Erik Brandenburg und sein Rallye-Käfer Die Naturgewalt

Die Rallye-Kiste von Erik Brandenburg ist halb VW Käfer, halb Kübelwagen - und das nächste Abenteuer nur eine Bordsteinkante entfernt. Unterwegs in einem besonderen Auto, an einem besonderen Tag.

Anatol Kotte

Erik Brandenburg sehnt sich nach seiner Motorsäge. Er steht mit seinem VW Käfer mitten im Unterholz eines Wäldchens bei Hamburg, und bis eben verlief die Fahrt problemfrei: Er war mit dem Auto von einer Straße über den Gehsteig mitten durchs Gebüsch auf eine schmale Piste geprescht. Etwa 300 Meter weit, weder ein knietiefer Graben noch ein paar hüfthohe Erdhügel konnten ihn aufhalten. Aber jetzt liegt da dieser umgestürzte Baum mitten im Weg. Brandenburg ärgert sich: "Ohne Motorsäge bringt man's einfach nicht weit im Leben." Dann legt er den Rückwärtsgang ein. "Ich habe eine andere Idee."

Erik Brandenburg ist 49 Jahre alt, Proktologe und Mitinhaber von zwei Praxiszentren. Ein schlanker Mann mit Gardemaß, halblangem blondem Haar, verheiratet und Vater von vier Töchtern. Er trägt Chucks, eine ausgewaschene Cordhose und Polohemd. Sein Käfer heißt Gürteltier. "Wegen der Lamellen auf der Motorabdeckung, die sehen aus wie der Panzer eines Gürteltiers", erklärt er. "Das waren mal die Lüftungsschlitze von einem Notstromaggregat der Bundeswehr."

Das Gürteltier ist aus "zweieinhalb Autos und mehreren Einzelteilen" zusammengeschweißt: Der obere Teil stammt größtenteils von einem VW Käfer, Baujahr 1970, beige, mit Faltdach und Ovali-Scheibe; das Chassis von einem Kübelwagen Typ 181 von 1969. Die ohnehin großzügige Bodenfreiheit wurde durch zusätzliche Umbaumaßnahmen um weitere elf Zentimeter erhöht, die Geländegängigkeit dank Luftstoßdämpfern, Portalachsen und einem Sperrdifferenzial optimiert. Man fühlt sich darin wie in einem SUV. Hinten hat der Wagen Trommelbremsen, vorn Scheibenbremsen aus einem 356er Porsche. An der rechten Fahrzeugseite ist ein kleiner Spaten befestigt, an der linken Seite ein Tau eingerollt. 730 Kilo wiegt der Wagen, angetrieben wird er von einem 1,8-Liter-Motor mit 65 PS. "Mehr brauchst du nicht", sagt Brandenburg.

Er hat trotzdem vier verschiedene Exemplare des Rallye-Käfers.

Abkühlung im Baggersee: Erik Brandenburg im Gürteltier
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Abkühlung im Baggersee: Erik Brandenburg im Gürteltier

Wie viele Autos er insgesamt besitzt? Brandenburg lächelt. Es gibt da noch eine große Scheune, weiter nördlich von Hamburg, in der nicht nur Autos aus Wolfsburg, sondern auch Modelle aus Zuffenhausen stehen. Die meisten davon sind ebenfalls Rallye-Wagen, noch extremer aufgerüstet als der Käfer.

Doch Brandenburg gehört nicht zu den Sammlern, die ihre Schätze wegsperren und mehr polieren als fahren. Im Gegenteil: Er besitzt seine Autos, um sie und sich dreckig zu machen. Nur anschauen, das befriedigt ihn nicht - der Arzt bastelt selbst an Wagen, er kann sich an einer einzelnen Schraube begeistern. Obwohl er aus einer wohlhabenden Familie stammt, war er als Junge Stammgast auf Schrottplätzen. "Ich habe so lange gesucht, bis ich die richtige Cross-Radgabel von einem Malaguti-Roller für mein Bonanzarad gefunden habe."

Diese Lust am Basteln hat sich Brandenburg bis heute bewahrt - das Gürteltier ist der beste Beweis dafür. Nur durchwühlt er jetzt nicht mehr das Altmetall, sondern ebay-Kleinanzeigen. "Gegen das Älterwerden kann man ja nichts machen. Aber diese Käfer halten mich jung."

"Schaut, ein Eichelhäher"

Zurück im Wäldchen, leider immer noch ohne Motorsäge. Brandenburg nimmt einen Umweg. "Wir kennen hier jeden Stein", sagt er und meint damit sich und seinen Freund Wolfgang Starkloff. Der sitzt auf der Rückbank und bekommt einen Großteil der Äste und Blätter ab, die durch das offene Faltdach ins Auto fliegen.

Den Rallye-Käfer nutzt Brandenburg als Alltagsauto, manchmal fährt er damit zur Arbeit. "Aber ab und zu muss man sich die Birne freiblasen, sich vom Stress in der Praxis erholen" - und dann geht es "ab in den Knick". So werden in Schleswig-Holstein die Baum- und Strauchhecken zwischen Feldern genannt; Brandenburg und Starkloff dient der Begriff als Universalbezeichnung für jedes Gelände, das ihren Offroad-Ansprüchen genügt.

Schon als Jugendliche haben die beiden sich mit Mopeds und Motocross-Maschinen zwischen den Bäumen ausgetobt. "Mit jedem Geländewagen würdest du hier stecken bleiben, die wären zu schwer", sagt Brandenburg, während das Gürteltier unverdrossen durchs Unterholz wühlt. "Dieses Auto ist so leicht, damit kannst du Sachen machen, die gehen mit keinem anderen Fahrzeug." Starkloff beult mit dem Fuß eine Delle im Fußboden aus, die ein Schlenker über einen Baumstumpf hinterlassen hat, das Gürteltier holpert durch das Wäldchen, Brandenburg hält mit beiden Händen das Lenkrad, alle im Auto werden durchgerüttelt. "Schaut, ein Eichelhäher", schreit er.

Neun Tage im Koma

"Während meine Freunde früher auf Partys waren, zählten für mich nur zwei Dinge: In der Natur sein und schrauben", erzählt der Doktor. Eine der beiden Leidenschaften kostete ihn fast das Leben.

"Mit elf Jahren habe ich mir mein erstes eigenes Fahrzeug gebaut", sagt Brandenburg: Ein Kettcar mit dem Motor eines Zündapp-Mofas. "Irgendwann ist die Hinterachse gebrochen und ich bin ins Gebüsch gerast. Keine schlimme Sache." Ein paar Jahre später, Brandenburg ist 19 und fährt statt Kettcar einen Porsche. Auf dem Weg zur Schule nimmt er eine Linkskurve zu schnell und rammt einen Laternenpfahl. Neun Tage liegt er im Koma, erst nach drei Monaten lernt er langsam wieder sprechen.

Hatte er danach Angst, wieder ins Auto zu steigen? Brandenburg schüttelt den Kopf. "Nä."

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"Wir müssen jetzt zu meiner Mutter, Blumen holen." Davor geht es aber noch von einem Knick in den nächsten: Eine riesige Kiesgrube, irgendwo in der Hamburger Peripherie. Brandenburg kennt den Besitzer, er flitzt an großen Lkw und Kiesladern vorbei, dreht den CD-Player auf - neben einer Standheizung das einzige Zubehör in dem Käfer. "Das ist Freiheit!", schreit er. "Schaut, ein Mäusebussard, Buteo buteo."

Brandenburg hat als Jugendlicher den Jagdschein gemacht. "Aber weniger zum Tiere-Abknallen, mehr wegen des Interesses an der Natur." Ein Naturliebhaber, der mit Stollenreifen über Wiesen fährt? Für Brandenburg kein Widerspruch: "Die Bäumchen, die wir gerade umgefahren haben, sind noch jung, die stehen wieder auf. Da vorne, die Osterglocken - die nehmen wir jetzt schön mittig, da rolle ich doch nicht mit einem Reifen drüber."

Von der Kiesgrube geht es - nach einem kurzen Abstecher über einen stoppeligen Acker ("Schaut, Ringeltauben") - zum Elternhaus. Brandenburgs Mutter empfängt die Insassen des Gürteltiers und reicht Kaffee und Kuchen.

"Wir waren im Knick", sagt Brandenburg.

"Gut, dass ich das nicht gesehen habe", sagt seine Mutter.

Er pflückt sich eine Tulpe aus ihrem Garten und leiht sich eine Rolle Klebefilm. "Wozu brauchst du das denn?", fragt sie. Dann fällt ihr ein, dass ja ein besonderer Tag ist.

Eine Umarmung für den Laternenpfahl

Mit dem Käfer geht es zu einer ganz bestimmten Kurve, die nicht weit entfernt von Brandenburgs Elternhaus liegt. Auf den Straßen ist viel los, jeder dreht sich nach dem Gürteltier um. Ein letztes Mal steuert Brandenburg den Rallye-Wagen heute über die Bordsteinkante und stellt ihn kurz vor einem Laternenpfahl ab. "Hier war es, vor genau 29 Jahren." Der Porsche, das Koma.

Brandenburg reißt einen langen Streifen des Klebefilms ab, hält die Tulpe an den Laternenmasten und wickelt sie fest. "Mein Ritual", sagt er. Dann umarmt er den Pfahl, reißt die Hände in die Luft. "Freiheit!"

Neben ihm auf der Straße hat sich eine kleine Schlange gebildet, weil die Ampel Rot ist. Doch keinem der Wartenden würde in diesem Moment auffallen, wenn es Grün wird. Brandenburg will schon wieder zurück zum Käfer, als er etwas auf dem Boden entdeckt. "Schaut mal, eine Schraube." Er bückt sich und hebt das Teilchen auf. "Edelstahl, M8."



insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
jimmi65 29.04.2015
1.
Ich kann Leuten, die mit Motorkraft durch den Wald donnern und sich dabei als Naturfreunde fühlen überhaupt nichts abgewinnen.
adhortator 29.04.2015
2. Schön
....das Gürteltier hat was, das Ding ist weitaus "cooler" als ein Cayenne von der Stange.
liquimoly 29.04.2015
3. Photoshop lässt grüßen
Wie peinlich, auf den Fotos Nr. zwei und drei, die eigentlich die Geländegängigkeit demonstrieren sollten, sind gar keine Fahrspuren vorhanden.
boppard 29.04.2015
4.
Mit einem Ralley-Wagen durch den Wald fahren? Ist in Deutschland zu Recht verboten. SPON bereitet diesem Menschen hier auch noch eine Show-Bühne!
wiealle 29.04.2015
5. Ja, und?
Soll der Typ jetzt als lustiger Exzentriker porträtiert werden, der Vögel, Autos und Menschen von hinten genau kennt? Eher lahm, sorry.
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