Seltener Brezelkäfer Nummer 3806 lebt

Sensationeller Scheunenfund: In Litauen rostete ein VW-Käfer auf einer Wiese vor sich hin, bis er nur noch Schrott war. Dann stellte sich heraus, dass der Wagen einer von nur noch drei erhaltenen Prototypen ist. Jetzt erzählen seine Retter die Geschichte der kostbaren Rostlaube.

Axel Struwe Fotodesign

Das Internet ermöglicht mitunter erstaunliche Geschichten. Die eines VW-Oldies mit der Fahrgestellnummer 3806 ist so eine. Auf dessen Spur kam Christian Grundmann vor knapp drei Jahren in einem US-Forum. Sie führte nach Litauen zu Arunas Stepulis, der behauptete, einen VW-Käfer-Prototypen aus dem Jahr 1938 entdeckt zu haben. Nur verlangte er eine sechsstellige Euro-Summe. Aber es handelte sich ja auch um ein außergewöhnliches Auto: Ein Brezelkäfer, der so heißt, weil, nun ja, seine geteilte Heckscheibe an eine Brezel erinnert.

So viel wollte Christian Grundmann dennoch auf keinen Fall bezahlen. Das Auto jedoch wollte er unbedingt. Schließlich einigten sich die beiden: Der Finder erhielt einen tipptopp restaurierten VW Käfer aus dem Baujahr 1942 plus eine kleine Extrasumme, und der deutsche VW-Fan das begehrte Fundstück, das zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht mehr war als ein rostiger Torso. Der erbärmliche Zustand des Autos schmälerte allerdings nicht dessen Wert, denn die Fahrgestellnummer war nun mal eindeutig: 3806.

Für Christian Grundmann und seinen Vater Traugott, beide Dachdeckermeister aus Hessisch Oldendorf und beide ebenso versierte wie enthusiastische VW-Sammler und -Restauratoren, erfüllte sich mit dem Tauschgeschäft ein Traum. Denn in ihrer Sammlung von mehr als 70 historischen Volkswagen fehlte noch ein Modell aus den Anfangsjahren des Käfers - eben so ein Brezelkäfer-Prototyp wie der von 1938.

Weil der Wagen vor seiner Entdeckung offenbar jahrelang auf einer Wiese nahe der kleinen Stadt Ukmerge nördlich von Vilnius verrottete, und weil er davor vielfach umgebaut und mit Motoren russischer Herkunft bestückt worden war, kam die Restaurierung des Fahrzeugs einer Herkulesaufgabe gleich. Allein das Lüftungsgitter am Heck direkt unterhalb des Brezelfensters (das beim Wiesenfund übrigens durch eine modernere Heckscheibe ersetzt worden war) verschlang 96 Arbeitsstunden. Der Grund: Es musste von Hand nachgebaut werden, denn ein solches Gitterblech mit 46 Luftschlitzen war nicht mehr im Original aufzutreiben. Bereits 1939 trugen die Käfer-Prototypen nur noch 42 Luftschlitze, später dann lediglich 18.

Detektivarbeit und Handwerkskunst

Das Buch "Der erste Brezelkäfer. Wiederauferstehung eines Prototypen von 1938" ist voll von solchen Details, denn es beschreibt die Restaurierung des Autos in allen Einzelheiten. Von den Blech- und Schweißarbeiten über die tiefschwarze Farbgebung mit Nitrolack (wie beim Original von 1938) und bis hin zum Nachbau des Ein-Liter-Vierzylinder-Boxermotors und der Suche nach Teilen wie den Original-Radkappen wird die Genese dieses Stücks Automobilgeschichte beschrieben.

Oft half das Internet bei der Recherche; die weltweite Käfer-Fangemeinde im Netz gab den Restauratoren Tipps, versorgte sie mit bislang unbekannten Originalfotos und anderen Hinweisen, damit das Auto so perfekt wie möglich in den Ursprungszustand zurückversetzt werden konnte.

Von einem polnischen Spezialhändler erhielten die Grundmanns zum Beispiel die Scheinwerfer, die Rückleuchten, die Türgriffe und ein restauriertes Lenkrad. Die Suche nach der hinteren Stoßstange und dem Innenspiegel führt in Dänemark zum Erfolg. Und die Trittbretter konnten die Restauratoren in Finnland erstehen: Dort baut ein gewisser Mika Virtanen originalgetreue Trittbretter für alte VW-Käfer-Modelle nach.

Erstaunliches aus dem Käfer-Kosmos

Das Buch vermittelt also auch einen Eindruck vom globalen Käfer-Kosmos, der vor Spezialisten für die erstaunlichsten Details nur so wimmelt. Und es stellt das Auto in einen historischen Kontext. Das vorletzte Kapitel des Bandes widmet sich der Geschichte des Volkswagens, dessen Konstruktion 1934 von Ferdinand Porsche begonnen wurde und in deren Verlauf auch die drei Fahrzeuge von Typ 38 eine Rolle spielten.

Im Schlusskapitel wiederum beschreibt der Autor Clauspeter Becker eine zeitgenössische Landpartie mit dem komplett restaurierten Prototypen. "Das erste, was meine Ohren bei der Ausfahrt in die Umgebung von Hessisch Oldendorf erreicht, ist der unverwechselbare Dialekt des Motors."

Becker kann das beurteilen. Schon als Steppke machte er Bekanntschaft mit einem Käfer. 70 Jahre ist das jetzt her, doch: "Was ich bis heute nicht vergessen habe, ist die Stimmlage des bellenden Boxers aus dem Hintergrund."

Christian Grundmann/ Axel Struwe/ Clauspeter Becker: "Der erste Brezelkäfer", 144 Seiten, 96 Fotos, Delius Klasing Verlag, 29,90 Euro.

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insgesamt 47 Beiträge
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duanehanson 27.11.2011
1. Ich frage mich, ...
... was letztendlich an dem Fund so sensationell sein soll, wenn man den Wagen nicht nur restaurieren musste, sondern wie beschrieben teilweise von Grund auf neu bauen. Motor war ja dem Bericht nach keiner drin, Karosserie ist zum Teil Handarbeit. Ist es das Fahrgestell? Oder ist es wirklich nur diese ominöse Nummer?
EmmetBrown 27.11.2011
2. Titel
Da bleibt nur eins zu sagen. Tolle Arbeit und als Ergebnis ein wunderschönes Auto.
Sapientia 27.11.2011
3. Aha,
Zitat von sysopSensationeller Scheunenfund: In Litauen rostete ein*VW-Käfer auf einer Wiese vor sich hin, bis er nur noch Schrott war. Dann stellte sich heraus, dass der Wagen einer*von nur noch drei erhaltenen Prototypen ist.*Jetzt erzählen*seine Retter*die Geschichte der kostbaren Rostlaube. http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/0,1518,799026,00.html
verdeckte Werbung von Delius-Klasing als investigativer Journalismus verpackt, wie niedlich. Wobei doch eigentlich alle schon wissen, daß das inhatliche Niveau der Bücher von Delius-Klasing eher niedrig ist, aber für die Kinder immer viele Bilder bereithält.
quodlibed 27.11.2011
4. Ist Nummer 3806 ein "Original"?...
Nach der Auflistung all dessen, was nicht da war und "neu" nachgebaut werden mußte, dann hat das fertige Fahrzeug offensichtlich nur sehr wenig mit einem originalen Prototypen zu tun (außer der Fahrgestellnr. noch etwas Charakteristisches?), sondern ist wohl eher das, was die Engländer eine "recreation" nennen bzw. Restauratoren als "marriage" bezeichnen, bei der viele zusammen gesammelte und neu erstellte Teile zusammengebastelt werden, die mit dem Fahrzeug der genannten Fahrgestellnr. nichts zu tun haben. Also richtig nett anzuschauen damit sich der naive Betrachter das Original vorstellen kann. Vor solchen Vorgehen ist leider niemand gefeit: selbst BMW hat seinen Nachbau des 328-Kamm-Coupes zunächst als Original ausgegeben und es mit H-Kennzeichen und offensichtlich sogar einen FIVA-Pass versehen lassen (so viel zu Sachverstand von prüfenden TÜV und ADAC/FIVA...), denn sonst hätte dieses Auto nie an der Mille-Miglia teilnehmen dürfen. BMW sagt, es sei ein originales Fahrgestell verwendet worden... Man befindet sich also in "guter" Gesellschaft.
spargel_tarzan 27.11.2011
5. meine herzlichsten glückwünsche..
denn als bekennender vw-hasser geht mir doch das herz auf bei so einer geschichte .
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