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Oldtimer mit H-Kennzeichen: Patina oder Ruine?

Foto: Haiko Prengel

Debatte über H-Kennzeichen Gammelklage

Das H-Kennzeichen ist begehrt, es bietet nicht nur Steuervorteile. Oldtimer müssen dafür Auflagen erfüllen, doch auffällig viele Rostlauben erhalten es trotzdem. Sind Kfz-Sachverständige streng genug?

Lack und Chromteile verwittert, auf den Fenstergummis gedeiht Moos: Der gelbe Mercedes-Kombi vom Typ 200 T hat schon bessere Tage gesehen. Auch der rote VW Passat Variant, Baureihe B3 aus den Achtzigerjahren, wird wohl kein Sammlerstück mehr werden. Wegen Rostbefalls wurde bereits der rechte Radlauf geschweißt. Auf der linken Seite hat Korrosion das Blech aber auch schon knusprig gemacht.

Beide Autos sind Bordsteinfunde in Berlin. Beide tragen das H-Kennzeichen, das in Deutschland historische Fahrzeuge zum automobilen Kulturgut adelt und etliche Vorteile bietet. Für Jan Hennen sind Klassiker in diesem schlechten Zustand allerdings kein Einzelfall. "Auf Oldtimer-Treffen sehe ich praktisch täglich Autos, bei denen ich denke: Wo hat der die H-Nummer her?", sagt Hennen, der beim Deuvet, dem Bundesverband für Oldtimer und Youngtimer, arbeitet.

Anfang 2019 zählte das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) rund 536.500 Fahrzeuge, die 30 Jahre oder älter waren. Das ist ein neuer Höchststand. Für das H-Kennzeichen ist das Mindestalter von 30 Jahren allerdings nicht die einzige Voraussetzung. Verlangt wird laut Paragraf 23 der Straßenverkehrszulassungsordnung (StZVO) ferner ein guter Erhaltungszustand, der "zur Pflege des kraftfahrzeugtechnischen Kulturguts" dient.

Die Bedingungen für eine H-Zulassung wurden verschärft

Von einem guten Erhaltungszustand sind manche Klassiker erkennbar weit entfernt. Zwar liegt Schönheit im Auge des Betrachters. Doch das H-Kennzeichen bringt Privilegien. Mit dem Sonderkennzeichen dürfen auch Fahrzeuge ohne Katalysator in die Umweltzonen der Großstädte einfahren. Zudem ist die Kfz-Steuer auf 191 Euro gedeckelt. Beides sind große Vorteile in Zeiten, wo deutlich jüngere Dieselautos mit Fahrverboten belegt werden.

Wird das H-Kennzeichen missbraucht, um alte Gurken günstig weiterfahren zu können? Nach Beobachtung des TÜV Rheinland kommt das zumindest in Großstädten vor. "Insbesondere in den Ballungsräumen wird der Sinn des H-Kennzeichens häufiger vom Fahrzeughalter falsch interpretiert", bilanziert Norbert Schroeder, Klassiker-Fachmann beim TÜV Rheinland. Bei der Hauptuntersuchung bzw. H-Kennzeichenabnahme in diesen Regionen häuften sich die Fälle, in denen Anträge aufgrund des schlechten Fahrzeugzustands abgelehnt werden.

"Rostlauben haben beim TÜV keine Chance auf ein H-Kennzeichen"

Norbert Schroeder, TÜV Rheinland

Angesichts der Umweltzonenproblematik sei der "Reiz der H-Nummer" für Altauto-Fahrer natürlich groß, meint auch Jan Hennen vom Oldtimer-Bundesverband Deuvet. Um die Klassikerszene von einem möglichen Vorwurf zu befreien, mit dem H-Kennzeichen könnte man "Rostlauben" billig und ohne Auflagen bewegen, seien die Bedingungen für die Erlangung des H-Kennzeichens vor einiger Zeit verschärft worden.

Leichte Gebrauchsspuren sind zulässig

Diese Richtlinien wurden von den verschiedenen Kfz-Sachverständigenorganisationen erarbeitet und sollen als Grundlage für die Abnahme nach §23 StVZO dienen. Danach sind "leichte Gebrauchsspuren" am Fahrzeug zulässig. Bei der Begutachtung hat der Kfz-Sachverständige zu prüfen, ob diese Patina erhaltungswürdig ist. Keine Patina sind laut den gemeinsamen Richtlinien von TÜV, Dekra, GTÜ und KÜS unter anderem:

  • Unterrostungen

  • Abplatzungen und Lackrisse

  • Farbabweichungen, etwa durch unsachgemäßes Lackieren oder Austausch von Teilen

  • Verfärbungen, z. B. durch massive Sonneneinstrahlung

  • Risse in Sitzen, Verkleidungen, Verdecken und Armaturenbrettern

Was den technischen Zustand betrifft, schneiden viele Oldtimer überdurchschnittlich gut ab. Zu diesem Ergebnis kommt die GTÜ Gesellschaft für Technische Überwachung, die automobile Klassiker unter die Lupe nahm. Danach sind bei den 30 bis 40 Jahre alten Autos 27,9 Prozent mit "geringen Mängeln" unterwegs. Der Anteil der "erheblichen und gefährlichen Mängel" liegt bei 17,8 Prozent. Mehr als die Hälfte der Klassiker (54,3 Prozent) erhält bei der Hauptuntersuchung die neue Prüfplakette im ersten Anlauf. Die meist sehr gepflegten Klassiker seien im Vergleich zu Fahrzeugen ohne H-Kennzeichen sogar mit rund 10 Prozentpunkten weniger Mängeln unterwegs.

30.000 Oldtimer mit H-Kennzeichen

Wie häufig HU-Prüfer einem Oldtimer das H-Kennzeichen indes verweigern oder aberkennen, kann die GTÜ nicht sagen. Pro Jahr inspizieren die Sachverständigen der Überwachungsgesellschaft rund 30.000 Oldtimer mit H-Kennzeichen. Etwa 2,5 Prozent von ihnen wird allein wegen erheblicher Mängel durch Korrosion an tragenden Teilen die HU-Plakette verweigert. "Unsere Prüfer schauen auf jeden Fall genau hin - bei jedem Auto", unterstreicht GTÜ-Sprecher Frank Reichert.

Auch der TÜV Rheinland erhebt keine Statistik zu einer Oldtimer-Durchfallquote. Insgesamt sei der Pflegegrad und der damit verbundene Erhaltungszustand bei Klassikern recht hoch, sagt Experte Norbert Schroeder. "Im Sinne des Kulturguts" solle gleichzeitig möglichst "viel originale Substanz" erhalten bleiben. Da Autos einer natürlichen Alterung unterlägen, werde aus der Patina jedoch schnell Verschleiß bis hin zur Teilzerstörung. Um es auf den Punkt zu bringen, betont Schroeder: "Rostlauben haben beim TÜV keine Chance auf ein H-Kennzeichen." Wo Patina aufhört und wo Gammel beginnt, scheint allerdings eine schwierige Grauzone zu sein.