Fotostrecke

Startup Retromotion: Rettung für verzweifelte Oldtimerfans

Foto: Retromotion

Ersatzteile für Oldtimer Wie ein 3D-Druck-Experte alte Autos rettet

Das Interesse an Oldtimern wächst und wächst. Doch für die Suche nach Ersatzteilen fehlt den meisten Besitzern die Zeit. Firmengründer Artur Oswald hilft beim Finden - oder wirft den 3D-Drucker an.

Jo Weber hatte schon fast aufgegeben. Lange und gründlich hatte der Chef der Münchner Oldie Garage gesucht, doch nirgends fand er Ersatz für den zerbrochenen Türgriff seines Ferrari Mondial QV Cabrio aus dem Jahr 1985. Dann traf er Artur Oswald, der ihm das Ersatzteil für den Oldtimer mit dem 3D-Drucker neu konstruierte.

So war das Treffen von Weber und Oswald eine für beide Seiten glückliche Begegnung. Für Weber, weil er seinen italienischen Sportwagen wieder ohne Mangel vermieten konnte. Für Oswald, weil er damit endlich eine Perspektive hatte, wie er seine Leidenschaft zu Geld machen kann.

Zehn-Milliarden-Markt

"3D-Drucker haben mich lange begeistert", sagt der Stuttgarter. "Nur eine für andere Menschen hilfreiche Verwendung hat sich dazu partout nicht finden lassen." Bis er an die Oldtimerszene geraten ist.

Fotostrecke

Startup Retromotion: Rettung für verzweifelte Oldtimerfans

Foto: Retromotion

Die Sehnsucht nach alten Autos wächst seit Jahren - und mit ihr die Bereitschaft, dafür zu investieren. Bei anderen Hobbys, bei denen Oswald sein 3D-Druck-Know-how gern eingebracht hätte, ist weniger Geld im Spiel - für sie ließ sich daher kein Geschäftsmodell rund um Ersatzteile entwickeln.

Allein das Ersatzteilgeschäft in Europa summiert sich auf knapp zehn Milliarden Euro, zitiert Oswald aus einer Studie der Kölner Unternehmensberatung BBE Automotive und des Instituts für Demoskopie Allensbach. "Nur eines haben die Leute selten", hat er beobachtet: "Zeit und Geduld, sich um die Fahrzeuge zu kümmern - vor allem, wenn es um Ersatzteile geht." Auf dieser Erkenntnis fußt das Start-up Retromotion, das Oswald mit einem kleinen Team gegründet hat und das jetzt bereits acht Mitarbeiter beschäftigt.

So begeistert Oswald vom 3D-Druck ist - die individuelle Nachfertigung bleibt die Ultima Ratio und steht am Ende eines dreistufigen Prozesses, beschreibt er das Geschäftsmodell von Retromotion. Am Anfang steht der Onlineshop, in dem das Unternehmen mehr als 150.000 Teile gelistet hat - vom Kraftstofffilter für 2,32 Euro für einen BMW 02 aus dem Jahr 1968 bis zur 1692 Euro teuren Einspritzanlage für ein VW Golf I Cabriolet aus dem Jahr 1982.

Ein bisschen wie Amazon

Sie stammen in der Regel von alteingesessenen und etwas verstaubten Spezialisten, die es allein nicht aus der Werkstatt ins Internet geschafft hätten. "Oder können Sie sich die Ludolfs am Laptop vorstellen", fragt er mit Blick auf die Dokusoap mit den chaotischen Brüdern vom Schrottplatz.

Bei Retromotion dabei sind Ersatzteilhalden mit analoger Inventarliste oder kleine Versender, die auf ein größeres Publikum hoffen. Oswalds Firma bietet ihnen eine Plattform - ähnlich wie Amazon den Vertrieb für kleine Händler übernimmt. "Bei uns bekommt man alles auf einer Seite und muss nicht lange bei unterschiedlichen Versendern suchen", sagt Oswald.

Ersatzteildetektive im Einsatz

Wer im Onlineshop nicht fündig wird, kann Oswalds Team als Ersatzteildetektive engagieren: Dann klappern Mitarbeiter des Start-ups zahlreiche Händler, Börsen und Vermittler ab - teils wochenlang. "Wir haben dafür eine Datenbank mit bereits über 1200 Kontakten aufgebaut, die wir regelmäßig abfragen." Zugleich sammelt und bündelt Retromotion die Anfragen und verhandelt mit Originalzulieferern oder anderen Spezialfirmen über die Nachproduktion.

Gelangen die Experten auf diese Weise nicht weiter, kommt der 3D-Drucker ins Spiel. "Vor allem Dekor- und Zierteile - zumeist aus Kunststoff - eigenen sich dafür", sagt Oswald. Sie sind leicht zu fertigen und stellen keine großen Anforderungen an Haltbarkeit oder Sicherheit. Zudem sortieren Händler solche schmückenden Ersatzteile am frühesten aus.

Reparatur mit der Computermaus

Für den 3D-Druck lässt sich Retromotion das betreffende Teil schicken. Es wird eingescannt und in ein dreidimensionales Datenmodell verwandelt, das Programmierer und CAD-Ingenieure reparieren. Sind nach ein paar Mausklicks alle Risse geschlossen und alle Brüche geheilt, geht der Datensatz an den 3D-Drucker. Bald liegt etwa ein neuer Türgriff für einen Ferrari Mondial unter den Spritzdüsen des Geräts.

Zwar dauert das Prozedere vier Wochen und wenn das Team etwas eingespielter ist vielleicht zwei, wie Oswald hofft. Billig ist der Nachdruck auch nicht, der Drucker kostet eine halbe Million Euro. Doch Oldtimervermieter Weber hat die 500 Euro für den Türgriff gern bezahlt - schließlich war das Original anders nicht zu bekommen.

Szene hofft auf mehr 3D-Druck

Die Chancen stehen aber nicht schlecht, dass Weber und andere Oldtimerfans bald weniger Not bei der Ersatzteilbeschaffung spüren. Fahrzeughersteller wie Porsche oder Mercedes, Ersatzteilzulieferer wie Meyle oder eben Dienstleister wie Oswald - sie alle investieren in die 3D-Technik.

"Mit solchen Nachfertigungsmethoden sind die physikalischen Objekte in der Regel heute auf Basis von Zeichnungen oder 3D-Scans auch in Kleinserien herstellbar", freut sich Stephan Joest vom Bundesverband für Oldtimerclubs Deuvet. Enthusiasten wie der Citroën-Experte setzten große Hoffnungen in diese Verfahren. So könnten auch exotischste Teile wieder verfügbar gemacht werden.

"Vergaser aus dem 3D-Drucker nicht unrealistisch"

Durch neue Verfahren und den Einsatz von Metallkompositpulvern ließen sich auch stark beanspruchte Teile nachfertigen. "Der Vergaser aus dem 3D-Drucker ist daher nicht unrealistisch", sagt Joest.

Oswald hat mit der Website im ersten Jahr bereits viele Oldtimerfreunde glücklich gemacht. Doch er selbst kann von seinem Dienst noch nicht profitieren. Denn bei ihm ist die Liebe zum Altmetall auf Rädern noch frisch. Und bevor er sich einen eigenen Klassiker leisten kann, muss er noch ein paar Ersatzteile für andere verkaufen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.