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07. März 2018, 06:19 Uhr

Porsche 911 Carrera RSR 2.1 Turbo

Geflügeltes Ungeheuer

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Für manche Autos muss man einfach mehr bieten: SPIEGEL ONLINE zeigt Fahrzeuge mit berühmten Vorbesitzern und Raritäten, die versteigert werden. Diesmal: der erste 911 Turbo für Le Mans.

Unterm Hammer: Ein Porsche 911 Carrera RSR 2.1 Turbo.

Warum mitbieten? Allein der Heckflügel ist es wert. Manche Zimmer in Studentenwohnheimen wirken kleiner als dieser Spoiler. Die Lufteinlässe am Fuß des Flügels könnten vermutlich eine Krähe einsaugen. Trotzdem sorgte dieser Porsche nicht für ein massenhaftes Vogelsterben, der Wagen ist eher selbst vom Aussterben bedroht: Nur vier Stück wurden gebaut, dieser hier war der letzte. Und erfolgreichste.

Sie waren nicht viele, aber läuteten eine neue Ära bei Porsche ein: Anfang der Siebzigerjahre standen die Zeichen in Zuffenhausen auf Turbo. Das große Aufladen begann im Rennsport, der 917 brauchte mehr Leistung, doch mehr Hubraum war keine Lösung, stattdessen sollten es Turbolader richten. 1973 fuhr er mit 1100 aufgeladenen PS in der nordamerikanischen Can-Am-Serie Kreise um die Konkurrenz - und genehmigte sich dabei bis zu 100 Liter Sprit auf 100 Kilometern.

Der Turbo geht in Serie

Nun also sollten auch die Serienfahrzeuge aus Zuffenhausen in den Genuss einer Leistungsinfusion durch Turbos kommen. Auf der IAA 1973 präsentierte Porsche einen ersten Prototyp für den 911 Turbo. Der sollte eine neue Ära im Sportwagengeschäft einläuten und kam mit seinen breiten Kotflügeln und dem großen Heckspoiler dementsprechend aufgepumpt daher. Parallel arbeiteten die Ingenieure an einer aufgeladenen Version für den Motorsport. Denn damals gab es keine bessere Werbestrategie für Sportwagen als Erfolge auf der Rennstrecke: "Win on Sunday, sell on Monday", hieß es nicht umsonst.

Der Wagen sollte das Erbe des legendären 911 Carrera RSR 2.8 antreten. Der hatte ebenfalls einen markanten, wenngleich weniger ausladenden Heckflügel: Weil der so steil aufragte, wurde der RSR 2.8 im Volksmund "Entenbürzel" genannt. Bis auf den Namen RSR und die Kompromisslosigkeit des Konzepts hatte die Neuauflage aber mit dem Vorgänger wenig gemein.

Der 2,8-Liter-Sauger musste seinen Platz im Heck für den neuen Turbomotor mit 2,1 Litern Hubraum räumen, die Karosserie des Nachfolgers war aus Fiberglas. Das Kurbelgehäuse des neuen Motors bestand aus Magnesium, die Pleuelstangen aus Titan und ein einzelner Turbolader von KKK sorgte für mächtig Druck in den Zylindern. Im Chassis steckte überwiegend Technik aus dem Porsche 917. Die Drehstabfederung des 911 musste Längslenkern weichen, außerdem spendierten die Ingenieure dem Wagen Schraubenfedern aus Titan.

Durch die Umbauten sparten die Techniker allein beim Fahrwerk rund 30 Kilogramm und konnten, wie schon beim 917, Räder mit Zentralmuttern verbauen. Ganz nebenbei schufen sie noch Platz für zwei mächtige Hinterreifen, die sich vor denen der Prototypen nicht verstecken mussten. Streng genommen war der Porsche 911 Carrera RSR 2.1 Turbo ein Porsche 917, der sich als 911er verkleidet hatte. Mit dem späteren 911 Turbo aus der Serienfertigung hatte er allenfalls optische Ähnlichkeit.

Die Umbauten waren nötig, weil der RSR Turbo in der sogenannten Gruppe 5 der FIA starten sollte, wo er es mit waschechten Prototyp-Rennwagen von Matra und Ferrari zu tun bekommen würde. Mit 480 PS, dem breiten Fahrgestell mit seinen monumentalen Hinterreifen und seinem übergroßen Heckspoiler war der RSR aber für diesen Kampf gerüstet.

Und hier beginnt die besonders spannende Geschichte exakt dieses Exemplars, das nun zur Versteigerung steht: Im ersten Renneinsatz pilotierte das Fahrerteam Herbert Müller und Gijs van Lennep diesen RSR Turbo bei den 24 Stunden von Le Mans 1974 auf den zweiten Platz - geschlagen nur von einem Prototyp, dem Matra-Simca MS670. Dabei sah es für kurze Zeit sogar nach einem Sieg des neuen Porsche aus.

In den frühen Morgenstunden lagen Müller und van Lennep hinter dem Matra auf Rang zwei. Am Vormittag dann der Schock: Der fünfte Gang des 911 gab auf, dadurch verlor der Wagen jede Runde 40 Sekunden auf den Matra, ein Sieg schien unerreichbar. Doch knapp eine Stunde später, um kurz vor elf, gab auch dessen Getriebe auf, der Prototyp musste an die Box.

Plötzlich war ein Sieg trotz des fehlenden Gangs greifbar nah. Doch schon nach 45 Minuten ging es für den Matra zurück auf die Strecke, knapp vor dem 911. Schuld daran war ausgerechnet Porsche: Die Zuffenhausener lieferten das Getriebe für den Matra und hatten das Problem zügig gelöst. Zwar befanden sich beide Rennwagen nun in der gleichen Runde, ohne fünften Gang hatten Müller und van Lennep dem Matra jedoch nichts entgegenzusetzen.

So blieb dem RSR bei seiner Premiere nur der zweite Platz. Trotzdem war das Ergebnis außergewöhnlich: Der Wagen war zuvor kaum getestet worden und war, trotz der massiven Änderungen, immer noch ein umgebauter Sportwagen, kein eigens entwickelter Prototyp - das hielt ihn jedoch nicht davon ab, gleich mehrere davon hinter sich zu lassen. Ein guter Start ins Turbozeitalter.

Zuschlag! Gooding versteigert den 911 RSR 2.1 Turbo am 9. März auf Amelia Island in Florida. Der Preis dürfte am Ende zwischen sechs und acht Millionen Dollar liegen. Macht rund eine Million pro gefühltem Quadratmeter Heckspoiler. Wenn das kein gutes Geschäft ist.

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