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Testfahrer-Kneipe beim Death Valley: Der Tresen für Autoentwickler

Foto: Tom Grünweg

Testfahrer-Kneipe beim Death Valley Kühles Bier und heiße Eisen

Eine Bretterbude in der Nähe des Death Valley ist das heimliche Zentrum der Autoindustrie. Im Sourdough Saloon treffen sich im Sommer Hunderte Testfahrer. Doch Missgunst und Markenrivalität sucht man hier vergebens, stattdessen ist dort ein ganz anderer Konkurrenzkampf entbrannt.

Das heimliche Herz der Autowelt schlägt in einem kleinen Saloon in Beatty, Nevada. Nicht in Detroit, Wolfsburg, Stuttgart oder Tokio, sondern am Tresen einer Bretterbude am Ende der Welt. Wer aus dem Death Valley in den Sourdough Saloon kommt, darf allerdings nicht auf eine Oase hoffen. "Eistee gibt's hier nicht. Limonade auch nicht. Wir haben nur Bier und harte Sachen, Schätzchen", sagt die blonde Bedienung am Zapfhahn.

Und tatsächlich: Obwohl es gerade mal Mittag ist, haben alle Gäste ein Bier vor der Nase. Manche kippen auch schon den ersten Whiskey. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit zaubert die Barfrau wenigstens eine Cola aus dem Kühlschrank, das mit der Limo gilt offenbar nur eingeschränkt.

In Beatty, knappe drei Stunden nordwestlich von Las Vegas, treffen sich Testfahrer aus aller Herren Länder, um Prototypen zur Hitzeerprobung durchs Death Valley zu treiben. Wenn Kühler oder Klimaanlagen hier funktionieren, dann machen sie auch in Leipzig oder Los Angeles nicht schlapp.

Materialschlacht im Death Valley

Aus aller Welt fliegen die Hersteller Prototypen nach Los Angeles ein, wo die meisten Firmen mittlerweile Entwicklungsstützpunkte haben, fahren dann oft in langen Konvois in die Wüste und mieten sich Dutzende Garagen, die den Bürgern in Dörfern wie Beatty mittlerweile ihr Auskommen sichern, oder stampfen sie kurzerhand selbst aus dem Boden. Zu Spitzenzeiten sind mehr als hundert getarnte Vorserienfahrzeuge im und um das Death Valley unterwegs.

In Orten wie Furnace Creek oder Beatty hört man dann fast so viel Deutsch, Japanisch oder Koreanisch wie Englisch, das einzige Hotel am Ort ist über Wochen ausgebucht und überall in den Privathäusern ringsum haben sich Ingenieure und Testfahrer einquartiert.

Die meisten kommen aus Deutschland, vor allem von Mercedes und BMW. Die Stuttgarter reisen schon so lange regelmäßig an, dass es so etwas wie eine inoffizielle Städtepartnerschaft gibt. Das zumindest legt der gravierte Zinnteller nahe, auf dem die "Friends of Beatty" sich für zehn Jahre Gastfreundschaft bedanken. Und zwar schon 1984.

Ingenieure als Spaßvögel

Die Mercedes-Ingenieure waren es auch, die irgendwann die Dekoration der Kneipe übernommen haben. Einen Dollarschein mit einem flotten Spruch an die Wand zu tackern, das ist in den Saloons im Western so üblich. Aber hier, im Sourdough Saloon, hat sich die Sache irgendwie verselbständigt: Alufelgen, Lenkräder, Motorabdeckungen, die Zierblenden diverser Kühler - selbst der Edelstahlgrill eines Rolls-Royce - hängen zwischen Hunderten von Dollarscheinen an der Wand.

Der ganze Stolz des Saloons ist allerdings die komplette Kühlermaske eines Mercedes SLK, die irgendwann per Container angeliefert wurde. Auf Knopfdruck funktionieren die Scheinwerfer. Und mit einer Fernbedienung kann man von der Theke aus sogar die Scheinwerferwaschanlage bedienen.

"Die Gimmicks gehen auf unsere Kappe", sagt Norbert Klauer aus der BMW-Motorenentwicklung. Er ist schon seit über 20 Jahren Stammgast im Sourdough Saloon und kann sich noch gut daran erinnern, wie sehr die Bayern das protzige Plastikteil aus Stuttgart gewurmt hat. "Deshalb haben wir es ein bisschen getunt, als die Mercedes-Jungs gerade unterwegs waren, und ihnen bei der Rückkehr einen feuchten Empfang beschert", freut sich der Ingenieur.

Konkurrenzkampf am Billardtisch

Das sind allerdings nur Streiche unter Freunden, sagt sein Kollege Maximilian Braun. Zwar habe natürlich jeder seine Geheimnisse, und man schaue dem Wettbewerber auch nicht unter die Haube seiner Prototypen. "Hier in der Wüste hilft sich jeder, wir teilen uns sogar manchmal die Werkstätten", erzählt der BMW-Tester. "Und den Konkurrenzkampf trägt man allerhöchstens am Billardtisch im Hinterzimmer des Saloons aus."

Mit der Frontmaske des SLK hat allerdings bei den PS-Memorabilia ein Wettrüsten begonnen, das immer neue Blüten treibt. "Längst überlegen wir schon daheim in München, was wir diesmal dort lassen könnten", sagt BMW-Mann Braun. Und manchmal fällt ihnen auch vor Ort noch etwas Pfiffiges ein. Zum Beispiel das weiß-blaue Lüfterrad, das ein findiger Kopf so auf den Drehteller einer ausrangierten Mikrowelle geschraubt hat, dass es jetzt an der Kneipenwand rotiert. "Viel ist hier in Beatty nicht los, da hat man nach Feierabend Zeit für so einen Unsinn", lacht Klauer.

Für die Ingenieure ist Beatty und vor allem der Sourdough Saloon fast zur zweiten Heimat geworden. Ganz egal wie lange die Anreise war und wie schwer einen der Jetlag trifft: "Kaum kommst du in Beatty an, marschiert jeder von uns erst einmal in den Sourdough Saloon und schaut, welche alten Bekannten diesmal wieder hier sind", sagt BMW-Entwickler Braun. Und das gilt offenbar nicht nur für Ingenieure und Versuchsfahrer, sondern sogar für die Vorstände. Denn auch der Mercedes-Cheftechniker Thomas Weber ist hier Stammgast: "Der Weg ist lang, hart und brütend heiß. Nicht nur für die Autos. Aber es lohnt sich immer wieder."

Ferien im Tester-Kaff

Dass die Tester so sehr am Tresen des Sourdough Saloon hängen, hat einen einfachen Grund. Es gibt im Umkreis von bald 100 Meilen keine Alternative. "Und nirgends eine so gute Pizza", sagt Kelly und zieht einen von jenen Sauerteigfladen aus dem Ofen, denen der Saloon seinen Namen verdankt.

Bei den Ingenieuren kommt der spröde Charme der PS-Spelunke gut an. "Wir waren von der Kneipe total begeistert", sagt Jeff Grauer, der bei Ford in Detroit die Sportmodelle der SVT-Division testet. "Wir waren auf Anhieb so begeistert, dass wir sogar einen unserer Prototypen zerlegt haben, nur um hier auch was an die Wand zu hängen", erinnert sich der Ingenieur.

Danach kam er mit seiner Mannschaft drei, vier Jahre wieder und hat jedesmal ein neues Souvenir an die Wand genagelt. Jetzt allerdings ist die Death-Valley-Erprobung für das SVT-Team schon seit ein paar Jahren gestrichen, und Grauer ist darüber so frustriert, dass er mit ein paar Kollegen sogar für den Urlaub eine Altherrentour nach Beatty plant - natürlich nur im Sommer, wenn auch die anderen Tester wieder da sind.

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