Oldtimer-Rallye Eifel Classic Lächelnd durch den Herbst

Drei Rennstrecken, 600 Kilometer Landstraßen, goldenes Herbstwetter: So sieht ein perfektes Oldtimer-Wochenende aus. Die 1. Eifel Classic rund um den Nürburgring war ein Erfolg - doch die Inflation der Retro-Rallyes hat nicht nur Freunde.

Tom Grünweg

Die Oldtimer-Szene boomt. Die Branche setzt nach Berechnungen des europäischen Klassiker-Verbandes FIVA jährlich mehr als 16 Milliarden Euro um und beschäftigt 55.000 Menschen. Maik Hirschfeld, Präsident des Oldtimerverbandes Deuvet, schätzt, dass allein in Deutschland fast 400.000 Altfahrzeuge regelmäßig auf den Straßen unterwegs sind.

Obwohl jedes dieser Autos im Jahresschnitt nur 1500 Kilometer macht, ist der Klassik-Kalender inzwischen dicht gefüllt. "Wer will, kann an jedem Wochenende zu 25 Ausstellungen, Concours, Festivals oder Rallyes fahren", sagt Hirschfeld und warnt schon: "Es wird schwieriger, die Teilnehmerfelder voll zu bekommen."

Zumindest die beiden prominentesten Neuzugänge unter den Oldie-Events zum Saisonende hatten damit keine Mühe. Der Concours d'Elegance bei der 1. Schloss Bensberg Classic war ausgebucht. Und auch das Teilnehmerfeld bei der ersten 1. Eifel Classic am Wochenende war mit rund 140 Fahrzeugen gut bestückt.

"Für die Erstauflage sind wir sehr zufrieden. Zumal der späte Termin ein gewisses Risiko birgt", sagt Organisator Harald Koepke. Doch immerhin, in der launischen Eifel schien an allen drei Tagen die Sonne, die Teilnehmer fuhren lächelnd durch den Herbst.

Baujahre von 1914 bis 1989, Motoren von 30 bis 400 PS - das Starterfeld war breit. Angeführt wurde es von einem 1984er Audi Sport Quattro, in dem Rallye-Ass Walter Röhrl und sein alter Teamkollege Christian Geistdörfer noch einmal Gas gaben. Dahinter fuhren fast schon inflationär viele Mercedes Flügeltürer, ein halbes Dutzend Jaguar XK und E-Type sowie Werksteams von Audi, Ford, Porsche und Opel. Mercedes, Jaguar und BMW dagegen ließen diese Chance der Markenpflege ungenutzt. Die Lücken füllten mehr als hundert Selbstzahler, die sich den Spaß jeweils 990 Euro Startgeld kosten ließen.

Zwei Novizen entdecken ihre Oldtimer-Rallye-Leidenschaft

Viele der Privatstarter sehen sich jedes Wochenende auf einer Rallye. Ihre Autos sind übersät mit Aufklebern der technischen Abnahmen. Im Eifel-Classic-Feld gab es aber auch Novizen wie Hans-Jakob Odenthal, der die Teilnahme seinem Patensohn und Beifahrer Philipp Edelmann zu Abitur und 18. Geburtstag geschenkt hatte. Mit dem Jaguar XK 140, der hier Auslauf erhielt, wurde eigens trainiert: "Wir mussten den Meilentacho ja irgendwie eichen", sagt Odenthal mit Blick auf das detaillierte Roadbook. In der Wertung lag das Team weit zurück. Der Begeisterung tat das keinen Abbruch: "Das war das erste, aber nicht das letzte Mal."

So denken offenbar viele Eigner alter Autos. "Oldtimer stehen derzeit hoch im Kurs", sagt Malte Jürgens, Chefredakteur des Fachmagazins "Motor-Klassik" und Ausrichter des Rennens. "Wenn Umbrüche in der Gesellschaft anstehen, wird versucht, Bekanntes zu bewahren. So sind in der industriellen Revolution Museen wie der Louvre entstanden, und deshalb halten wir heute an klassischen Fahrzeugen fest."

Klassiker aus den sechziger und siebziger Jahren sind fast schon Alltagsautos

Frank Wilke, Chef des Marktbeobachters Classic Data, nennt praktische Argumente für den Oldie-Boom. "Neue Autos, die Emotionen und Fahrspaß vermitteln, sind oft so teuer, dass man mit einem Oldtimer billiger fährt." Außerdem seien die Klassiker zuverlässiger als Autos von heute: "Man kann einsteigen und losfahren, ohne dass man vorher lange schrauben muss. Und wenn unterwegs mal was passiert, kann jeder Pannendienst helfen."

Pannenhilfe brauchen in der Eifel überraschend wenige. Man fährt gesittet, genießt die Herbstlandschaft und erreicht heil das Zwischenziel. Schließlich zählt nicht das Tempo, sondern die Gleichmäßigkeit - obwohl es jeden Tag über 200 Kilometer Landstraße und auch über eine Rennstrecke geht. Erst die Nordschleife, dann den Nürburgring-Grand-Prix-Kurs, dann Colmar-Berg in Luxemburg.

Ein Routinier des millimetergenauen Fahrens holte den Gesamtsieg

Auch auf den Rennpisten sind Stoppuhren und Kilometerzähler wichtig, damit jede Messstelle möglichst exakt passiert wird. Zumindest auf der Nordschleife konnte sich Walter Röhrl allerdings kaum bremsen. In gut zehn Minuten prügelte er den Quattro durch die Grüne Hölle - und stand dann neun Minuten an der Döttinger Höhe, um bei der Zieldurchfahrt keinen Strafpunkt zu kassieren.

Der Rennroutinier hatte jedoch keine Chance gegen Hans Werner Wirth aus Fürth, der seit mehr als zehn Jahren solche Rallyes fährt und diesmal in einem Manta 400 von 1983 antrat. Wirths Roadbook sieht aus wie eine physikalische Formelsammlung, am Auto gibt es geheimnisvolle Markierungen für die Einfahrt in die Messstrecken, und beinahe meditativ spult er den Kurs auf Zentimeter und Millisekunde genau ab.

Die Mühe wird belohnt: Nicht nur bei vielen Wertungsprüfungen, sondern auch beim Finale in Luxemburg steht Wirth ganz oben auf dem Treppchen.



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