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Rennrad mit Federgabel: Das Cannondale Slate im Test

Foto: Cannondale

Rennrad mit Federgabel Fährt sich komforgabel

Ein Rennrad mit Federgabeln? Hielt ich bislang für ein Sakrileg. Dann wagte ich einen Test - mit einem besonders auffälligen Modell.

Bei Mountainbikes gehören Federgabeln fast zum Standard, bei vielen Stadträdern mittlerweile auch. Federgabeln sind nicht starr, sondern mit Stoßdämpfern ausgerüstet - das ist praktisch, aber schafft zusätzlichen Ballast, weswegen sie an Rennrädern eher selten sind. Als ich bei meiner Recherche über sogenannte Gravelbikes (Rennräder für Wald- und Schotterpisten) auf ein Modell mit Federgabel stieß, wollte ich es also unbedingt testen. Allein schon wegen seines Aussehens. Aber dazu gleich mehr.

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Foto: Hanna Becker

Zunächst deutete wenig auf eine andauernde Liebesaffäre hin. Die erste Begegnung mit einem Fahrrad, an die Ralf Neukirch sich erinnert, endete mit einem Sturz. Doch irgendwann wurde für den SPIEGEL-Redakteur das Radfahren von der Notwendigkeit zur Leidenschaft. Seither hält er es mit John F. Kennedy: "Nichts ist vergleichbar mit der einfachen Freude, Rad zu fahren."

Von den schönen Momenten, aber auch den sportlichen, technischen und persönlichen Herausforderungen des Radfahrens erzählt Ralf Neukirch regelmäßig in diesem Blog. 

Rennräder mit Federgabeln sind keine Neuentwicklung. Schon Anfang der Neunzigerjahre gingen zwei Profis beim Radrennen Paris-Roubaix mit dieser Technik an den Start: Damals wurden der amerikanische Tour-de-France-Sieger Greg Lemond und sein französischer Teamgefährte Gilbert Duclos-Lasalle mit ihren ungelenk aussehenden Rädern verlacht.

Gilbert Duclos-Lassalle

Gilbert Duclos-Lassalle

Foto: BORIS HORVAT/ AFP

Doch gerade für das Rennen Paris-Roubaix bot sich das Experiment mit der Extradämpfung an, denn hier lauern gefürchtete Pavés: Kopfsteinpflasterpassagen, die Fahrer und Räder durchrütteln. Als Duclos-Lasalle das Rennen auf dem Federgabelrennnrad gewann, verging der Konkurrenz das Lachen und fünf Teams rüsteten auf gleiche Weise um. Die Technik verschwand allerdings überraschend schnell wieder, als der belgische Rennfahrer Johan Museeuw im Jahr 1994 keine 24 Kilometer vor dem Ende des Rennens aufgeben musste, weil die Kettenstrebe seines vollgefederten Bianchi-Rades brach.

Da fehlt doch was!

Mehr als zwanzig Jahre später hatte ich nun mein erstes Rennrad mit Federgabel vor mir. Es handelte sich dabei um das Cannondale Slate. Erster Eindruck, wenn man dieses Rad sieht: Da fehlt was! Tatsächlich ist das Vorderrad nicht wie üblich an zwei federnden Armen befestigt, sondern nur an einem.

Bei Mountainbikes ist diese Gewichtseinsparung zwar seit Jahren bewährt, aber bei meinen Testfahrten im Alltagsverkehr fiel ich damit sofort auf. Ich wurde auf der Straße von fremden Radfahrern angesprochen und die Kollegen, die das Rad in meinem Büro sahen, wurden jede Menge Kommentare los: Einige waren begeistert, andere wunderten sich, warum jemand viel Geld für ein derart missgestaltetes Fahrrad ausgeben sollte. Vielleicht liegt es am umstrittenen Design, aber Cannondale ist meines Wissens der einzige Hersteller, der Rennräder mit einer Federgabel anbietet.

Die Sorge, das einmalig einarmige Rad könne instabil sein, legt sich auf der ersten Fahrt mit dem Cannondale Slate rasch. Auf normalem Straßenbelag beschleunigte das Slate jedoch träger als mein normales Rennrad. Ob das nun an der Federgabel lag oder an den mit 42 Millimeter vergleichsweise breiten Reifen? Ich weiß ich nicht. Aber der Unterschied war spürbar, wenn auch nicht dramatisch. Einmal in Fahrt, verschwand das Trägheitsgefühl und das Slate rollte leicht und zügig.

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Rennrad mit Federgabel: Das Cannondale Slate im Test

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Viel wichtiger als die Fahreigenschaften auf Asphalt ist ja sowieso die Tauglichkeit auf rumpeliger Strecke. Also bog ich zum Test in den Grunewald ab. Was mir dort als Erstes positiv auffiel, war die Sitzposition: Sportlich, aber nicht zu gestreckt - man hat eine gute Kontrolle auch auf schwierigen Pisten. Mein Modell hatte Reifen in der Größe 650B, die trotz ihrer Breite vergleichsweise leicht sind und einen sehr guten Grip bieten, obwohl sie kein Profil haben.

30 Millimeter sind genug

Auf Schotter glitt das Slate sanft dahin. Kein Rumpeln, wie man es auf diesem Belag mit klassischen Rennräder kennt. Aber lag das wirklich an der Federgabel? Die lässt sich mit einem Knopfdruck während der Fahrt blockieren. Ich fuhr die gleiche Strecke mit starrer Gabel erneut - und konnte keinen Unterschied feststellen. Noch einmal hin und zurück, einmal mit Federung, einmal ohne. Es war wohl einfach die breite Bereifung, die kleine Unebenheiten schluckte. Die Gabel brachte keinen spürbaren Vorteil.

Das änderte sich, als ich über schmale Wege fuhr, die mit Wurzeln, Steinbrocken und Ästen übersät waren. Mit festgestellter Gabel war das Rad an einigen Stellen schwer zu kontrollieren, weil man den Kontakt mit dem Untergrund verlor. Ganz anders mit Federung: Die Unebenheiten waren noch spürbar, aber sie störten nicht mehr. Statt Wurzeln auszuweichen, steuerte ich sie bewusst an, und das Slate meisterte die Passagen problemlos. Die Gabel hatte 30 Millimeter Federweg; das ist nicht viel, reichte aber völlig aus. Keine Frage, auf rauem Terrain ist das Rad in seinem Element.

Geländefahrt mit dem Slate

Geländefahrt mit dem Slate

Foto: Cannondale

Dann machte ich die Paris-Roubaix-Probe: Nicht auf der Originalstrecke, sondern am S-Bahnhof Griebnitzsee. Dort, wo mir das Kopfsteinpflaster bei meinen Radtouren stets fiese Stöße verpasst. Doch auf dem Slate war diesmal alles anders, das Pflaster machte sich höchstens durch ein leichtes Vibrieren bemerkbar. Ich war so verblüfft, dass ich die Strecke mehrfach hin und her fuhr.

Am Ende des Tests packte ich das Slate mit großem Bedauern wieder in den Versandkarton. Es war mir ans Herz gewachsen. Mit dem Design hatte ich meinen Frieden gemacht, und der Effekt der Federgabel war besser als erwartet: So macht das Fahren auch da noch Freude, wo ein konventionelles Rennrad an seine Grenzen kommt.

Soviel kostet das Slate

Allerdings sind das Strecken, die die meisten Fahrradfahrer wohl ohnehin nicht mit dem Rennrad fahren werden. Soll heißen: Eine Federgabel ist ein Verschleißteil, deshalb muss man sich überlegen, ob sich ein Rennrad mit Gabel für die eigene Fahrgewohnheiten lohnt. Denn billig ist der Spaß nicht. Mein Testrad mit der Gabel Lefty Oliver sowie Sram Force CX1-Schaltung kostete 3500 Euro, die Version mit Shimano-105-Antrieb rund 1000 Euro weniger.

Das Cannondale Slate ist ein Nischenprodukt, das großen Spaß macht. Aber: Verschlechtert sich der Zustand der Berliner Straßen weiterhin, könnte es bald auch für mich zur echten Alternative werden.

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