Langlebige Autos Die Kilometerkönige

Neuwagen, nein danke: Viele Menschen fahren ihre alten Autos Hunderttausende Kilometer. SPIEGEL-Leserinnen und -Leser verraten, wie ihnen das gelingt – und was es ihnen bedeutet.
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Michael Fitzek

Saugdiesel, Reihensechszylinder: In Zeiten der Mobilitätswende klingt das beinahe prähistorisch. Doch mögen Elektro- oder Wasserstoffautos die Zukunft sein – die Realität auf den Straßen sieht anders aus. Die meisten Deutschen halten an ihren alten Verbrennern fest und fahren sie sogar länger: Auf 9,8 Jahre ist das durchschnittliche Alter der zugelassenen Gebrauchtwagen laut Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) Anfang 2021 gewachsen.

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Viele fahren ihr Auto sogar weit länger. So wie Frank Märtens. Der Niedersachse hat mit seinem Skoda Octavia, Baujahr 2001, mehr als 634.000 Kilometer abgespult. Sein Geheimnis: Eine penible Wartung, Markenöl und eine schonende Fahrweise. »Keine Drehzahlen über 4000 pro Minute«, erklärt Märtens. Dafür hat er nachträglich einen Tempomaten eingebaut, mit dem er auf der Autobahn die Geschwindigkeit auf 120 Kilometer pro Stunde begrenzt. Die nachgerüstete Standheizung sorgt dafür, dass der Motor an kalten Tagen schon vorgewärmt ist, wenn der Niedersachse morgens zur Arbeit aufbricht.

Nach dem Bericht meldeten sich viele andere SPIEGEL-Leser, die mit ihrem Auto ebenfalls (umgerechnet) schon mehrfach die Erde umrundet haben. Nicht alle nutzen Markenöl oder einen Tempomaten. Doch es gibt Erfolgsrezepte für eine hohe Laufleistung. Dazu gehören eine sorgsame Wartung und eine eher schonende Fahrweise. Vor allem aber eine gewisse Bindung zum treuen Gefährt – mag es auch alt und unmodern sein.

Vor allem wegen dieser emotionalen Bindung sind Oldtimer so beliebt. Anfang 2021 registrierte das KBA knapp 661.000 zugelassene Fahrzeuge mit historischem H-Kennzeichen. Dazu kommen fast sechs Millionen Pkw mit den Abgasnormen Euro 1 bis 3 und noch 11,5 Millionen Fahrzeuge mit Euro-4-Norm.

Die Ausweitung von Fahrverboten, Umweltzonen und höhere Sprit- und CO2-Preise, wie sie im Bundestagswahlkampf derzeit diskutiert werden, könnten diese Autos bald in ihrer Existenz bedrohen – zumindest ihre Instandhaltung sehr unwirtschaftlich machen. Dabei können alte Autos durchaus wirtschaftlich sein. Das finden zumindest die Besitzer dieser sieben Langzeitautos, die sich den Verheißungen der Neuwagenindustrie widersetzen.

Mercedes G »Wolf«

Foto: Sven Kreikenbohm

Was bei der Bundeswehr im Einsatz war, muss robust sein – dachte sich Sven Kreikenbohm, als er sich seine alte Mercedes G-Klasse der Baureihe W461 anschaffte. Mit dem Geländewagen von Mercedes erfüllte sich der Mann aus Wiefelstede in Niedersachsen einen Jugendtraum, aber nicht in der heutigen Form mit »Alufelgen, Leder, Metallic«, wie Kreikenbohm betont: »Sondern in der rustikalen zuverlässigen Form des ›Wolf‹, der Bundeswehrausführung.« Bei Kreikenbohms W461 heißt das: 2,2 Tonnen Leergewicht, zuschaltbarer Allradantrieb und ein 2,5 Liter großer Saugdiesel. Ohne Turbolader kommt der auf gerade einmal 95 PS. Dafür ist der Mercedes-Motor OM602 pflegeleicht und bekannt für hohe Laufleistungen.

»Ich benutze das Fahrzeug bewusst als privates Alltagsauto mit einem entschleunigten Fahrstil«, sagt Kreikenbohm. Den Kilometerstand seines »Wolf« kann er wegen des fünfstelligen Tachos allerdings nur grob schätzen. Fachleute einer Werkstatt, die auch die Bundeswehr betreuten, gingen wegen des guten Erhaltungszustands von maximal 220.000 Kilometern aus. Exakt benennen kann der Niedersachse indes den realen Verbrauch seines grobschlächtigen Alltagsautos: 11 Liter auf 100 Kilometer. »Welcher heute gebaute SUV kommt mit 11 Litern Diesel klar und ist zugleich so geländegängig?«, fragt Kreikenbohm. Um sich mit Gleichgesinnten zu treffen, hat der Niedersachse bei Facebook die Gruppe »Langzeitauto« gegründet. Dort tummeln sich Altauto-Fahrer, die lieber reparieren (lassen) als neu kaufen. Ihr Credo lautet »Ressourcenschonung durch Erhalt und Pflege von Fahrzeugen«.

VW Käfer

Foto: Michael Fitzek

Altem Eisen kann Michael Fitzek aus Wolfratshausen einiges abgewinnen. 1982 kaufte er sich als junger Mann einen VW Käfer aus fünfter Hand, der Krabbler war damals schon 23 Jahre alt. »Inzwischen hat der Wagen mehr als 330.000 Kilometer drauf, Originalmotor mit 30 PS«, sagt Fitzek. Ja, 30 PS reichten früher vielen Autofahrern aus, sogar um im Urlaub die Alpen Richtung Italien zu überqueren. Im Skiurlaub in Österreich löste Fitzek einmal Unmut bei seinen Begleitern aus, weil sein Käfer das langsamste Auto war und sie mit ihren »Golfs, Fiestas und Co.« lange auf ihn warten mussten. »Und dann: In jeder Kehre stand einer am Straßenrand und legte die Schneeketten an. Der Käfer fuhr dank Heckmotor locker hoch, sodass wir oben dann mit Abstand die Ersten waren«, erinnert sich Fitzek schmunzelnd.

Heute sind beide, der blaue Käfer und sein Besitzer, 62 Jahre alt. Doch während der Käfer läuft und läuft und läuft, nutzt Michael Fitzek fast noch lieber das Fahrrad. »Ich fahre jährlich immer noch doppelt so viele Kilometer mit dem Rad wie mit dem Auto«, sagt er. Beruflich konstruiert der Hard- und Software-Entwickler Fahrrad- und E-Bike-Scheinwerfer. Für weitere Strecken ist der Oldtimer aber weiter im Einsatz, bis runter nach Bordeaux am Atlantik steuerte Michael Fitzek seinen alten Käfer. »Nur auf dem Mars war er eigentlich noch nicht.«

Opel Astra Caravan

Foto: Irene Lauth

Auch Irene Lauth hält nicht viel von Schönwetterautos. Mit ihrem Opel Astra, der 1998 mit 9000 Kilometern in ihre Hände überging, war sie nie in der Waschanlage. »Ich bin keine Freundin von Samstag-Autoputzaktionen. Das ist Wasser- und Energieverschwendung, kräftiger Regen reicht aus«, findet die Diplomsozialpädagogin aus Mühltal-Waschenbach in Hessen. An technischer Pflege sparte sie dagegen nie. Öl- und Filterwechsel, Kerzenerneuerung, Brems- und Lichtkontrolle – die notwendigen Inspektionen habe sie stets durchführen lassen in ihrer Werkstatt im Dorf.

Ihr Opel Astra Caravan dankte es ihr mit Zuverlässigkeit. Nach 23 Jahren Alltagseinsatz als Arbeits- und Einkaufsmobil, Urlaubsauto und Kindertaxi stehen 360.000 Kilometer auf dem Tacho. Nur 2009 überlegte Irene Lauth einmal kurz, ob sie die staatliche Abwrackprämie in Anspruch nehmen und ihren Opel gegen ein neueres Modell eintauschen sollte. »Meine Autowerkstatt hat mich damals super beraten und mir abgeraten. Dafür bin ich heute noch sehr dankbar«, erinnert sich Lauth. Inzwischen ist sie Rentnerin, und auch ihr treuer Kombi habe ein paar braune »Altersflecken«. Ja, der Rost hat sich am Unterboden so ausgebreitet, dass sich eine Instandsetzung nicht mehr lohnt. Ende Juni läuft der TÜV ab. »Dann muss ich meinen liebgewonnenen Kombi beerdigen.«

Moto Guzzi 1000 SP

Foto: Joachim Drechsel

Joachim Drechsel ist Computerexperte, bei seinem Fahrzeug vertraut er noch auf Technik ohne elektronische Steuergeräte. Das Besondere: Sein Daily Driver ist kein Auto, sondern ein altes Motorrad, eine Moto Guzzi 1000 SP von 1981. »Unkaputtbar«, betont Drechsel. Überdies erwies sich ein Zweirad im staugeplagten Berufsverkehr als clevere Alternative. »Ich bin 1994 von Frankfurt am Main in den Spessart gezogen, die Kunden natürlich nicht«, berichtet Drechsel. Über viele Jahre fuhr er mit dem Motorrad zur Arbeit in Frankfurt, 170 Kilometer pro Tag, meist fünfmal die Woche.

Es sei absolut unmöglich bis unbezahlbar, dort regelmäßig einen Parkplatz für ein Auto zu finden, sagt Drechsel. Ein Motorrad passe immer irgendwo in eine Tiefgarage. Dazu kommt der Zeitgewinn unterwegs. »Auf der A3 sind regelmäßig Staus, okay, dann halt irgendwie durchmogeln«, so Drechsler. »Richtig gewinnt man in der Innenstadt: Mit dem Moped stehe ich an jeder Ampel vorne.«

Seine Moto Guzzi kaufte Joachim Drechsel 1998 mit 150.000 Kilometern. »Im Moment werden die ersten 400.000 Kilometer voll.« Als Gespann mit Beiwagen kann das Zweirad sogar Passagiere oder Transportgüter befördern. Drechsels letztes Auto war ein VW-Bus T3, das ist aber schon 14 Jahre her, sagt er und fügt augenzwinkernd hinzu: »Autofrei auf dem Land – na klar!«

BMW 330d

Foto: Hartmut Gnuschke

Dass Hartmut Gnuschke sich noch für kein Elektroauto erwärmen konnte, liegt auf der Hand: Er ist Professor für Verbrennungsmotoren an der Hochschule Coburg. Davor arbeitete er für einen großen Kfz-Zulieferer bei der Entwicklung von Common-Rail-Einspritzsystemen für Dieselmotoren mit. Verständlich also, dass Gnuschke auch privat einen Diesel fährt. Sein BMW 330d (E46) ist von 2001, Gnuschke übernahm ihn als Vorführwagen. »Heute hat der Sechszylinder-Diesel 415.000 Kilometer auf dem Buckel«, sagt der Professor und verrät auch gleich sein »Geheimnis« für hohe Laufleistungen.

Dazu gehörten eine Wartung streng nach Plan, ausschließlich Markenkraftstoffe und ein stark gemischtes Fahrprofil zwischen Kurz-, Mittel- und Langstrecke. »Auch ein Motor ist nur ein Mensch, der es mal sportlich, mal langsam mag«, meint Gnuschke. Endlich sind Motoren ebenfalls. Wenn bei den modernen Einspritzer-Dieseln die Injektoren kaputtgehen, werden für einen neuen Satz schnell ein paar Tausend Euro fällig. Bis derart»substanzielle Schäden« am Auto auftreten, will Hartmut Gnuschke seinen BMW 3er weiterfahren. Dabei hofft er, dass die Politik sich von der in seinen Augen einseitigen Förderung der Elektromobilität abwende und alternative Antriebsarten mitberücksichtige – etwa durch synthetische Kraftstoffe. Diese könnten für eine geschlossene CO2-Bilanz sorgen, wenn sie mittels regenerativer Energieformen hergestellt würden: »Damit könnte selbst mein alter 3er CO2-neutral fahren.«

VW Polo III

Foto: Volker Möller

Von wegen alte Gurke: Dass Autos schon vor einem Vierteljahrhundert effizient sein konnten, zeigt der VW Polo III von Volker Möller. Der 1995 gebaute Dreitürer verbrauche zuverlässig unter sechs Liter Benzin auf 100 Kilometer, berichtet der Mann aus Havixbeck in Nordrhein-Westfalen: »Mein Allzeitrekord liegt bei 5,2 Litern.« Möller nennt sich selbst einen Anhänger nachhaltiger Lebensweisen. »Daher auch mein Weigern, mir alle paar Jahre ein neues Auto zuzulegen.« Wie bleibt der Wagen fit? »Mein Rezept deckt sich mit dem von Frank Märtens«, verrät der Münsterländer: »Niemals einen hochtourigen Kaltstart, höchstens 3500 U/min, das macht maximal 110 bis 120 Kilometer pro Stunde schnell.«

Das Ergebnis ist eine Laufleistung von 524.000 Kilometern oder circa. 13-mal um den Äquator, wie Volker Möller vorrechnet. Was ihn besonders stolz macht: Bei Laufleistungswettbewerben, die er etwa im Radio verfolgte, gewannen stets Boliden mit großen Hubräumen – etwa alte Volvo oder Mercedes Taxi. Familie Möller überrundete die halbe Million dagegen mit ihrem kleinen VW Polo mit 1,3 Litern Hubraum und beschaulichen 55 PS. »Deshalb fühlen wir uns erst recht als Kilometerkönige – in der Kategorie Kleinwagen.«

BMW 328i Cabriolet

Foto: Oliver Janson

Die Wagenpflege ist für Oliver Janson keine große Philosophie. »Ich verwende nicht irgendein Öl, sondern das billigste – 20 Liter für 60 Euro«, verrät der Zahnarzt aus München. Auch Anhängerbetrieb macht seinem BMW 3er Cabriolet von 1996 wenig aus – der Youngtimer aus Erstbesitz muss regelmäßig ein Motorboot zur Donau schleppen. Das Grundrezept für ein langes Autoleben steckt wohl unter der Motorhaube: Jansons Cabriolet ist ein 328i der Baureihe E36. Der M52B28 ist ein Reihensechszylinder der alten Schule. Kein hochgezüchtetes Dreizylinder-Aggregat, sondern sechs Töpfe mit viel Hubraum und 193 PS, sodass der Motor selten in den roten Bereich geht und ein Niedrigdrehzahlleben fristet.

So schaffte es der BMW auf heute sensationelle 966.000 Kilometer Laufleistung. Und: Der Wagen mache ihm immer noch Spaß, sagt Janson, weil er zuverlässig sei und noch nicht alles abregele, nicht dauernd ein Warnlicht oder -ton aufploppe. »Ich will meinen Kindern auch zeigen, dass man nicht ständig ein neues Auto kaufen muss, nur weil die Leasingwagen so günstig sind oder der Nachtbar eins hat oder man sich selbst nicht gut findet«, sagt Oliver Janson. Vielmehr könne man auch nach 25 Jahren glücklich und zufrieden mit einem Auto mit 966.000 Kilometern sein – »auch als Zahnarzt!«, betont Janson. Sein Boot ist übrigens erst 20 Jahre alt und die Donau immer für neue Entdeckungen gut. Das klingt nach weiteren Einsätzen für Jansons altes BMW-Cabriolet. Bald wird es wohl die eine Million Kilometer knacken.

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