Fotostrecke

50 Jahre Simson Schwalbe: Suhl ist cool

Foto: SPIEGEL ONLINE

50 Jahre Simson Schwalbe Der Rüberflieger

Seit 50 Jahren knattert die Simson Schwalbe um die Welt, der Roller ist heute begehrter denn je. Entwickelt und produziert wurde er einst in der DDR. Besitzer profitieren noch heute von einem Ost-Gesetz.

Es knattert, es stinkt - eine Mischung aus Öl und Abgasen liegt in der Luft. Kathrin Hilse stoppt auf dem Weg zur Arbeit mit ihrer Schwalbe in der Hafencity in Hamburg, einem trendigen Neubauviertel. Der Nachgeschmack des Zweitakters ist auf der Zunge zu spüren. Gut fünf Kilometer pendelt die 42-Jährige jeden Tag mit der Schwalbe in die Innenstadt. Auf den Roller ist Verlass, Probleme machen da eher einige Autofahrer: "Muss wohl der stinkende Auspuff sein", sagt Hilse. "An der Geschwindigkeit kann es ja nicht liegen, immerhin fährt die Schwalbe 60 km/h."

Die meisten Reaktionen seien aber positiv, erzählt die Schwalbe-Fahrerin: "Ein Lächeln hier, ein freundliches Zuwinken dort." Kein Wunder, denn die Schwalbe ist längst Kult: Ihre unverwechselbare Form, ihre Haltbarkeit und natürlich die Höchstgeschwindigkeit sprechen für sie. Ist bei anderen Rollern bei 45 km/h Schluss, gibt die Schwalbe noch einmal Gas. Schon zu DDR-Zeiten war sie 60 km/h schnell; dank des Einigungsvertrags ist ihr das auch heute noch erlaubt.

Keine Ostalgie, sondern wahre Liebe

Die Erfolgsgeschichte der Schwalbe begann vor 50 Jahren, im Jahr 1964. Die Vorgaben für die Entwickler des Herstellers Simson waren klar: Schnell sollte sie sein, dazu robust und leicht zu reparieren, mit Platz für zwei. Das Zweirad war der Auftakt zur legendären Simson-Vogelreihe, auf die Schwalbe folgten die Modelle Spatz, Star, Sperber und Habicht. Vom Produktionsstandort Suhl schwärmte die Schwalben in alle Welt aus, vor allem in die "sozialistischen Bruderstaaten". Bis 1986 liefen mehr als eine Million Exemplare vom Band.

Heute fahren davon noch geschätzte 150.000, der Großteil in Deutschland. Aber ist die Schwalbe nur ein Produkt für verklärte Ostalgiker? "Keinesfalls", sagt Kathrin Hilse. "Wer sie einmal fährt, ist ihr erlegen", sagt sie und lächelt. "Ich liebe die Schwalbe einfach."

Eine Liebe, die auch Holger Jeschke teilt. Der 68-Jährige schraubt selbst an Schwalben. Seit 15 Jahren fesselt den gebürtigen Flensburger nun schon die Technik der Zweiräder. Jeschke, ein Maschinenbaumeister, hatte damals aus Interesse angefangen, sich über die Geschichte der Firma Simson zu informieren. "Ich war begeistert von den Ideen und technischen Details", sagt er. "Beispielsweise ist die Schwalbe der einzige Roller, bei dem das Vorderrad auch hinten passt und umgekehrt."

Jeschke baute sich seine erste Schwalbe über fünf Jahre hinweg Teil für Teil eigenhändig zusammen. Das Unikat hat er vor gut zehn Jahren verkauft, aber ein Bild von ihr hängt immer noch an seiner Wand. Und von der Erfahrung von damals profitiert er heute noch: Er kennt jede Schraube an den DDR-Rollern und hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Im Nordwesten Hamburgs führt der 68-Jährige als "Schwalbendoktor " eine eigene Werkstatt. Einen Rat erhält man bei ihm meistens kostenlos, aber seine Schwalben verkauft er nicht jedem: "Das Herz muss schon am rechten Fleck sitzen", sagt er. Er meint damit, dass der Käufer die Schwalbe wirklich schätzen muss - und sie nicht nur als Geldanlage betrachtet.

Heute wäre die Schwalbe locker das Dreifache wert

Als noch niemand an den Kult dachte, der sich einmal aus diesen Oldtimern entwickeln könnte, fing Jeschke bereits an, Ersatzteile zu sammeln. Mittlerweile reichen die - wie er sagt - "Schätze" in seinem Lager für 15 komplette Schwalben.

Was Jeschke im Großen macht, kennt Kathrin Hilse im Kleinen: Ausschau halten nach Ersatzteilen. "Wer Schwalbe fährt, sammelt auch", sagt die 42-Jährige. Allein zehn Zündkerzen habe sie zu Hause. Alle originalverpackt. "Wechseln musste ich aber noch nie eine".

Mit 14 bekam sie vom Vater ihre erste eigene Schwalbe geschenkt. "Damals in der Uckermark bin ich damit zur Schule gefahren." Nach einem Auslandsaufenthalt in Amerika und dem Studium in Lüneburg war das Moped weg. "Aber die Sehnsucht nach Schwalbe Fahren war immer da", sagt Kathrin Hilse.

Vor acht Jahren dann der glückliche Fund: Eine Schwalbe vom Typ KR 51/2 L, Baujahr 1982. Eine der letzten, die in der DDR produziert wurden. Jahrelang stand sie ungenutzt in der Scheune eines Bauern. Der Preis: 300 Euro. Heute wäre die Schwalbe locker das Dreifache wert. Selbst kleinste Details wie Benzinhahn, Tacho und Blinker sind noch im Originalzustand.

Darum parkt die 42-Jährige ihre Schwalbe nach der Arbeit immer sicher in der Tiefgarage. Dort ist sie dann in bester Gesellschaft - neben zwei weiteren Schwalben. "Mir hat mal einer gesagt: Bei einer Schwalbe bleibt es nicht. Recht hatte er."

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.