Schönes Ding: Toyota Setsuna Auf dem Holzweg

Die Automobilgeschichte ist voll von irren Studien, die erst begeisterten und dann verschwanden. SPIEGEL ONLINE zeigt die verrücktesten Visionen. Diesmal: der Toyota Setsuna - ein Fall für den Kunstschreiner.

Toyota

Uhr und Auto, das ist manchmal eine besondere Kombination. Bentley bietet als Sonderausstattung eine mechanische Breitling auf dem Armaturenbrett an; im Mini Cabrio gibt es einen Sonnenstundenzähler, der die Fahrtzeit mit geöffnetem Dach misst; und in der Studie Toyota Setsuna ist eine Art Ewigkeitsmesser eingebaut. Dessen kleiner Zeiger zeigt die Stunden an und vollendet pro Tag eine Umdrehung. Der große Zeiger misst die Tage und dreht sich einmal pro Jahr rundherum. Und die Walzenanzeige inmitten des Ziffernblatts zählt die Jahre - erst nach 999 Jahren springt sie wieder auf Null. Die Botschaft des Chronografen: Dies ist ein Auto für die Ewigkeit.

Zugleich ist der Toyota Setsuna ein Auto aus Holz, jedenfalls zum größten Teil. Es gibt daneben noch einige Bauteile aus Aluminium, natürlich klassische Autokomponenten wie Stoßdämpfer oder Reifen, dünne Lederauflagen auf den Holzsitzen und - als Antrieb - zwei Elektromaschinen sowie sechs Blei-Batterien. Vorgestellt wurde der zweisitzige Roadster während der Designwoche in Mailand im Frühjahr 2016. Von Toyota, einem Autohersteller, der für knochentrockenen Realismus und humorlosen Pragmatismus steht wie keine andere Marke, hätte man ein derart romantisch-verspieltes Konstrukt wohl zuletzt erwartet.

Und die Studie Setsuna ist nicht einfach ein kleiner, hübscher, gewitzter Holzroadster, sondern vor darüber hinaus ein Statement für Langlebigkeit, Sorgfalt und Natürlichkeit. Vor allem deshalb, so erklärte Chefingenieur Kenji Tsuji bei der Premiere, habe man das Auto so weit wie möglich aus Holz gebaut. Es sollte kein weiteres modisches Wegwerfprodukt werden, wie es viele moderne Autos heute schon sind. Die Studie sollte ein Ding von Dauer sein. Ein Auto für mehrere Generationen. Ein Wagen, dem man mit der Zeit sein Alter ansehen wird. Dessen Bauteile nachdunkeln, verschrammen und ausgebessert werden. Ein technisches Gerät mit einem Eigenleben.

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Schönes Ding: Die skurrilsten Auto-Designstudien

Deutlichster Hinweis darauf ist der spezielle Zeitmesser in zentraler Position auf dem Armaturenbrett. A propos Brett: Auch die Holzauswahl macht die Langzeitambitionen des Entwicklerteams deutlich. Damit das Fahrzeug nicht vor der Zeit morsch wird, wurde beispielsweise für die Bodengruppe das extrem harte Holz der Ulmenart Zelkove verwendet. Für den Rahmen kam Birke zum Einsatz, für die Karosserie Zeder, für die Sitze Sen-Esche und für das Lenkrad Zypresse. Zum Teil ist das Holz naturbelassen, zum Teil wurde es in einem aufwändigen Reibeverfahren mit Lasur behandelt.

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Der Setsuna ist ein fahrfähiges Auto. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 45 km/h, die Reichweite bei rund 30 Kilometer. Doch das interessiert in diesem Fall nur am Rande. Hightech-Antriebe und Elektronik-Klimbim bieten schon genug andere Prototypen. Der hölzerne Roadster von Toyota hingegen soll - neben der Dauerhaftigkeit - auch ein Beispiel für japanische Handwerkskunst geben. "Okuriari" heißt die Methode, nach der die 86 Zedernplanken der Karosserie auf dem Birkengerüst befestigt sind. Es ist ein Stecksystem mit keilförmigen Nuten und Federn, durch das die Teile einerseits fest miteinander verbunden sind, andererseits aber auch rasch voneinander getrennt werden können; etwa um beschädigte Bretter auszutauschen.

Müssen Autos zeitloser werden, um attraktiv zu bleiben?

Welchen Einfluss der Toyota Setsuna auf die Autowelt hat? Bislang lässt sich das nicht erkennen, seit der Premiere des Fahrzeugs sind allerdings auch erst dreieinhalb Jahre vergangen. Toyota sagte damals, das Konzeptauto Setsuna werde die Idee von Autos neu definieren. Auf welche Art das geschehen könnte, teilte Toyota nicht mit. Aber vielleicht wird sich auch das mit der Zeit ergeben: Wenn Autohersteller vielleicht doch wieder dazu übergehen, langfristiger, haltbarer, zukunftsfähiger zu planen und zu konstruieren.

Der Setsuna parkt derzeit im japanischen Designzentrum von Toyota. Die eingebaute Uhr tickt vor sich hin und wenn man sich die Anzeige anschaut, wirkt es so, als bliebe noch sehr viel Zeit übrig, um Autos grundsätzlich anders zu bauen.



insgesamt 21 Beiträge
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LuPy2 11.11.2019
1. sorry, bin noch nicht ganz wach
jedoch springt die Walze im Tacho erst nach 9999 Jahren auf Null, das heißt zehn mal mehr Zeit für 360 weitere Generationen. Das ist wohl nur etwas für die japanische Kaiserfamilie oder die Windsors.
spon_5112961 11.11.2019
2. Japanische Zen-Kultur...
hier als E-Cabrio dargestellt. Wunderschön!
udo l 11.11.2019
3. langfristiger und haltbarer,
wird es ganz sicher so bald nicht geben, nicht bevor das mantraähnliche Credo des permanenten Wachstums neu überdacht wird. Und dies sehe ich noch lange nicht.
egoneiermann 11.11.2019
4. Fahrzeug für die Ewigkeit
Tja, Tesla macht es vor und alle anderen werden folgen. Autos werden in der Zukunft von dem Wohlwollen der Erbauer abhängig sein. Wie bei Handys oder auch bei Betriebssystemen wird es das Sicherheitsupdate nur einige Jahr lang geben, ob man danach noch fahren kann wird man sehen.
tgu 11.11.2019
5. Das Gegenteil...
...sind die deutschen Diesel-PKW-Hersteller, welche sich weigern ihren verzapften Mist durch Nachrüsten wieder brauchbar zu machen. Stattdessen sollen die Kunden lieber tolle neue Elektroautos kaufen.
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