rhythmus zu bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Poulain: Wenn die Autos auf die Bühne gefahren werden, führt das zu Unterbrechungen. Dann muss man wieder etwas leiser anfangen und sich erneut reinsteigern. Das kann auch anstrengend sein. Unsere Versteigerung auf der Rétromobile beispielsweise wird etwa acht Stunden dauern, da kommen mehr als 150 Autos unter den Hammer.

Bevor es mit dem Interview weitergeht, hier ein kurze Zwischenfrage an alle Leser: Welchen Oldie hätten Sie gern?

Bei der Versteigerung des Auktionshauses Artcurial auf der Rétromobile kommen mehr als 150 Klassiker unter den Hammer. Mit dabei sind zum Beispiel ein Porsche 959 von 1987, ein 62er Cadillac mit berühmtem Vorbesitzer sowie mehrere Lamborghini aus den Siebzigern. Die Gebote reichen von 30.000 Euro für einen BMW M5 bis zu acht Millionen Euro für einen Ferrari-Prototypen. Interesse an einem kleinen Investment oder einfach Lust auf Fotos wunderschöner Autos? Hier ist eine Auswahl des Auktionskatalogs - wählen Sie Ihren Favoriten.

Und so geht's: Sie sehen zwei Fotos im Vergleich. Klicken Sie auf das Auto, das Ihnen besser gefällt. Das andere verschwindet, ein neues erscheint - wieder können Sie das Ihrer Meinung nach schönere anklicken. Am Ende bleibt Ihr Traumwagen übrig. Eine Auswertung, wie die anderen Leser entschieden haben, erscheint nach Ihrer Abstimmung.



SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihr Trick, um einen Preis während der Auktion in die Höhe zu treiben?

Poulain: Es kommt vor allem auf Glaubwürdigkeit an. Man muss glaubhaft vermitteln können, dass ein Auto einen bestimmten Preis verdient. Ich bin lange im Geschäft, mir nimmt man das ab. Die meisten Leuten glauben ja, dass ein Oldtimer einen bestimmten Preis hat. Aber das stimmt nicht: Bei Versteigerungen legt das Auktionshaus den Preis fest. Dabei spielt natürlich die Marktbeobachtung die Hauptrolle, aber es kommt auch drauf an, wie viele Informationen man zu dem Auto liefert und in welcher Umgebung die Auktion stattfindet. Früher waren die Bilder in den Auktionskatalogen schwarz-weiß, und unter jedem Auto standen zwei Zeilen. Wir waren mit die Ersten, die die technischen und historischen Hintergründe der Fahrzeuge erklärten. So lässt sich ein Preis dann nachvollziehbar rechtfertigen. Die Bieter sollen wissen, was sie kaufen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mal gesagt, dass sie einen "leichten Hammer" und einen "Spezialhammer" haben. Wann kommen die jeweils zum Einsatz?

Poulain: Na ja, bei den Auktionen herrscht ja meistens gute Stimmung, da brauche ich nur den leichten Hammer, aber manchmal, wissen Sie, da ist es wie in der Seefahrt, sie sind bei rauem Wetter unterwegs, es blitzt und donnert.

SPIEGEL ONLINE: Genauer gesagt?

Poulain: Es gibt zu wenig Bieter.

SPIEGEL ONLINE: Da muss der Spezialhammer her?

Poulain: Genau. Aber man muss ihn diskret schwingen und dafür sorgen, dass er die richtigen Bieter trifft.

SPIEGEL ONLINE: Schauen Sie dabei auch gezielt Leute im Publikum an?

Poulain: Ja, das kann schon mal vorkommen. Ich weiß meistens, wo die üblichen Verdächtigen im Saal sitzen. Aber man muss jeden Bieter anders behandeln. Manche wollen richtig herausgefordert und unterhalten werden, andere lieber in Ruhe überlegen. Als Auktionator muss man das erkennen.

SPIEGEL ONLINE: Wie schaffen Sie das?

Poulain: Das ist so, als würden sie einen Pianisten fragen, wie er, ohne auf die Tasten zu schauen, Klavier spielt. Es kann sein, dass ich in einem Saal mit 2000 Leuten schon vorher weiß, wer im nächsten Moment ein Gebot abgeben wird. Die Leute rutschen auf ihrem Stuhl rum oder schauen in den Katalog.

SPIEGEL ONLINE: Wenn nichts klappt und der Erlös unter der Erwartung bleibt, machen die Verkäufer dann Sie persönlich dafür verantwortlich?

Poulain: Klar, die sind dann enttäuscht. Die Leute haben meistens ein enges Verhältnis zu ihrem Auto, sie wissen um die Mühe, die sie reingesteckt haben, und sehen deshalb darin etwas, was andere nicht sehen.

SPIEGEL ONLINE: Im vergangenen Jahr haben Sie einen Ferrari für 32 Millionen Euro versteigert. Hatten Sie mit diesem Preis gerechnet?

Poulain: Nein, so etwas lässt sich im Vorfeld schwer erahnen. Uns war aber schon klar, dass wir etwas sehr Besonderes gefunden hatten. Der Preis ist ja bei mehr als zwölf Millionen Euro gestartet.

SPIEGEL ONLINE: Erinnern Sie sich noch an den Moment, als Sie bei 32 Millionen Euro den Hammer runtersausen ließen?

Poulain: Da herrschte in mir auf einen Schlag Friede, das war ein beinahe religiöser Moment. Der ganze Stress fällt von einem ab. Es ist vergleichbar mit dem Augenblick, wenn man ein Autorennen gewinnt, das Ego ist befriedigt. Aber solche Momente dauern nur kurz an, die Arbeit geht ja immer weiter.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommen Sie an die Autos für die Versteigerung ran - gehen Sie auf die Verkäufer zu oder kommen die zu Ihnen?

Poulain: Wir haben einen guten Ruf und sind bekannt, viele Verkäufer kommen deshalb von sich aus. Aber die wirklich teuren Autos wollen natürlich alle Auktionshäuser haben, deshalb muss man seine Kontakte und den Stamm an Sammlern gut pflegen.

SPIEGEL ONLINE: Wie hoch ist in der Regel die Kommission des Auktionshauses an den Versteigerungen?

Poulain: Das wird vorher immer im Katalog veröffentlicht, der Käufer muss zwischen zwölf und 16 Prozent des Erlöses noch mal drauflegen und an den Auktionator zahlen. Die Gebühr für den Verkäufer ist dagegen Verhandlungssache. Durch die hohe Nachfrage hat sich das in den vergangenen Jahren verschoben, früher mussten die Käufer weniger zahlen und die Verkäufer mehr.

SPIEGEL ONLINE: Heute werden oft gigantische Summen für Autoklassiker gezahlt. Wann ist Ihnen aufgefallen, dass die Preise rapide steigen?

Poulain: In den Achtzigern gab es das erste Hoch, aber der Markt war damals noch schlecht organisiert, und die Preise fielen wieder. Ab den Neunzigern ging es dann aber ständig bergauf, und seit 2009 geht das Ganze durch die Decke. Das Image des Autos hat gelitten: Heute gilt es vielen Menschen vor allem als ein Übel, das die Umwelt verschmutzt und die Straßen verstopft. Für klassische Autos gilt das jedoch nicht, da werden die Leute nostalgisch, sie denken an die großen Rennen von damals oder an den Freiheitsgedanken, den die Fahrzeuge mal verkörperten.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben ihre Karriere vor mehr als 40 Jahren gestartet. Wie sind Sie damals Auktionator geworden?

Poulain: Das war eher ungeplant. Einer meiner Professoren für Rechtswissenschaften kam auf mich zu und sagte mir, dass ich Talent zum Auktionator hätte, weil ich mühelos vor dem ganzen Studentenseminar frei reden konnte. Außerdem wusste er, dass ich mich für Kunst interessiere. Als ich das erste Mal dann eine Auktion leitete, war das wie eine Erleuchtung für mich - ich hatte meinen Traumjob gefunden. Kurz vor der Versteigerung zitterte ich allerdings vor Aufregung.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Poulain: Weil ein Bild von Salvador Dalí unter den Hammer kam. Und dann zeigte das Bild auch noch eine nackte Frau.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie die Auktion trotzdem gut über die Bühne gekriegt?

Poulain: Ja.

SPIEGEL ONLINE: Wie alt waren Sie denn, als Sie ihren Traumjob fanden?

Poulain: 29. Ich war ein Spätstarter, aber es ging dann schnell aufwärts. Davor hatte ich keinen richtigen Plan fürs Leben. Wenn ich heute an Schulen und Universitäten Auktionskurse gebe, erzähle ich als Erstes von dieser Erfahrung. Ich will alle jungen Leute ermutigen, die verzweifelt nach ihrer Bestimmung im Leben suchen: Schaut mich an, sage ich dann, bei mir hat's irgendwann auch geklappt.



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