Trabi-Scooter Schrumpfkur für den Plastebomber

Ulrich von der Wellen fährt Trabant - aber per Fußantrieb. Gemeinsam mit anderen Bastlern hat er drei Plastebombern den Motor entfernt, die Räder getauscht, die Kotflügel eingekürzt. Heraus kam etwas ganz Besonderes: die einzigen Trabi-Scooter der Welt.


Seinen ersten Trabi entdeckte Ulrich von der Wellen zufällig an einer Tankstelle in Osnabrück. Einen Kastenwagen Baujahr 89, für 50 Mark mit zwei Jahren TÜV. "Der war perfekt. Ich suchte einen Wagen als Werbeträger, der in der Stadt steht, keinen Wagen zum Fahren", sagt der 46-Jährige. Das änderte sich bald.

Dem eingefleischten VW-Käfer-Schrauber gefielen die Eigenarten des Plastebombers: Vor der Fahrt Benzinhahn öffnen und Kilometerstand einprägen. In dem 26-PS-Auto ist er ohne Tankanzeige unterwegs. Nach 20 verfahrenen Litern muss er den Reserveschalter umlegen, um mit den verbleibenden Fünfen die nächste Tanke anzusteuern.

Ein Blick unter die Motorhaube und ihm war klar: Gegen die 40 Jahre alte Trabi-Technik ist ein Käfer-Motor ultramodern. Dafür ist die DDR-Mechanik robust und einfach zu warten. Wenn auch etwas aufwendig. Doch seit er regelmäßig die Schmiernippel fettet, alle 5000 Kilometer die Zündkerzen säubert und auch die Schrauben nachzieht, rollt sein Trabi recht zuverlässig. Dass er beim Bremsen ein bisschen nach links zieht, ist für von der Wellen eher ein Pluspunkt. "Mit beiden Händen am Steuer habe ich bei dem Wagen das Gefühl, aktiv Auto zu fahren", sagt er.

Dem Trabi verfallen

Zwölf Jahre fährt er bereits Trabant. Mit jedem Jahr wuchs seine Leidenschaft für den töffelnden Zweitakter und mit ihr sein Fuhrpark. Mittlerweile hat er fünf eigene DDR-Vehikel, zwölf restauriert und ist Mitglied im Trabi-Verein "die Pappenheimer". Aus einer Bierlaune heraus entstand vor anderthalb Jahren die Idee mit seinem Vereinsfreund Daniel Berg und Bekannten eines befreundeten Trabi-Clubs, einen Original-DDR-Autoscooter zu bauen. Es sollte ein gemeinsamer Messestand für die Oldtimermesse "Techno-Classica" 2008 in Essen werden. Das Equipment war da: In den Werkstätten der zwölf Bastler stapelten sich unzählige Einzelteile neben halbfertigen und fein restaurierten DDR-Trabanten.

Doch als das Gerüst für den Autoscooter nach wenigen Wochen fertig war, hatten die zwölf ein Problem. Mit 50 Quadratmeter war die Autoscooter-Fläche für einen Messestand zwar ungewöhnlich groß, für drei fahrende Trabis aber viel zu klein. Die Autos mussten schrumpfen. Von der Originalgröße 4,2 mal 1,3 Meter durften maximal Wagen mit zwei Meter Länge und einem Meter Breite übrig bleiben.

Überarbeitete Karosserie

Die Trabi-Schrauber hatten es eilig und improvisierten. Aus vier Dachlatten bauten die Männer einen Rahmen, setzten ihn auf vier Lenkrollen, verstärkten ihn mit Querverstrebungen aus Holz- und Spanplatten und fertig war das erste Fahrgestell - Fußantrieb inbegriffen.

Komplizierter wurde es beim Karosseriebau. 20 Jahre alte Kotflügel und Motorhauben mussten eingekürzt werden. Die Trabi-Pappen aus Baumwolle und Phenolharz sind zwar extrem stabil, reißen aber schnell beim Aufschneiden. Drei zerschnittene Kotflügel landeten im Sondermüll, dann hatten die Männer den Dreh raus. Mit einem Winkelschneider sägten sie zwölf Zentimeter aus der Mitte der Motorhaube und klebten sie anschließend mit Spachtelmasse wieder zusammen. "Jetzt laufen die Hauben etwas spitzer zu und geben den Trabis ein grimmigeres Aussehen", sagt von der Wellen.

Exklusive Ausstattung

Nach der Schrumpfkur ist jeder Scooter ein Unikat. Im Blauen steckt der Originaltacho des Kombis P 601, der Orangefarbene hat eine der seltenen Tankanzeigen eines Deluxe-Modells und im Roten sitzen die Fahrgäste auf der komfortablen Sitzbank eines Kombis. "Die ist wesentlich höher und besser gepolstert als die der Limousine", sagt von der Wellen. Damit alles rechtzeitig fertig wurde, verlegte er nachts die Kabel für die blitzenden Blinker, Scheinwerfer und Rückleuchten.

Kaum war der Lack trocken, da hievten Berg und von der Wellen die 40 Kilo schweren Wagen auf die Anhänger. Zur Musik von Karat und bekannten DDR-Schlagern wie "Der himmelblaue Trabi" cruisten Kinder und Erwachsene in den drei Scootern tagelang über den Messeboden. Richtige Zusammenstöße sollten sie allerdings vermeiden. "Die Trabis haben zwar einen Rammschutz, aber so stabil sind sie dann doch nicht", sagt von der Wellen.

Das würde er gerne ändern. Ein stabiler Rahmen aus Rohren und ein Antrieb mit Elektromotor wären machbar, aber zu teuer. "Bereits für einen fahrenden Original-Trabanten mit TÜV will keiner etwas zahlen", sagt er. Da lohnt sich die Arbeit für den Autoscooter schon gar nicht. Deshalb widmet er sich lieber seinem neuen Favoriten: einem alten P 50. Einer der ersten. Für den sucht er Ersatzteile.

Die drei Scooter stehen im Vereinsheim. Demnächst sollen sie versteigert werden - vielleicht kann jemand sie als Sofa oder Bobbycar gebrauchen.



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