Abgelenkte Lkw-Fahrer Wenn das Smartphone den Tod bringt

Lkw-Fahrer verursachen jedes Jahr Hunderte Auffahrunfälle, viele enden tödlich. Auf der A1 jagen spezielle Polizeistreifen Trucker, die sich mit ihrem Handy ablenken. Die Beamten erleben dabei aber noch mehr.
Lkw-Fahrer mit Handy (Symbolbild)

Lkw-Fahrer mit Handy (Symbolbild)

Foto: bernardbodo/ iStockphoto/ Getty Images

Der erste Sünder lässt an diesem Junitag nicht lange auf sich warten. Es ist kurz nach drei am Nachmittag, und auf der A1 bei Ahlhorn rollt ein Lkw nach dem anderen über die rechte Spur. Seit wenigen Minuten treiben Cliff Sprenger und Jens Oentrich im Verkehr mit. Die beiden Polizisten sitzen in einem dunkelgrauen VW Bulli. Auf dem Dach eine Leiter - wie bei einem Handwerkerauto.

Auf der Überholspur nähern sich die beiden einem roten Sattelzug. Nur kurz blickt Sprenger vom Beifahrersitz aus in den Außenspiegel des Lkw. Was er da erspäht, reicht ihm. Sein linker Zeigefinger drückt auf das Tablet im Schoß, das mit einer Kamera an der Leiter verbunden ist. Aufnahme läuft. Der Bulli gleitet am Laster vorbei - und filmt einen Fahrer mit Handy am Ohr.

Autobahnpolizisten Oentrich, Sprenger

Autobahnpolizisten Oentrich, Sprenger

Foto: Ansgar Siemens/ SPIEGEL ONLINE

Handy, Navi, Laptop: Ablenkung durch elektronische Geräte ist mittlerweile eine der größten Gefahrenquellen im Straßenverkehr. Ein Drittel aller Unfälle ist auf abgelenkte Fahrer zurückzuführen - zu diesem Ergebnis kam eine Studie der Universität Virginia (USA). Der Griff zum Handy erhöhe das Crash-Risiko um das Fünffache. Laut Unfallforschung der Versicherer lässt sich der Befund auf Deutschland übertragen.

Tödliche Wucht

Vor allem wenn Lastwagenfahrer nicht auf die Straße schauen, können die Folgen dramatisch sein. Ungebremste Lkw verwandeln sich in Geschosse, die schon wegen ihrer Masse tödliche Wucht entfalten. Sattelzüge wiegen bis zu 40 Tonnen.

Im Jahr 2017 verursachten Lkw-Fahrer auf deutschen Autobahnen 560 Auffahrunfälle, an denen Pkw beteiligt waren. Dabei starben 21 Menschen, wie eine Sonderauswertung des Statistischen Bundesamts für den SPIEGEL ergab.

Auf frischer Tat: Polizei filmt Handysünder

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Oft geschehen derartige Katastrophen am Ende eines Staus. Mit Blick auf die 780 Autobahnkilometer der Polizeidirektion Oldenburg müsse man "zwingend von einem Problem sprechen", sagt Polizeipräsident Johann Kühme. Sein Bezirk im nördlichen Niedersachsen umfasst vier Autobahnen. Der viel befahrene A1-Abschnitt bei Ahlhorn ist Teil der Transitroute zwischen Hamburg und dem Ruhrgebiet.

Als es Ende vorigen Jahres am Stauende mehrmals tödlich krachte, hatte Kühme genug. Zwar lässt sich die genaue Ursache für Auffahrunfälle nicht immer eindeutig nachweisen. Doch der Verdacht liegt nahe, dass das Smartphone in vielen Fällen eine Rolle spielt. Und so rief Kühme das Projekt "Ablenkung im Führerhaus" ins Leben.

Seit Februar sind im Gebiet der Polizei Oldenburg acht Autobahnpolizisten nahezu ausschließlich damit befasst, unaufmerksame Lkw-Fahrer aufzuspüren. Teil der Truppe sind Hauptkommissar Sprenger, 39, der das Projekt leitet, und Oberkommissar Oentrich, 50.

Den roten Sattelzug haben die beiden Beamten von der Autobahn auf einen Parkplatz gelotst. Er ist einer von etwa 11.000, die täglich über diesen A1-Abschnitt fahren. Sprenger tritt an die Fahrerkabine, die Tür öffnet sich. "Es hat einen Grund, weshalb wir sie anhalten."

"Ich weiß, das ist totaler Mist"

Am Steuer sitzt Frank Nitsche, 42, seit 17 Jahren Lkw-Fahrer. Er gibt sich reumütig. Ein Handy am Ohr? "Ich weiß, das ist totaler Mist." Leider habe die Freisprecheinrichtung versagt, der Chef sei dran gewesen, nur wenige Augenblicke. Aber klar, er wisse, dass Ausreden sinnlos sind.

Das Video? "Brauchen wir nicht angucken." 100 Euro kostet ihn die Ordnungswidrigkeit, dazu kommen knapp 30 Euro Gebühren und ein Punkt in Flensburg. "Das tut sehr weh." Vor allem weil er vier Wochen zuvor schon einmal erwischt wurde. Fünf Minuten habe er damals am Steuer telefoniert. "Gebe ich offen zu." Als Konsequenz daraus, sagt er, habe er auch für sein zweites Handy eine Freisprecheinrichtung gekauft.

Verkehrssünder Nitsche

Verkehrssünder Nitsche

Foto: Ansgar Siemens/ SPIEGEL ONLINE

1000 Fälle in vier Monaten

Seit Februar haben die Oldenburger Polizisten etwa 1300 Fälle geahndet, bei denen Lkw-Fahrer abgelenkt waren. "Wir sehen täglich Fahrzeugführer, die im Blindflug unterwegs sind", sagt Sprenger. Ein Fahrer habe während der Fahrt einen Kaufvertrag gelesen. Ein anderer habe einen Film geschaut, ein Dritter seine Füße massiert.

In Niedersachsen bestätigt das Pilotprojekt offenbar Erkenntnisse, die die Polizei bereits seit Jahren sammelt. Bei einer Schwerpunktaktion auf Autobahnen kontrollierten Beamte im September 2016 mehr als 3600 Lkw-Fahrer, so eine interne Statistik des Innenministeriums.

Mehr als zehn Prozent der Fahrer waren demnach abgelenkt:

  • der häufigste Verstoß: Telefonieren (125 Fahrer)
  • einen Film sehen am Steuer (53 Fahrer)
  • so mit Essen und Trinken beschäftigt, dass sie eine Gefahr für den Verkehr darstellten (35 Fahrer)

Die Zahlen, heißt es aus dem Ministerium, seien nach wie vor aktuell.

Igor aus Weißrussland lenkt einen Sattelanhänger aus Litauen, als er von Sprenger und Oentrich ertappt wird. Der Fahrer hält sein Handy in der rechten Hand und tippt, den Blick auf dem Display. Der weiße Lkw fährt Schlangenlinien über den Randstreifen. "Das sind die Leute, die wir haben wollen", sagt Sprenger und macht eine Zwölf-Sekunden-Aufnahme. Dann hält er eine rote Kelle aus dem Seitenfenster.

Feilschen mit der Polizei

Zum Zwangsstopp geht es auf den nächsten Rastplatz. Deutsch spricht Igor nicht, Englisch nur in Bruchstücken. Den Polizisten kommt zupass, dass sie Handzettel in mehreren Sprachen dabeihaben. Oentrich zückt die russische Karte und reicht sie ins Führerhaus hoch. Igor liest und nimmt seine Sonnenbrille ab. Das anfängliche Lächeln weicht aus seinem Gesicht, er weitet die Augäpfel.

Videoanalyse: Warum die beste Sicherheitstechnik nicht eingebaut wird

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Anders als deutsche Fahrer müssen Ausländer sofort bezahlen. Eine Sicherheitsleistung, wie es im Amtsdeutsch heißt. Igor verdient 800 Euro, erzählt er, und versucht zu handeln. "50 Euro?" Die Hälfte des Bußgelds? Als er merkt, dass er keine Chance hat, zahlt er per Kreditkarte.

Starke Beweise

Die meisten Sünder, sagt Sprenger, seien einsichtig. "Und es hilft, dass wir ein Video haben." Schon der Hinweis darauf reiche meist, damit ein Fahrer klein beigebe. Es ist der entscheidende Vorteil des Projekts, aus Sicht der Polizei: Die Clips sind deutlich stärkere Beweise als Zeugenaussagen von Beamten, auf die man in der Regel angewiesen ist.

Ob das Projekt aus Oldenburg auf das gesamte Bundesland ausgedehnt wird, sei offen, sagt Polizeipräsident Kühme. "Nicht ausgeschlossen", dass andere Bundesländer die Idee kopierten. Er habe bereits mehrere Anfragen bekommen. Inwieweit die Kontrollen die Zahl der Unfälle senke, könne man noch nicht sagen. Der Zeitraum sei zu kurz.

Die Unfallforschung der Versicherer (UdV) ist skeptisch. Das Lkw-Fahren sei geprägt von Monotonie, gleichbleibender Geschwindigkeit und wenig Überholmanövern. "Fahrer suchen Ablenkung, um nicht müde zu werden", sagt UdV-Chef Siegfried Brockmann. Polizeikontrollen könnten daran nichts ändern, zumal das Entdeckungsrisiko verschwindend gering sei. "Die Polizei wird immer nur einen Bruchteil der Lkw kontrollieren können."

Der Tod am Stauende, er ließe sich vermutlich eher verhindern, wenn für sämtliche Lkw ein moderner Notbremsassistent Pflicht wäre. Doch der ist in Deutschland bisher nicht vorgeschrieben. (Lesen Sie hier, warum die Politik sich damit so schwertut.)

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