Fahrrad vs. Auto vs. Fußgänger Sorry, kein Platz mehr!

Fahrradweg in Berlin-Neukölln

Fahrradweg in Berlin-Neukölln

Foto: Klaus Martin Höfer/ imago images

Die Politik will den Verkehr neu organisieren. Moderner und vor allem nachhaltiger. Wehtun soll dieser Strukturwandel niemandem, schon gar nicht den Autofahrern. Das kann nicht funktionieren.

Eine Kollegin ärgerte sich neulich in der Redaktionskonferenz über Radfahrer, die auf der Straße fahren. "Warum benutzen die nicht den Radweg?", fragte sie. Wenige Tage später wollte ein erboster Kollege von mir wissen, warum in der S-Bahn oft Fahrräder die Sitzplätze versperrten - im Fahrradabteil, wie sich dann im Gesprächsverlauf herausstellte.

Die Antwort auf beide Fragen ist einfach. Berliner Radwege sind nur mit vollgefederten Mountainbikes halbwegs befahrbar. Außerdem ist das Fahren auf der Straße sicherer. Radfahrer benutzen manchmal die S-Bahn, weil das praktisch ist. Dafür gibt es Fahrradplätze in der Bahn, dafür bezahlt man übrigens ein Extraticket.

Ich erwähne das nicht, um zu zeigen, wie ignorant manche Verkehrsteilnehmer sind. Wenn ich Auto fahre, bin ich selbst manchmal genervt von Radlern, die die Straße blockieren. Und ich steige auch lieber in S-Bahnen, in denen keine Räder die Gänge verstopfen.

Rücksicht allein ist keine Lösung

Die Äußerungen zeigen nur, wie stark die Perspektive auf den Verkehr davon bestimmt wird, wie man sich selbst gerade fortbewegt. Das ist keine bahnbrechende Erkenntnis, aber sie hat sich noch nicht überall herumgesprochen.

In den meisten deutschen Großstädten gilt bei der Planung von Verkehrswegen noch immer die Vorstellung, dass Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger vor allem lernen müssten, nett miteinander umzugehen. "Gegenseitige Rücksichtnahme ist unverzichtbar", meint etwa die Berliner Verkehrssenatorin Regine Günther.

Rücksichtnahme ist immer gut. Sie löst nur keins der aktuellen Verkehrsprobleme.

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Foto: Hanna Becker

Zunächst deutete wenig auf eine andauernde Liebesaffäre hin. Die erste Begegnung mit einem Fahrrad, an die Ralf Neukirch sich erinnert, endete mit einem Sturz. Doch irgendwann wurde für den SPIEGEL-Redakteur das Radfahren von der Notwendigkeit zur Leidenschaft. Seither hält er es mit John F. Kennedy: "Nichts ist vergleichbar mit der einfachen Freude, Rad zu fahren."

Von den schönen Momenten, aber auch den sportlichen, technischen und persönlichen Herausforderungen des Radfahrens erzählt Ralf Neukirch regelmäßig in diesem Blog. 

In Wahrheit ist es relativ einfach: Verkehr ist keine Win-win-Situation für alle Teilnehmer. Wenn mehr für Fußgänger und Radfahrer getan wird, dann geht das zulasten der Autofahrer. Die Politik muss sich entscheiden, welchen Verkehrsmitteln sie Vorrang einräumen will. Stattdessen bekennt Günther sich zur fahrradfreundlichen Stadt und erklärt gleichzeitig, sie wolle keinen Kulturkampf gegen das Auto anzetteln.

In diesem Punkt zumindest hält sie Wort. Mir ist klar, dass ein fahrrad- und fußgängergerechter Stadtumbau nicht in wenigen Monaten zu machen ist. Aber es gibt Dinge, die ließen sich von heute auf morgen verbessern. Ich fahre jeden Morgen mit dem Rad über den Großen Stern, einen der zentralen Verkehrsknotenpunkte in Berlin. Fünf Straßen treffen hier aufeinander. An sonnigen Tagen müsste ich morgens drei Ampelschaltungen abwarten, um über die Straße zu kommen, so viel Betrieb herrscht auf dem Fahrradweg. Das macht niemand, auch ich nicht. Man fährt dann über den Fußgängerweg oder auf der Gegenspur, es ist das reine Chaos. Ich wundere mich, dass nicht mehr passiert.

Selbst die simpelsten Maßnahmen werden nicht ergriffen

Dabei ließe sich das Durcheinander leicht vermeiden. Man müsste nur die Grünphase für Fahrradfahrer und Fußgänger verlängern. Das hieße, dass die Autofahrer länger warten müssten. Das ist der Politik offenbar zu radikal. Man will ja keinen Kulturkampf führen.

Es ist nicht so, dass gar nichts geschieht. Ich war neulich in der Karl-Marx-Straße in Neukölln, einer großen Einkaufsstraße. Dort gibt es jetzt einen mit Pollern abgetrennten Radweg. An sich eine gute Sache, nur schien mir die Radspur so schmal, dass das Überholen nur unter großem Risiko möglich ist. Man baut dort die Infrastruktur, die für das Radleraufkommen vor zehn Jahren ausreichend gewesen wäre.

Verlierer sind unvermeidlich

Die Berliner Politik hat traditionell und völlig zu Recht einen schlechten Ruf weit über die Stadt hinaus. Wenn ich in Köln, München oder Hamburg unterwegs bin, habe ich allerdings nicht den Eindruck, dass es dort besser ist. Berlin ist überall, zumindest in der Verkehrspolitik.

Ich bin übrigens nicht der Meinung, dass das Fahrrad immer Vorrang haben sollte. Kürzlich war im Reiseteil der "Frankfurter Allgemeinen" ein hervorragender Artikel über den Konflikt zwischen Wanderern und Mountainbikern in den Alpen, der vor allem durch die Motorisierung der Räder angeheizt wird. Ich wandere sehr gern, der Artikel sprach mir aus dem Herzen. Darin stand der schöne Satz: "Tretfahrzeuge mit Zusatzmotor haben auf schmalen Bergwegen, auf Wiesen, Weiden und Gipfeln so wenig zu suchen wie Elektroroller auf dem Gehsteig." Genauso sehe ich es auch.

Die Konflikte im Verkehr können nur durch die Politik entschieden werden. Es wird Verlierer geben, das ist unvermeidlich. Ohne ein bisschen Kulturkampf wird es nicht gehen.