Opel Kapitän, Baujahr 1957 Nimm mich mit, Kapitän

Das waren Zeiten: Als Opel mit dem Modell Kapitän durch die Oberklasse-Reviere der fünfziger Jahre schipperte, war die Marke erfolgreicher als Mercedes. SPIEGEL ONLINE lichtete jetzt die Anker eines der Riesen aus Rüsselsheim, der bis heute ein kommoder Reisewagen ist.

Tom Grünweg

Das Wirtschaftswunder verändert Deutschland. Bundeskanzler Konrad Adenauer holt die ersten Gastarbeiter ins Land, aus dem Radio verbreiten Bill Haley und Freddy Quinn gute Laune, und wer ein bisschen wagemutig ist, urlaubt bereits in Italien. Dazu träumen viele brave Bürger von einem Auto aus Rüsselsheim. Nicht Mercedes mit dem 220er Ponton oder BMW mit dem 501 dominieren die Oberklasse zu dieser Zeit, sondern Opel. Der 9350 Mark teure Kapitän gilt als Nonplusultra und ist ein Symbol des wirtschaftlichen Aufstiegs.

Den Erfolg verdanken die Hessen nicht nur dem damals noch makellosen Ruf ("Opel, der Zuverlässige"), sondern vor allem einer geschickten Planung. Der erste Kapitän war das letzte Vorkriegsauto von Opel - und nach dem Krieg brachte die Marke den Bestseller alle zwei Jahre auf Vordermann; parallel dazu wurde das Fahrzeug immer weiter amerikanisiert. Das 57er Modell, das mit fast 100.000 Exemplaren zu den erfolgreichsten Jahrgängen zählte, trägt üppigen Chromschmuck, der riesige Kühlergrill imponiert und die Kotflügel deuten bereits Heckflossen an.

Innen herrschen für diese Zeit außerordentliche Verhältnisse. Während die Arbeiterschaft im VW Käfer kauert, thront der Opel-Fahrer erhobenen Hauptes im Straßenkreuzer. Das Gestühl ist weich, die Bein- und Schulterfreiheit überwältigend, und über allem wölbt sich ein schwarz lackiertes Kuppeldach.

Wer es weit gebracht hat in diesen Tagen, bestellt sich für 900 Mark Aufpreis die Luxusversion. Sie trägt eine Krone auf der Motorhaube, ein geschwungenes "L" an der Flanke und glänzt innen mit bequemen Einzelsitzen, einer gepolsterten Armaturentafel, Sonnenblenden samt Make-up-Spiegel, Taschen in den Türen sowie einem wundervollen Chromschmuck rund um den Tacho. Die riesige Uhr wird mit einer Kurbel im Handschuhfach aufgezogen.

Bei aller Noblesse wirkt der Kapitän nach heutigen Maßstäben freilich sehr spartanisch. Bedienkomfort wie elektrische Fensterheber, Klimaanlage oder gar Zentralverriegelung war damals bei Opel noch unbekannt. Immerhin: Die Marke führte beim Kapitän das sogenannte Ein-Schlüssel-System ein. Erstmals ließen sich die Schlösser in den Türen, an Handschuhfach, Tankdeckel und Kofferraum sowie das Zündschloss mit demselben Schlüssel betätigen.

In Fahrt brachte den Kapitän ein schier unverwüstlicher Sechszylindermotor mit 2,5 Liter Hubraum und 75 PS, der auch heute noch überraschend munter auftritt. Zwar braucht es ein bisschen Übung, bis man das Dreiganggetriebe per Lenkradschaltstock wirklich souverän sortiert, doch für die gemütliche Landpartie ist der Kapitän auch mehr als ein halbes Jahrhundert nach seiner Jungfernfahrt der ideale Begleiter.

Eilige Menschen haben zu diesem Straßenkreuzer keinen Zutritt

Hochherrschaftlich wie ein Zigarre paffender Patriarch sitzt man hinterm großen, spindeldürren Lenkrad und schnurrt gemächlich über Land. Wer es zu diesem Wagen gebracht hat, der hat es nicht mehr eilig. Und nur so kann man den Kapitän auch genießen. Denn erstens sind mehr als Tempo 140 nicht drin. Und zweitens wankt der große Opel in engen Kurven wie ein Kutter auf stürmischer See und erfordert unter diesen Umständen durchaus einen Kapitän, der sein Patent nicht auf einem Ausflugsdampfer gemacht hat.

Obwohl Opel allein von diesem Typ fast 100.000 Modelle gebaut hat, ist der große Reisewagen bei Fans und Sammlern mittlerweile ein gefragtes Modell. Und neben dem seltenen Cabrio des 51er-Jahrgangs gilt der hier vorgestellte Kapitän in den einschlägigen Internetforen als besonders begehrt. Auch bei Klassikertreffen und Oldtimer-Rallyes ist der stolze Viertürer mittlerweile ein Star.

Andere Autos sind exklusiver und teurer - dieses ist ein Hingucker

Andererseits ist ein Nachkriegs-Opel längst keine PS-Pretiose wie etwa ein Mercedes Flügeltürer, ein Ferrari oder ein Bentley. Denn der Kapitän ist weder schnell und sportlich, noch sonderlich exklusiv oder elegant. Und mit aktuellen Marktpreisen von rund 20.000 bis 30.000 Euro für ein gut erhaltenes Modell ist das Auto auch keine großartige Wertanlage.

Doch wo man mit dem Wagen auch auftaucht: Der rote Riese lässt die Leuchte lächeln und Kenner die Daumen nach oben recken. Und bei Oldtimer-Veranstaltung - wie zuletzt beispielsweise bei den Eifel Classics am Nürburgring - bilden sich um den Wagen rasch Menschentrauben. "Es braucht solche Fahrzeuge, um das Publikum wieder zu erden", sagt Opel Classic-Sprecher Wolfgang Scholz. "Von Mercedes, Maserati oder Maybach haben fast alle immer nur geträumt. Aber an Autos wie den Opel Kapitän haben viele eine ganz persönliche Erinnerung." Zum Beispiel die an die erste Fahrt in die Ferien auf dem Rücksitz von Oma und Opa ist. Vielleicht knarzte dazu aus dem Autoradio auch noch das passende Lied. "Nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise."

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