Rahmenbaukurs, letzter Teil Jetzt geht er baden

Fahrradfahren ist kinderleicht. Aber ein Fahrrad bauen? Redakteurin Margret Hucko wollte es wissen und meldete sich für einen Rahmenbaukurs an.

Andreas Müller

Aus Potsdam berichtet Margret Hucko


"Hier ist es, Dein Baby", sagt Robert Piontek, Besitzer von Big Forest Frameworks, einer Fahrradmanufaktur in Potsdam. Er gibt Rahmenbaukurse für Laien. Innerhalb von zwei Tagen habe ich mein Hauptdreieck zusammengelötet - also Oberrohr, Steuerrohr, Sattelrohr und Unterrohr mit Hilfe von Muffen zu einem Dreieck verbunden.

Fahrradrahmen - Bezeichnung der Rohre
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Fahrradrahmen - Bezeichnung der Rohre

Als er mir den Rahmen in die Hand drückt, wirkt Piontek zum ersten Mal während des Lehrgangs fast euphorisch. Diesmal bin ich diejenige, die etwas skeptisch auf das Ergebnis schaut. Denn mein Baby sieht - vorsichtig ausgedrückt - mitgenommen aus. An einigen Stellen ist es grün. Andere Partien blass-weiß vom Flussmittel, das beim Löten eingesetzt wird, damit das Stahlrohr weder mit Sauerstoff reagiert noch rostet. Doch der Stolz, etwas Eigenes produziert zu haben, lässt mich schnell über kleine Schönheitsfehler hinwegsehen. Wer ist schon perfekt? Auf Anweisung von Piontek stelle ich den Rahmen erst einmal ins Wasser. Über Nacht soll er baden, um anschließend vollendet zu werden.

Das Dreieck - auch Diamant genannt - ist fertig. Fehlen noch Streben und Anbauteile
Andreas Müller

Das Dreieck - auch Diamant genannt - ist fertig. Fehlen noch Streben und Anbauteile

Ich bekomme Gesellschaft von Anton

Am vorletzten Tag meines viertägigen Kurses rieche ich bereits den milden Dampf von Flussmittel noch bevor ich den Kellerraum betreten habe. Mein Rahmen steht nicht mehr im Wasser, sondern auf der Werkbank. Der Geruch von Lot, Feuer und Flussmittel kommt woanders her.

Lot, Feuer und Flussmittel
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Lot, Feuer und Flussmittel

Aus der hintersten Ecke des Raumes. Anton, ein Wirtschaftsingenieur Anfang 30, hält in der einen Hand den Brenner und grüßt mit der anderen. Er lötet einen muffenlosen Rahmen zusammen. Offenbar gehört er zu den fortgeschrittenen Fahrradproduzenten, denn die Technik, auf Verbindungsstücke für die Rohre zu verzichten, gilt als deutlich schwieriger. Schon deshalb, weil die Kontaktflächen zwischen den einzelnen Rohren sehr gering sind. Er habe zwei Fahrradrahmen, nun wolle er "einen perfekten", erklärt Anton seine Motivation. Die alten Räder will er nach dem Kurs verkaufen. Den Wunsch, sich ein Bike maßzuschneidern, das mit dem eigenen Körper eine Symbiose eingeht, hegen viele seiner Kunden, sagt Piontek. Einer von ihnen besaß bereits 81 Räder, er brauchte das selbstgebaute 82zigste, um glücklich zu sein.

Maximal zwei Teilnehmer nimmt Robert Piontek pro Kurs an. Das hat weniger mit den engen Platzverhältnissen in seiner Werkstatt zu tun, vielmehr mit der Betreuung, die er für seine Kunden braucht. Nun springt er zwischen Anton und mir hin und her und gibt hilfreiche Tipps und nötige Anweisungen.

Schritt für Schritt zum eigenen Rad - eine Anleitung in Bildern:

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Rahmenbaukurs, Teil: Schritt für Schritt zum eigenen Rad

"Wir sind bei den Streben", sagt der 42-jährige Amerikaner mit Blick auf meinen Rahmen. "Die musst Du entgraten", stellt er fest und greift sofort zur Feile. An meinem Hauptdreieck fehlen noch die Sattel- und Kettenstreben, die später den Antrieb, Bremsen und das Hinterrad aufnehmen werden. Nachdem ich die Stahlgrate mühsam entfernt habe, gibt mir Piontek zwei Holzstücke in die Hand. Der Form nach sehen diese aus wie Weinkorken, sollen jedoch die Kettenstreben eindellen, um breitere Reifen fahren zu können. Strebe und Holzstück kommen in den Schraubstock, dann drehe ich so lange, bis der Stahl nachgibt.

Eindellen der Kettenstreben im Schraubstock
Andreas Müller

Eindellen der Kettenstreben im Schraubstock

Nach dem Abkühlen der angelöteten Kettenstreben hievt Piontek meinen Rahmen in den Schraubstock. "Durch die Hitze hat sich der Rahmen etwas verzogen, die Streben müssen gerichtet werden", sagt er. Damit das Laufrad nachher mittig sitzt, sollte der Abstand zwischen den Streben 120 Millimeter betragen, erklärt er. Der Schieber zeigt 116 Millimeter. "Du musst die Streben biegen", sagt er. "Mit der Zange?", frage ich. "Nein, mit den Händen", lautet die Antwort.

Was ist handmade?

Mein Rahmen - er verdient das Prädikat "handmade" tatsächlich. Doch es gibt auch andere Meinungen. Für manche Velosophen bedeutet "handmade" den völligen Verzicht auf elektrische Geräte bei der Produktion, sagt Gunnar Fehlau, Herausgeber von Fahrstil, einem Magazin für Fahrradkultur. Für mich klingt das zu religiös, in den USA wird das Phänomen handmade aber tatsächlich wie eine Religion zelebriert: Mit der "North American Handmade Bicycle Show" gibt es für das Selberfertigen von Fahrrädern dort sogar eine eigene Messe.

Mit rohen Kräften drücke ich die Streben nach außen. "Gut", lobt Piontek. "Die meisten sind dabei zu vorsichtig". Wir prüfen meine Arbeit. Das Laufrad sollte mit Sitz- und Steuerrohr eine Linie bilden. Doch mein Laufrad kippt leicht nach rechts.

Wie konnte das passieren? "Entweder sitzen die Streben zu hoch oder zu niedrig", analysiert er. Als Abhilfe empfiehlt er, die bearbeiteten Rohre leicht nach oben zu drücken. Nun passt es. Fehlen noch die Sitzstreben.

Immer wieder Löten. Piontek guckt mit der Taschenlampe, ob das Lot fließt.
Andreas Müller

Immer wieder Löten. Piontek guckt mit der Taschenlampe, ob das Lot fließt.

Meine Motivation schwindet

Obwohl ich erst seit drei Tagen mein Fahrrad baue, setzt eine gewisse Routine ein. Deshalb kann Piontek mehr und mehr die Qualitätskontrolle übernehmen statt immer nur den Lehrer zu spielen. Meine Selbständigkeit wächst mit jedem Handgriff. Mein Selbstbewusstsein auch. Bis zur Fertigstellung des Rahmens fehlen noch ein paar Kleinteile: Die Aufnahmen für den Gepäckträger, die Führungen fürs Bremskabel, eine Verstärkung zwischen den Streben für mehr Steifigkeit - auch Brücke genannt - und die Aufnahme für den Ständer. Was im Vergleich zur Herstellung des Hauptrahmens klingt wie ein Fingerstreich, beschäftigt mich weitere acht Stunden.

Irgendwann, am letzten Tag meines Kurses, spricht mein Lehrer das magische Wort aus: "Fertig", sagt er und drückt mir den Rahmen in die Hand. Statt überschwänglicher Freude bereitet sich fast ein wenig Leere in mir aus. Meine Motivation für den Rahmenbaukurs folgte dem Leitsatz vieler Jäger. Das Tier, das ich esse, kann ich auch selber schießen, vulgo: Das Rad, das ich fahre kann ich auch selber fertigen. Der Prozess an sich war mir wichtiger als das Produkt. Aber ist diese Selbstverwirklichung wirklich 1290 Euro plus Materialkosten wert?

Mein Fazit - das Erlebnis ist jeden Euro wert

Wer kühl rechnet, fasst sich zurecht an den Kopf. Für 1600 Euro, den der Spaß im Minimum kostet, bekommt man einen sehr, sehr guten Rahmen von der Stange. Sind erst einmal alle Anbauteile an meinem dran, das Rahmendreieck lackiert, liegt mein Single-Speed wohl bei knapp 3000 Euro. Andere kaufen sich dafür ein solides E-Bike, mancher sogar einen Gebrauchtwagen.

Der Witz ist: Selbst die vielgeschmähten U-400-Euro-Bikes aus Bau-, oder Supermarkt haben auf den ersten Blick einen besser gearbeiteten Rahmen. Einen mit sauberen Löt-, oder Schweißnähten, mit perfekten Einbuchtungen der Kettenstreben. Warum also all die Mühe, warum diese Kosten?

Für das Erlebnis. Und für die Gewissheit, ein Unikat geschaffen zu haben. Noch steht mein Rahmen im Büro, um nächstes Jahr gemeinsam mit mir ins Frühjahr zu rollen. Jeden Tag schaue ich auf den rohen Stahl, die etwas verlaufenen Lötstellen, unsymmetrische Eindellungen oder die Brücke zwischen den Sitzstreben, die nicht ganz mittig sitzt. Mein Rahmen ist perfekt unperfekt. Das macht ihn fast ein wenig menschlich - auf jeden Fall besonders.

Für mich ist das Ergebnis befriedigend. Ich bin handwerklich nicht besonders erprobt und habe mich vor Kursantritt gefragt, ob so was überhaupt möglich ist: Als Laie einen Fahrradrahmen auf die Räder zu stellen. Es ist möglich, dank der geduldigen Unterstützung von Piontek. Umso größer ist jetzt mein Stolz, wenn ich still vor mich hinsage: "Ich habe meinen eigenen Fahrradrahmen gebaut". Und statt mich über die kleinen Mängel zu ärgern, freue ich mich. Denn sie erinnern mich an vier entspannte Tage in einem Potsdamer Keller. 4,3,2, 1 - wirklich meins!

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
monoman 31.10.2017
1.
Dann aber bitteschön noch einen 'Fahrbericht abliefern, wenn das Rad endlich komplett ist ;-)
ptb29 31.10.2017
2. Es gibt ein Sprichwort
Schuster bleib bei deinen Leisten. Ich hätte mir den Rahmenbau nicht zugemutet. Für diesen Preis kann ich Spitzenqualität kaufen und muss mich nicht mit einem Produkt abfinden, dem man die Herkunft ansieht. Meinen Glückwunsch an die Autorin, sie hat ihren Rahmen. Ich werde den Rahmen von meinem alten Fahrrad nehmen und alles andere erneuern.
Sheldon205 31.10.2017
3. Sympathisch und interessant
Bitte mehr sowas - mal nicht immer nur Autos. Mobilität sind auch die Nischenthemen. Habe die Serie mit großem Vergnügen gelesen und kann den Spaß gut nachfühlen. Danke, Frau Hucko!
heb78 31.10.2017
4.
Sehr schöner Bericht! Habe auch schon über einen für mich maßgeschneiderten Rahmen nachgedacht (bin 2,03m groß), aber bisher nicht eangetraut. Dafür aber ein geschenktes Hollandrad auf meine Bedürfnisse angepasst. Was soll ich sagen, das Radfahren mit dem Hollandbike entspannt und ich bin dank (nachgerüstetem) 2. Gang nicht langsamer als früher...
derpif 31.10.2017
5.
Der Beitrag ist super, wünsche mir auch mehr von dieser Art. Nebenbei sollte vielleicht Erwähnung finden das die monierten Lötstellen keineswegs Mängel darstellen, sondern von Handarbeit zeugen, und ein Zeichen für Wertigkeit sind
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