Opel Kadett Der andere Golf

Von wegen Golf-Klasse: Erfunden wurde das Segment des Kompaktwagens nicht in Wolfsburg, sondern in Rüsselsheim. Während das VW-Werk noch im Rohbau war, rollte bei Opel schon der erste Kadett vom Band. SPIEGEL ONLINE hat sich den Wagen noch einmal angeschaut.


Für Golf-Hasser wird es im Herbst sehr anstrengend. Dann geht das meistverkaufte Auto der Republik in die sechste Auflage, und man wird dem Golf kaum entgehen können. Weder dem neuen, noch den fünf alten, die in diversen historisierenden Rückbetrachtungen noch einmal durch die Medien rollen dürften.

Andere Autos werden es da schwer haben. Opel hat deshalb bereits jetzt seinen halben Museumsfuhrpark entstaubt, um dem Rivalen aus Wolfsburg in Sachen "Pioniere der Kompaktklasse" ein bisschen die Show zu stehlen. Denn als die VW-Fabrik in Wolfsburg noch im Bau war, wurde in Rüsselsheim 1936 bereits der erste Kadett produziert. Der kleine Bruder des Modells Olympia war ab 1795 Reichsmark zu haben, 23 PS stark und mit einer damals revolutionären, selbsttragenden Ganzstahlkarosserie versehen. Der Ur-Kadett wurde bis zum kriegsbedingten Produktionsstopp im Jahr 1940 über 100.000-mal gebaut.

Der erste Nachkriegs-Kadett feierte seine Premiere 1962 - also 22 Jahre nach dem Ur-Modell und zwölf Jahre vor dem VW Golf. Gebaut wurde die Serie A in Bochum, verkauft wurde sie für 5075 Mark aufwärts in die halbe Welt. Es gab einen 1,0-Liter großen Vierzylinder mit 40 oder 48 PS, der immerhin Tempo 120 schaffte. Ein Jahr nach der Premiere fächerte Opel die Palette weiter auf: Neben der zweitürigen Limousine gab es auch einen Kombi und ein schnittiges Coupé. Das Trio kam gut an und wurde binnen drei Jahren fast 650.000-mal verkauft.

1965 schickte Opel den B-Kadett ins Rennen. Er war 18 Zentimeter länger und gilt auch nach heutigen Maßstäben noch als ausgewachsenes Auto. Zwar hatte auch hier die Limousine nur zwei Türen, doch die Sitze waren bequem, und das Platzangebot dürfte auch dem Fahrer eines brandneuen Opel Astra genügen. Zugegeben: An Seitenhalt ist auf den Polstern nicht zu denken, und Kopfstützen gab es damals auch noch keine.

SPIEGEL ONLINE saß noch einmal Probe. Vorn fühlt man sich hinter dem riesigen Lenkrad des B-Kadett wie der König der Landstraße, und selbst hinten reicht die Beinfreiheit allemal. Und die heimelige Atmosphäre bleibt einfach unerreicht. Schwarzrote Karos auf den Sitzen und rotweiße Bastmatten im Fußraum – nur eine Tiroler Berghütte ist gemütlicher. Auch unter der Haube hat der Wagen einiges zu bieten: Immerhin gibt es fünf Motorvarianten mit bis zu 1,9 Liter Hubraum und stolzen 90 PS.

Ein Opel als Weltauto

1973 ging die Serie C ins Rennen und wurde als erster Opel zu einem Weltauto, das auch auf anderen Kontinenten zu den Händlern rollte. Als GT/E avancierte der Kadett zum sportlichen Traumwagen frühreifer Vollgasfanatiker. Der Wagen hatte 105 PS, die immerhin für 184 km/h reichten.

Später gab es sogar 115 PS, mit denen der gerne in weiß und gelb lackierte Breitensportler sogar 190 km/h schaffte. Man hat Hemmungen die Schätzchen aus dem Opel-Werksmuseum im scharfen Ritt durchs Rheingau zu treiben. Doch jede Kurve ist eine Versuchung, und auf jeder Geraden zeigt der rüstige Rentner auch heute noch, was in ihm steckt.

Auf den C-Kadett folgte 1979 der D-Kadett, bei dem Opel nach Wolfsburger Vorbild zum ersten Mal auf Vorderradantrieb und quer eingebaute Motoren umstellte. Von ihm werden bis 1984 über zwei Millionen Autos gebaut. Dann ging der Kadett als E-Modell in seine letzte Runde. Nach 55 Jahren Bauzeit und rund elf Millionen Fahrzeugen war bei Opel nach ihm die Kadett-Ära zu Ende.

An seine Stelle trat 1991 der Astra, der inzwischen in der dritten Generation ist. Zwar schlägt sich der Golf-Gegner noch immer recht wacker. Doch wenn im Herbst der neue Golf anrollt, wird es der Astra wieder deutlich schwerer haben. Das weiß man auch in Rüsselsheim. Deshalb haben die Arbeiten am Nachfolger längst schon begonnen.



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