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Versteigerung von 60 Luxusautos: Protz mit Patina

Foto: Collection Baillon / Artcurial

Versteigerung von 60 Luxusautos Schloss mit rostig

30 Jahre lang rotteten Dutzende Luxuskarossen in einem Schlosspark in Frankreich vor sich hin. Jetzt wird die Sammlung, die mit Wagen von Starschauspielern und Königen gespickt ist, in Paris versteigert.

"Was zählt, ist die Seele": Wenn François Cointreau über Oldtimer spricht, wird es romantisch. Der Spezialist für die Restaurierung alter Autos zählt in Frankreich zu den Besten seines Fachs. Seit Jahrzehnten kümmert er sich mit zwei Mitarbeitern um die detailgenaue Aufarbeitung von historischen Modellen.

Immer wieder erreichen Autos "in ziemlich üblen Zustand" seine Carrosserie in Pellouailles-les-Vignes unweit von Angers, so der 55-Jährige: "Gerissene Motorenblöcke, fehlende Chromteile, verfaulte Holzkonstruktionen. Man braucht Erfahrung, um solche Wagen wieder auf Vordermann zu bringen."

Deshalb freut sich Cointreau auf nächsten Freitag.

Dann kommen in Paris auf der Oldtimer-Messe Retromobil  60 alte Luxusautos unter den Hammer, in ziemlich desolatem Zustand: Ein Bugatti, überzogen mit Vogelkot, ein völlig verrosteter Rolls-Royce. Und die Chancen stehen gut, dass die Käufer bald die Dienste des Restaurators in Anspruch nehmen.

Alle Autos auf der Auktion gehörten einst zur Sammlung des Transportunternehmers Roger Baillon. Der hatte die Wagen zu Lebzeiten Stück für Stück zusammengetragen und seit Anfang Fünfzigerjahre in Schuppen, Scheunen und Wellblechbaracken rund um sein Schloss in der südwestfranzösischen Idylle von Échiré untergebracht. Seinen Traum - Frankreichs erstes Automuseum - konnte er nicht verwirklichen. So gammelten die Edellimousinen auf Château Gaillard, das einem Luxusschrottplatz glich, langsam ihrem Verfall entgegen.

So siechte ein Luxuscoupé von Talbot auf dem Schloss vor sich hin

So siechte ein Luxuscoupé von Talbot auf dem Schloss vor sich hin

Foto: Collection Baillon / Artcurial

Die Erben von Baillon wussten um das automobile Dornröschenschloss: "Der Garten der Autos war unser Spielplatz", erzählt Enkelin Céline, 40. "Ich habe mit meinem Bruder hier Verstecken gespielt." Ihr Bruder Ludovic, 39, lernte in dieser Umgebung schon mit sieben Jahren Auto fahren: "Großvater hat es mir beigebracht."

Als Entwickler gescheitert, als Sammler ein Genie

Das Auktionshaus Artcurial schätzt den Wert der lange vergessenen Fundstücke auf rund 16 Millionen Euro. Tatsächlich liest sich der Katalog wie ein "Who is Who" der automobilen Luxusbranche: Bentley, Talbot-Lago, Delahaye, Hispano-Suiza. Zu den Spitzenmodellen zählt auch ein Ferrari California Spider, von dem nur 37 Exemplare hergestellt wurden. Das seltene Stück gehörte einst Schauspieler Alain Delon. Im Handschuhfach fanden sich zwei Zündschlüssel, Lederhandschuhe; auf dem Tacho: 40.000 Kilometer. Mit im Angebot auch ein Talbot-Cabrio, einst im Besitz des ägyptischen Königs Faruk.

Alain Delons Ferrari 250 GT California SWB, verborgen unter Zeitschriften

Alain Delons Ferrari 250 GT California SWB, verborgen unter Zeitschriften

Foto: Collection Baillon / Artcurial

Seine Sammlerkarriere begann der gelernte Luftfahrtmechaniker Baillon aus Niort nach dem Zweiten Weltkrieg - freilich mit Oldtimern anderer Art; mit ausgedienten Lkw der deutschen Wehrmacht und Surplus-Trucks der US-Alliierten. Der findige Schrauber demontierte die militärischen Aufbauten und verpasste den Fahrzeugen einen zivilen Anstrich. Mit neuer Karosserie und rundüberholt vermietete er die Wagen an lokale Unternehmen - nach dem Krieg waren Lastwagen Mangelware.

Nach dem Erfolg mit dem Umbau wechselte Baillon bald ins Transportgeschäft. Dafür schuf der Autodidakt Frankreichs erste Speziallaster vom Typ Micheline und erfand einen Tankwagen-Sattelschlepper für Gefahrgut. Mit seiner Firma verfügte er bald über eine der größten Fahrzeugflotten im Land.

Doch Baillon wollte mehr. Schon 1947 hatte der Auto-Enthusiast auf dem Pariser Autosalon mit dem Oiseau Bleu (Blauer Vogel) eine eigene Studie vorgestellt. In Serie ging der Luxuswagen freilich nie. Der Unternehmer verlegte sich daher, zusammen mit Sohn Jacques, auf das Sammeln von ausgefallenen Modellen.

Anfang der Fünfzigerjahre begannen die beiden mit dem systematischen Ankauf historischer Originale und schafften sie zum Familiensitz in Échiré. "Baillon rettete Autos vor der Verschrottung und kaufte Oldtimer zu einer Zeit, als ein Bugatti, Delage und andere Wagen nicht mehr kosteten als ihr Gewicht in Alteisen", schreibt das Internetportal lautomobileancienne.com . Die Sammlung wuchs schnell, Baillon verfügte zeitweise über mehr als 200 außergewöhnliche Edelkarossen.

Luxuskarossen unterm Scheunendach

Luxuskarossen unterm Scheunendach

Foto: Collection Baillon / Artcurial

Das teure Hobby fand ein abruptes Ende, als Baillons Fuhrunternehmen 1978 pleiteging. Schlimmer noch, der Unternehmer wurde wegen Steuerhinterziehung angeklagt und verurteilt. Ein Teil seiner Autokollektion ging 1979 in die Zwangsversteigerung. Der damalige Katalog listet knapp 60 Wagen auf, darunter ein Jaguar E-Type Cabriolet, ein Lancia Flavia Sport, zwei Maserati, dazu ein Bentley Mark VI sowie ein Rolls-Royce WME. Sechs Jahre später wurden weitere 32 Autos verhökert.

Der Rest der Sammlung verrottete seitdem in den Garagen und Unterständen rund um das Familienschloss. Nicht einmal der Tod von Roger Baillon 1996 weckte das Interesse an den blechernen Antiquitäten. Sohn Jacques, selbst Oldtimer-Fan, wollte sich von den Schätzen nicht trennen. Die Autos setzten Rost und Grünspan an.

"Ein derartiges Angebot wird es nie wieder geben"

Erst als auch Jacques Baillon 2013 starb, beauftragten die Erben Experten mit der Sichtung des vernachlässigten Nachlasses. Und die stießen auf dem Gelände in Échiré auf verblüffende Kostbarkeiten. "Wir fühlten uns wie die Archäologen bei der Entdeckung der Grabkammer von Tutanchamun", sagt Matthieu Lamoure vom Auktionshaus Artcurial.

"Ein derartiges Angebot an Raritäten wird es nie wieder geben", sagt auch François Cointreau, der mit Herzklopfen darauf wartet, die Limousinen in Augenschein zu nehmen. "Für das Mitbieten bei der Versteigerung", so Cointreau, "reicht leider mein Geldbeutel nicht." Ihm bleibt die Hoffnung, dass er dennoch an eine der Edelkarossen Hand anlegen darf - wenn nicht als Besitzer, dann immerhin als Restaurator.