Oldtimer mit Elektroantrieb Wenn der Käfer nicht mehr brummt

Ein VW Käfer, der bloß leise surrt? Ein Unternehmer aus Baden-Württemberg baut Oldtimer zu Elektroautos um. Er bietet auch einen alten Bulli mit 400 Kilometern Reichweite an.

Tom Grünweg

Aus Blaustein berichtet


Fachwerkhäuser säumen Straßen, auf denen kaum ein Auto fährt. Die ersten Blüten sprießen. Dazwischen steht ein piekfeiner VW Käfer aus den Achtzigern. Viel schöner ließe sich eine Zeitreise kaum inszenieren als in Blaustein in der Nähe von Ulm.

Doch dann dreht Johannes Boddien den Ton zu diesem Kopfkino-Film an: Statt des Brummens eines Boxer-Motors ist aus dem Heck des Autoklassikers das Summen eines Stromers zu hören. Was ist hier durcheinander geraten?

Boddien sitzt am Steuer des silbernen Käfers und grinst. Für dieses Überraschungsmoment hat er die Firma Voltimer gegründet, seit zwei Jahren rüstet er alte VW-Modelle um.

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Umrüstung auf Elektro: Neues Leben im alten Auto

"Die meisten modernen Elektroautos haben doch keinen Charakter", sagt Boddien, ein Jurist, der zuletzt Internetfirmen beraten hat. "Doch Oldtimer machen Arbeit und sind nicht gerade umweltfreundlich." Ausweg sind für Boddien die Voltimer, wie er seine modernisierten Klassiker nennt: Elektroautos mit Seele und zugleich Oldtimer ohne schlechtes Gewissen.

Bisher hat Boddien fünf Autos umgerüstet. Drei Wagen sind in Arbeit und drei weitere angefragt. Interessenten kämen aus zwei Lagern, sagt der Firmenchef: "Zum einen sind es Menschen, die ein cooles Elektroauto suchen und sich einen Tesla nicht leisten können oder wollen. Zum anderen sind es Menschen, die dem Charme alter Autos erlegen sind, ohne dass sie daran schrauben und schmieren wollen." So unterschiedlich die Motivation, haben beide Lager eines gemeinsam: "Niemand nutzt einen Voltimer als alleiniges Alltagsauto." Boddien selbst fährt einen Land Rover Discovery, weil er gelegentlich einen Oldtimer auf den Hänger nehmen muss.

Zwar gibt es in ganz Deutschland Tüftler und Kleinunternehmer wie Boddien, die Klassiker vom Kabinenroller bis zur Ente auf Akkuantrieb umrüsten. Firmen wie Retrokäfer, Murschel und Lorey werben um Kunden, dazu kommen US-Unternehmen wie Zelectric aus Kalifornien. Doch reklamiert Boddien für seine Voltimer den einzigen Komplettservice im Land. "Wir bauen nicht nur um, sondern liefern das ganze Auto", sagt der Firmenchef.

Und erzählt von einem Netzwerk an Einkäufern in Mittel- und Südamerika. Dort wurden die VW-Oldtimer am längsten gebaut und sind deshalb noch günstig in guter Qualität zu haben.

Käfer fährt viel besser als das Original

"Im Grunde lässt sich jedes Auto umrüsten", sagt der Unternehmer und erteilt dem oft gehörten "geht nicht" eine Absage. "Ich war die Skepsis irgendwann leid und habe allein deshalb mit der Arbeit begonnen, um zu beweisen, dass es geht." Außer am Käfer macht Boddien sich am VW Bulli zu schaffen, hat einen Peugeot 205 umgerüstet und tüftelt gerade an einem Mercedes Strich 8 und einem VW-Porsche 914.

Die Autos sind selbst bei flotter Fahrt so leise, dass man sich nicht anschreien muss. Auch fährt der Käfer besser als das Original. Wenngleich der - wie beim Original luftgekühlte - E-Motor an der Hinterachse nur 28 kW leistet, verlieren die Hügel im Ulmer Hinterland ihren Schrecken. Von den 220 Nm Drehmoment konnten Käfer-Fahrer damals nur träumen.

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Günstige Oldtimer: Bock auf Blech? Bitte hier lang

Ungewöhnlich für ein Elektroauto: Fahrer müssen im umgebauten Oldtimer mit dem Pedal kuppeln und mit dem Schaltknauf einen Gang wählen. Denn Voltimer ersetzt nur den Motor, belässt das alte Käfergetriebe aber im Fahrzeug.

"Theoretisch wären bis zu 150 km/h drin"

Wer das gelernt hat, spurtet durch Schwaben, als sei er mit einem Renn-Käfer unterwegs. "Theoretisch wären bis zu 150 km/h drin", sagt Boddien, regelt den Motor aber mit Blick auf die Zulassung bei 120 km/h ab, der Höchstgeschwindigkeit des Basismodells.

Voltimer bietet Autos mit drei Akkugrößen: Es gibt das "City"-Modell mit bis zu 70 Kilometern Reichweite, das mit einem Grundpreis von 30.000 Euro etwa drei bis viermal so teuer ist wie ein gebrauchter Käfer ähnlichen Alters. Der Country (38.500 Euro) kommt 140 Kilometer weit, den Hobby auf Basis des Bullis aus der Generation T1 oder T2 gibt es mit 400 Kilometern Reichweite für 75.000 Euro.

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Autojahrgang 1989: Neues Jahr, neue Oldtimer

Fürs Laden unterwegs hat Boddien einen Tipp: eine Flasche Rotwein dabei zu haben. Im Tausch gegen den Wein zapft er gelegentlich Strom bei fremden Leuten und sitzt dann oft länger als die 2,5 Stunden auf deren Terrasse, die der "City" zum Aufladen an der Haushaltssteckdose braucht. Gesprächsthemen gibt es bei diesem Auto genügend. Zum Käfer kennt fast jeder eine Geschichte, und zu Elektromobilität hat fast jeder eine Meinung. Wem die Geduld fehlt, dem baut Boddien gegen Aufpreis ein schnelleres Ladegerät ein.

Zweites Leben für alte Tesla-Batterien

Um an alte Autos zu kommen, hat Boddien Kontakte nach Mittel- und Südamerika aufgebaut. Dort wurden die VW-Oldtimer am längsten gebaut und sind deshalb noch günstig in guter Qualität zu haben. Sind die Käfer und Bulli nach Europa verschifft, gehe der Umbau recht schnell, sagt Boddien: Etwa 100 Stunden brauchen seine drei Partnerwerkstätten in Bayern, bis Motor und Tank aus- und der Elektroantrieb eingebaut sind: Vorn unter der Haube montieren Fachleute die Ladeelektronik, im Heck die Steuerung und den E-Motor. Dabei handelt es sich um Modelle, die sonst Rolltreppen oder große Industrietore antreiben. Hinter dem Rücksitz, wo sonst im Käfer gern der fünfte Passagier mitgefahren ist, steckt der Akku, in einer mit Wasser gekühlten oder geheizten Aluminiumkiste.

Es gibt drei Batterietypen: "Wir bauen Lithium-Eisen-Phosphat-Zellen ein, haben eine eigene Zelle nach dem Vorbild von Tesla entwickelt und haben noch eine klimaneutrale Alternative im Angebot", sagt Boddien und grinst wieder. Wer sich Sorgen macht um den Energieaufwand bei der Batterieherstellung, bekommt Akkus, die Voltimer aus verunfallten Tesla-Modellen übernimmt - und so gleich doppeltes Recycling betreibt.

Anmerkung der der Redaktion: In einer früheren Fassung des Textes waren für die umgebauten Autos zum Teil höhere Reichweiten und niedrigere Preise angegeben. Das Unternehmen Voltimer hat seine Angaben nach Erscheinen des Textes korrigiert, wir haben die Zahlen geändert. Voltimer hat zudem einen Peugeot 205 umgebaut, nicht einen Peugeot 208.



insgesamt 42 Beiträge
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112211 05.04.2019
1. Kofferraum
Der riesige Kofferraum ist nun kaum noch vorhanden, und auch der Platz hinter der Rücksitzbank ist belegt. Na gut, für ein Liebhaberfahrzeug ist das in Ordnung. Ich hoffe, dass die Unzuverlässigkeit der Heizung im Winter (geht nicht) und Sommer (geht immer, nicht abschaltbar) erhalten blieb, ebenso wie die phänomenale Straßenlage bei Seitenwind. Die im Windkanal optimierte Frontscheibe ist jedenfalls unverändert. ;-)
jayred 05.04.2019
2. Ist das wirklich die Alternative?
Autos aus Süd- und Mittelamerika per Schiff herschaffen (War da nicht was mit Schweröl und Luftverschmutzung?), eine per se schwere, nicht dafür konstruierte Karosserie und Getriebe hernehmen für einen Elektroantrieb? Seien wir mal ehrlich: Das ist ein Gag, aber kein echter Beitrag zum Umweltschutz. Im Übrigen erhält man Oldtimer nicht, weil es so einfach wäre - es geht um ein gutes Stück Technikfaszination und nicht zuletzt auch darum, etwas Vergangenheit und deren Faszination in die Gegenwart zu retten. Ein Käfer ohne den typischen Boxerklang ist nun mal kein Käfer mehr, eher dessen Wiedergänger.
s.lichtman 05.04.2019
3. Crash-Sicherheit?
Zwei Fragen: 1. Wie verkraftet der Käfer das enorme Gewicht der Batterie? 2. Wie ist die Batterie gegen Verformung beim Crash geschützt?
rgw_ch 05.04.2019
4. Gute Idee
Die Idee ist zweifellos charmant, aber nicht neu. Die Amsterdamer "New Electric" (www.newelectric.nl) bietet schon seit etlichen Jahren Umrüstung beliebiger Autos auf Elektroantrieb an. Entweder als Fertiglösung oder als Umbaukit für Selbermacher. Umgebaute Autos haben aber natürlich immer den Nachteil, dass sie nicht von vornherein auf Elektroantrieb ausgelegt sind. Die Batterien können nicht in den Wagenboden, wo sie idealerweise hingehören, der Motorraum geht für einen vergleichsweise kleinen Elektroantrieb zu verschwenderisch mit Platz um, den man auch für den Innenraum brauchen könnte, und das Fahrwerk wird oft nicht gut mit dem hohen Anfahr-Drehmoment des Elektromotors fertig. Der Umbau-Markt bleibt darum wohl auf relativ wenige Liebhaber begrenzt.
Mertrager 05.04.2019
5. Ach ist das alles schön
Da ich mich mit so einem Umbau befasse, kenne ich einige Details: Es geht nicht so glatt, wie hier beschrieben. Da gibts es einen Haufen Probleme. Nicht nur bei der Fertigung, sondern auch im Betrieb. Ja und die genannten Preis sind hoch.
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