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Manufaktur für Titan-Fahrräder: Dieser Traum hält ewig

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Manufaktur für Edelfahrräder Titanen zum Treten

Ein Fahrradbauer aus Berlin hat sich auf ein besonderes Material spezialisiert: Titan. Seine Bikes kosten bis zu 12.000 Euro - dafür sind sie eine Liebe fürs Leben.

In der ehemaligen Pizzeria im Berliner Stadtteil Treptow-Köpenick, die heute eine kleine Werkstatt ist, könnte Großes entstehen. Raketen, zum Beispiel. Oder Satelliten. Auch Prothesen für Teilnehmer der Paralympics. Doch Daniel Pleikies fertigt Fahrräder aus Titan. Der silbermatte Werkstoff wird überall dort eingesetzt, wo Geld nicht die entscheidende Rolle spielt. In der Raumfahrt oder Medizintechnik, zum Beispiel. Fahrräder daraus? Eher exotisch.

Fahrradrahmenbauer gibt es in Deutschland vielleicht hundert, schätzt Gunnar Fehlau, der die Szene gut kennt und einen Branchendienst betreibt. Aber höchstens eine Handvoll fertigen Räder aus Titan. Unter ihnen zählt Daniel Pleikies mit seiner Marke WheelDan zu den Besten, urteilt Fehlau.

Pleikies erfüllt individuelle Fahrrad-Wünsche. Statt Billigware, die oft als sogenannte Bahnhofsschlampen enden, baut er Bikes mit Wert. Im besten Fall halten sie ein Leben lang. Jedes einzelne ist ein Unikat.

Titan hat viele Vorteile - und einen Nachteil

Titan besitzt im Vergleich zu anderen Werkstoffen viele Vorteile. Es ist doppelt so elastisch wie Stahl und damit besonders komfortabel beim Fahren. Es rostet nicht. Ist leicht und widerstandsfähig. So viele Vorteile führen zu einem gravierenden Nachteil: Der Werkstoff kostet ein Vielfaches von Stahl.

"Titan ist der beste Werkstoff für Fahrräder, wenn es um die spezifische Festigkeit und die Haltbarkeit geht", sagt Oberingenieur Thomas Grund von der Technischen Universität Chemnitz. Doch während ein Kilo einfacher Stahl etwa 80 Cent kostet, und Aluminium 1,50 Euro, muss der Titan-Einkäufer für die gleiche Menge etwa 25 Euro hinlegen.

Das ist einer der Gründe, warum Pleikies für seine Räder zwischen 5000 und 10.000 Euro verlangt. Kein Wunder, dass der studierte Architekt und gelernte Metallbauer jeden Kunden persönlich kennt. "Das teuerste Rad kostete 12.000 Euro", so viel wie ein Kleinwagen. "Da habe ich alles aus Titan gefertigt - Gepäckträger, Lenkeraufsatz, Lichtaufnahmen, einfach alles", erinnert er sich.

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Manufaktur für Titan-Fahrräder: Dieser Traum hält ewig

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Mit dem Boom bei Fahrrädern steigt auch der Wunsch nach individuellen Luxusanfertigungen. Auf der Berliner Fahrradschau, einem Trendbarometer der Branche, gehörten Handanfertigungen zu den wichtigsten Strömungen im Fahrradbau. Rahmenbau gilt hier als Kunst: Wer sich dann wie Pleikies dazu noch erfolgreich an Titan wagt, gehört zu den großen Meistern der Szene. Etwa zehn Räder schafft er pro Jahr, rund 200 Stunden fließen in eine Maßanfertigung. Bei der Geometrie des Rahmens arbeitet er mit Sportmedizinern zusammen, welche die Physiognomie der Radfahrer ermitteln. Die Hälfte der Zeit verwendet Pleikies jedoch für die Kommunikation mit dem Kunden. "Das habe ich anfangs unterschätzt", sagt er.

Als Erinnerung an einen seiner anspruchsvollsten Auftraggeber hängt noch eine Weihnachtskarte hinter der Tür. Goldene Pferde mit wehendem Schweif auf rotem Grund, dazu ein paar chinesische Schriftzeichen.

"Die Karte hat mir ein Kunde mit chinesischen Wurzeln geschrieben", sagt der 42-Jährige. Mehr als hundert Mails schickte der Mann zuvor. Ausgedruckt passte jede der Nachrichten auf zehn Seiten DIN-4-Papier. Der Auftraggeber fertigte selbst technische Zeichnungen an, in jeder Mail stand im Betreff "finally bike document", endgültige Rad-Anleitung. Schlussendlich erhielt der Kunde dann aber ein komplett anderes Bike, als er ursprünglich wollte.

Zunächst hatte er sich ein Reiserad mit einer technisch hochgerüsteten Getriebekonstruktion gewünscht - eine extrem komplexe Schaltung, vor der Fahrradfans niederknien. Pleikies wirkt heute noch ein wenig angestrengt, wenn er an den Auftrag denkt. Am Ende des Mailverkehrs, in dem der Rahmenbauer ihn von seiner Philosophie der Einfachheit überzeugt hatte, entschied sich der Kunde dann für eine Ein-Gang-Version. Denn je simpler ein Rad konstruiert ist, desto weniger kann kaputt gehen. "Jetzt ist er glücklich", erzählt Pleikies und gesteht: "Ich habe regelmäßig Herzklopfen, wenn ich das fertige Rad übergebe".

Daniel Pleikies in seiner Werkstatt

Daniel Pleikies in seiner Werkstatt

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Alle Werkzeuge und Möbel in Pleikies' Werkstatt stehen auf Rädern. Weil der Raum nicht größer als eine Studentenbude ist, "spiele ich hier oftmals Tetris", sagt er und rollt dabei seine Werkbank ein Stück nach rechts. Darunter liegt eine selbst entworfene Biegemaschine für die Rohre. Um die Teile fürs Rad per Hand in Form zu bringen, braucht er viel Platz: Mit einem Hebel von zwei Metern beginnt er, das kalte Titan mit Muskelkraft zu bearbeiten. Unter der Anstrengung verzieht er das Gesicht, seine lockigen Haare fallen ihm über die Stirn. Bis zu einen Tag kann der Biegeprozess dauern - beispielsweise für die Gabelkrone. "In der Industrie gibt es Biegemaschinen, die kosten eine halbe Million Euro und sind doppelt so groß wie dieser Raum", sagt Pleikies und dreht sich einmal um die eigene Achse. "Eine Biegung kostet dann aber auch 3000 Euro".

Auch das Zusammensetzen der einzelnen Titan-Teile erfordert mehr Sorgfalt als bei Stahl. Weil das Material bei der Reaktion mit Luft spröde wird, muss es statt mit billigem Stickstoff mit teurem Argon, einem Schutzgas, geschweißt werden. Zwei mannshohe Flaschen davon stehen in der Ecke.

Fehler werden für ihn teuer

Wenn man so will, ist Titan die Diva unter den Leichtmetallen. Mit einem Massenanteil von 0,9 Prozent an der Erdkruste macht es sich rar im Vergleich zu Eisen (sechs Prozent) und Aluminium (acht Prozent). Bei der Gewinnung verschlingt es viel Energie und erfordert komplizierte chemische Prozesse. Bei der Bearbeitung benötigt Titan fast klinische Sauberkeit: "Zunächst reinige ich die Rohre im Ultraschallbad. Setze ich sie zum Rahmen zusammen, reinige ich das Titan mit Aceton, weil ich es angefasst habe", sagt Pleikies.

Hinter der Tür steht eine Art Bad-Bicycle-Bank - ein Korb voller Ausschuss und geknickter Rohre. "Das ist mein teures Lehrgeld", sagt er und greift in die Kiste. Bei Stahl lassen sich kleinere Fehler einfach weg schmirgeln, Titan verzeiht keine Fehler.

Pleikies ist noch recht frisch im Geschäft. Er selbst zählt sich mit seiner Marke WheelDan  aber bereits zu den etablierten Titan-Rahmenbauern. Der Name seiner Firma soll an den englischen Ausspruch "well done erinnern" - gut gemacht.

Eine spezielle Kundin mit besonderen Wünschen

Das könnte auch das Motto seiner Firmengründung sein: 2011 gab er nach der Geburt seines ersten Kindes, einem Sohn, seinen Job als Architekt auf. Mehr als zehn Jahre hatte er in dem Job gearbeitet. "Ein Kind ändert vieles im Leben. Ich stellte alles auf den Prüfstand", sagt Pleikies. Bereut hat er seine Entscheidung nicht.

Schon immer habe er seine eigenen Fahrräder zusammengeschraubt, mit seinen mittlerweile zwei Kindern wünschte er sich flexiblere Arbeitszeiten. Zwar arbeitet er heute eher mehr als die üblichen 40 Stunden in der Woche, macht dafür aber regelmäßig um kurz nach vier erst einmal Feierabend, um seine Tochter aus der Kita abzuholen. Dann geht er oft noch nach 20 Uhr in die Werkstatt.

Die Kunst des Rahmenbaus lernte er kurz nach seiner Kündigung am Lago Maggiore in Italien. Bei einem der wenigen Hersteller in Europa, die auch den Umgang mit Titan lehrten. Den Kontakt knüpfte der Architekt auf einer Messe. Ein glücklicher Zufall, denn die meisten Spezialisten sitzen in den USA. Bis man dort als Schüler das Handwerk erlernen kann, vergeht oft mehr als ein Jahr, erzählt Pleikies. Erst recht mit dem seltenen Titan. Doch ein anderer Werkstoff kam für Pleikies nie infrage. "Mich faszinierte die Tatsache von so etwas Edlem, das ewig hält".

Vorübergehende Trends widern Pleikies eher an. Deshalb baut er ungern Mountainbikes, weil dort die "Scheininnovationen" - wie Pleikies es nennt - besonders schnelllebig seien. Nur einer einzigen Kundin gesteht er modische Extravaganzen zu: seiner kleinen Tochter. "Die wünscht sich ein Fahrrad in pink mit Puppenkorb. Das wird dann mein erstes lackiertes Titan-Rad."

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