Royal Enfield Zündtakt zum Mitzählen

Dieser Sound kommt aus einer anderen Welt. Wie kein zweites Motorrad fasziniert die einst britische Royal Enfield ihre Fans mit sonorem Bollern. Das legendäre Krad wird auch 60 Jahre nach seinem Debüt noch immer fast unverändert in Indien gebaut.

Volker Müller

Von Volker Müller, Delhi


Nun hat ihn das Motorrad doch geküsst. In kleinen, dunklen Fetzen hängt die verkohlte Haut an der rechten Wade, darunter schimmert es hellrosa. Kai Berndt hat den chromglänzenden Auspuff seiner Royal Enfield berührt - der "Kuss des Motorrads". Denn auf Lederkluft verzichtet der 34-Jährige konsequent. In der Hitze der indischen Stadt Delhi wäre die auch unerträglich.

Es war Liebe auf den ersten Ton, als er die Maschine vor zwei Monaten von einem britischen Auswanderer kaufte. Tief, sonorig bollert der Motor nach dem Anlassen vor sich hin, dass es jeder Harley-Davidson zur Ehre gereicht. Gerade einmal 350 Kubikzentimeter misst der Hubraum der Bullet Machismo, doch es klingt, als ginge ein Ein-Liter-Pott sorgsam zu Werke. "Am schönsten ist es, aus dem Drehzahlkeller zu beschleunigen", sagt Berndt. Ganz langsam, aber mit infernalischem Drang steigert sich dann der Einzylinder, bis er mit gleichmäßigem, dumpfem Bass die Enfield auf Reisetempo gebracht hat.

Der antiquierte Viertakt-Motor ist ein echter Langsamläufer, der Zylinderhub beträgt mehr als zehn Zentimeter. Im Leerlauf kann der Fahrer jeden Takt mitzählen. Die Maschine, so sagen Spötter, klinge wie ein Fischkutter auf zwei Rädern. Egal, Enfield-Fahrer lieben es, spendieren der Maschine meist noch veränderte Auspufftöpfe, damit der Motor noch ungehemmter ausatmen kann. "Diesen Klang muss man einfach lieben", sagt Berndt, der vor knapp einem Jahr von Hamburg nach Delhi zog.

Täglich durch den dichten Straßenverkehr in Indien

Er fährt täglich mit der Enfield zu Arbeit - ein paar Kilometer durch den stets dichter werdenden Verkehr der indischen Hauptstadt Delhi. Auch wenn das lebensgefährlich ist: Nirgendwo sterben, absolut und relativ, mehr Menschen im Straßenverkehr als in Indien. Im vergangenen Jahr gab es etwa 144.000 Tote. "Die Maschine ist einfach gutmütig, liegt satt auf der Straße, reagiert zügig auf jedes Manöver", sagt Berndt. Ein Wagen käme für ihn nicht in Frage: "Autos sind wie Kutschen, Motorräder wie Pferde. Ich bin ein Pferde-Typ."

Kaum ein heute noch produziertes Motorrad ist älter. Die flache, länglich gestreckte Konstruktion reicht bis in die 40er Jahre zurück, ohne dass seither Wesentliches verändert wurde. Das Gefährt basiert auf einem stabilen Doppelschleifenrahmen, Motor und Getriebe sind getrennte Einheiten, die Ölleitungen liegen außen, und das Basismodell wird noch immer mit altmodischer Trommelbremse ausgeliefert - ein Veteran des Motorradbaus. Selbst wenn es Baujahr 2009 ist.

Die Ursprünge reichen in das Jahr 1880 zurück. Damals gründete George Townsend in Redditch nahe Birmingham in Großbritannien eine Fahrradfabrik, die bereits 1892 von Albert Eadie und Robert Walker Smith gekauft wurde. Sie prägten den Markennamen Royal Enfield - nachdem sie einen Zuliefervertrag über Bauteile für Gewehre mit der Royal Small Arms Factory in Enfield geschlossen hatten. 1893 dann wurden ihre Fahrräder bereits mit dem Zusatz "Made like a gun" verkauft.

Ein Geschoss aus der Gewehrfabrik

Das erste Motorrad aus dem Werk erschien 1909 und verdrängte langsam das Fahrrad aus der Produktpalette. Nach zahlreichen Aufträgen für das Militär präsentierte Enfield 1931 dann ein Motorrad, das den legendären Namen Bullet trägt, der heute noch auf allen Maschinen prangt. Nach einer Zwischengeneration erschien schließlich 1947 das heutige Modell auf dem Markt - zunächst mit 350, später auch mit 500 Kubikzentimetern Hubraum.

Nach Indien kam es 1949. Die Gründer der Madras Motor Company im südindischen Chennai importierten Bausätze aus Großbritannien und stellten 1955 auf Eigenproduktion um. 1970 war dann im Mutterland Schluss, Royal Enfield ein weiteres Opfer des britischen Motorradsterbens. Doch in Indien lebt das Krad weiter. 42.500 Exemplare baute das inzwischen zu Eicher Motors gehörende Werk im vergangenen Jahr für den Heimatmarkt, 2100 gingen in den Export.

Die Royal Enfield ist in Indien ein Symbol für Wohlstand. Wer Enfield fährt, hat Geld. Mit etwa 91.000 Rupien, umgerechnet 1400 Euro, kostet es fast doppelt so viel wie vergleichbar leistungsstarke Motorräder von Bajaj oder Hero Honda. Und seit einigen Jahren verfügt die Bullet auch über einen Elektrostarter, bessere Abgaswerte und ein links geschaltetes Fünfganggetriebe.

Schmuckstück für die Stadt

Kai Berndts Enfield lief im Jahr 2004 vom Band. Original ist nur noch wenig an ihr. Die blau-weiße Lackierung, das ganz traditionell auf das vordere Schutzblech gesetzte Nummernschild, der Auspufftopf und das Heck sind neu, ebenso die Scheibenbremsen. Sie sollte ein Schmuckstück für Wochenendausflüge in die umliegendes Bundesstaaten Haryana und Rajasthan werden. Doch bislang ist sie ein Krad für die Stadt geblieben.

Seit einigen Jahren ist die Royal Enfield auch in Deutschland zu haben, importiert durch die Firma Eifeltec. Längst haben sich selbst Tuning-Werkstätten etabliert, etwa die Firma Fritz Egli in der Schweiz oder Sommer Motorradtechnik in Frankfurt. Sie machen aus der Maschine, was der Kunde begehrt: Trial-Maschine, Clubman-Renner oder Café-Racer. Selbst ein Diesel-Umbau ist für die Royal Enfield zu haben. Dagegen ist eine Harley-Davidson fast schon ein seelenloses Massenprodukt.



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