Bildband "Tracks - Nürburgring Nordschleife" Ring frei

Erst einmal ist man völlig sprachlos. Auf 224 Seiten gibt es 226 Fotos zu sehen, und alle zeigen immer das Gleiche: eine Straße, viele Bäume, einen Streifen Himmel. Es ist die Nürburgring Nordschleife, menschenleer, autofrei. Ein Bildband ohne Text, der gerade deshalb viel erzählt.

Delius Klasing Verlag

Erster Gedanke: Nicht noch ein Nürburgring-Buch. Zweiter Gedanke: Wie langweilig, nur Fotos von der leeren Piste. Dritter Gedanke: Moment mal... Das schießt einem ungefähr auf Seite 30 durch den Kopf. Dann ist man drin im Gedankentunnel, drauf auf der Runde über die Nordschleife, unterwegs durch die grüne Hölle - noch 200 Seiten geht das so weiter. Es hat beinahe etwas Magisches. Denn obwohl von vorn bis hinten kein einziges Auto abgebildet ist, dröhnen zwischen den Ohren die Motoren. Was als Stummfilm begann, wird zum Action-Thriller.

"Die Straße gehört dir ganz allein", sagt Fotograf Stefan Bogner, wenn man ihn fragt, warum er den Nürburgring ohne Autos fotografiert hat. "Man will ja der Erste sein und nicht auf irgendwelche Rücklichter blicken." Außerdem, sagt Bogner, 45, interessiere ihn die Rennstrecke als grafisches Phänomen. "Und der Nürburgring ist nicht nur wegen seiner Geschichte, sondern auch wegen der Kriegsbemalung durch die Fans etwas ganz Besonderes."

Wer je über die Nordschleife gefahren ist, dem wird es sofort auffallen: Alle Bilder zeigen die Perspektive des Rennfahrers. Konsequent hat Bogner das Kamerastativ auf der Ideallinie positioniert und immer in etwa 1,10 Meter Höhe - also exakt da, wo die Augen des Fahrers sind. Dieser Trick macht das Kribbeln aus, denn man erkennt nicht, ob die Straße nach links oder rechts wegknickt oder in welcher Richtung es hinter der Kuppe weitergeht. "Genau das ist ja der Reiz des Rings. Die Strecke ist eine gemeine Landstraße durch die Vulkanhügel der Eifel, eng, steil, kurvig, unübersichtlich."

Das Buch funktioniert ähnlich wie ein Daumenkino

Die Bilder für das Buch entstanden an zwei Tagen im Juni 2012, am Rande einer Rennveranstaltung. Auf die Strecke konnten Bogner und sein "Chauffeur", der Rennfahrer Thomas Jäger, jeweils morgen vor neun, während der Mittagspause um zwölf und gegen Abend ab 16 Uhr. "Wir hatten brutales Glück", sagt Bogner. Vom berüchtigt-launischen Eifelwetter jedenfalls ist nichts zu sehen. Der Himmel ist klar oder harmlos bewölkt. Erst durch die Nachbearbeitung der Fotos wurden manche Wolken zu dramatischen Haufen aufgepeppt, zudem wurde die Farbe des Pistenbelags durchgängig angeglichen. Auch das trägt dazu bei, dass im Kopf der Film einer Nordschleifenrunde abläuft, das Buch funktioniert fast wie ein Daumenkino.

Eine 20,8 Kilometer lange Rennstrecke in 226 Fotos, das macht im Schnitt alle 93 Meter ein Bild. In Kurven fotografierte Bogner in deutlich kürzeren Abständen, auf den Geraden können es auch schon mal ein paar hundert Meter sein. Im Prinzip jedoch ist jeder Meter Nordschleife zu sehen.

Beispielsweise auch die scheinbar unspektakuläre Stelle bei Kilometer 10. Man findet das Foto auf Seite 129 unten. Die Piste ist schmal, vielleicht sechs Meter breit, und knickt nach links weg. Oberhalb der Leitplanken rechts der Fahrbahn ist ein felsiger Streifen zu erkennen, darüber Wald. Dieses Foto wirkt noch leerer als die anderen im Buch, und die Leere füllt sich sogleich mit der wichtigsten Geschichte dieser Strecke. Genau hier hatte der Formel-1-Rennfahrer Niki Lauda am 1. August 1976 seinen monströsen Unfall, bei dem er fast verbrannte. Ab der kommenden Woche wird der Kinofilm "Rush" diese Story erzählen, mit Flammen und Rauch. Dabei ist es auf dem Foto so still und friedlich.

Als Zugabe: Ein Fahrer-Manual für die Nordschleife

"Die 'Niki-Lauda-Kurve' wird von ganz rechts angefahren. Zum Herantasten wird noch auf der Geraden angebremst. (...) Nie jedoch in der Kurve bremsen und das Auto immer auf Zug halten!" Das ist der Kommentar zu dieser Passage kurz vor dem Streckenteil "Bergwerk" im dem dem Band beigelegten Booklet. Das 16-seitige Heft ist sozusagen der Textteil zu "Tracks" und enthält eine Gebrauchsanweisung für die Nordschleife. Zu jedem Foto im Buch gibt es präzise Anweisungen von Profi-Rennfahrer Jäger, um schnell und sicher um den tückischen Kurs zu kommen.

Fotograf Bogener hat die Nordschleife in seinem privaten Porsche auch schon ein paar Mal umrundet. "Da wird einem dann klar, wie weit man von einem echten Könner entfernt ist", sagt er. Der Rennfahrer Hans-Joachim Stuck schreibt im kurzen Vorwort des Buches, "man sollte der Nordschleife immer mit Demut begegnen", dann werde man am Ziel eine "zufriedene Erschöpfung" erleben. Ein bisschen davon spürt man sogar nach dem Umblättern der letzten Seite.


Stefan Bogner: "Tracks - Nürburgring Nordschleife", 224 Seiten, 226 Fotos + Booklet, Delius Klasing Verlag, 29,90 Euro.



insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
a.weishaupt 30.09.2013
1.
Schade, der übertriebene HDR-Effekt sieht gräuslich aus. Zu starke Kontrastmaskierung scheint gerade zum Trend zu werden.
nsa 30.09.2013
2.
Zitat von sysopDelius Klasing VerlagErst einmal ist man völlig sprachlos. Auf 224 Seiten gibt es 226 Fotos zu sehen, und alle zeigen immer das Gleiche: eine Straße, viele Bäume, einen Streifen Himmel. Es ist die Nürburgring Nordschleife, menschenleer, autofrei. Ein Bildband ohne Text, der gerade deshalb viel erzählt. http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/tracks-nuerburgring-nordschleife-ideallinie-durch-die-gruene-hoelle-a-924476.html
Ich finde die Bilder handwerklich eher schwach. Die Fotos enthalten Halos, als ob jemand zum ersten Mal mit HDR experimentiert, Wolken sind trotz HDR ausgeblichen. Da schaue ich mir lieber auf Youtube ein Nordschleife-Video an.
chinataxi 30.09.2013
3. ziemlich schlecht
Zitat von sysopDelius Klasing VerlagErst einmal ist man völlig sprachlos. Auf 224 Seiten gibt es 226 Fotos zu sehen, und alle zeigen immer das Gleiche: eine Straße, viele Bäume, einen Streifen Himmel. Es ist die Nürburgring Nordschleife, menschenleer, autofrei. Ein Bildband ohne Text, der gerade deshalb viel erzählt. http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/tracks-nuerburgring-nordschleife-ideallinie-durch-die-gruene-hoelle-a-924476.html
dieses übertriebene und absolut unprofessionell eingesetzte tonemapping ist eine schande. das so ein machwerk überhaupt erwähnt wird ist mir ein rätsel. nicht nur dass hdri/tonemapping hier die motovik völlig zerstört, nein sie ist auch noch sehr sehr schlecht umgesetzt, fast überall an den baumwipfelt sieht man wie unsauber hier gearbeitet wurde. schade, dass die meisten amateure lieber stunde um stunde am computer die rohdaten vergewaltigen, statt die geduld aufzubrigen auf gutes licht zu warten. DAS unterscheidet einen profi von einem amateur.
BettyB. 30.09.2013
4. Seltsam...
ich das Im-Kreis_Fahren anzuschauen, ist ja schon seltsam, für Bilder von leeren Pisten Geld auszugeben, das ist aber wohl wirklich irre...
pearlfisher 30.09.2013
5. Ganz richtig.
Fettes HDR, und dann laienhaft umgesetzt, ist nicht gerade ein Aushängeschild für ernstzunehmende Fotografen. Kann aber sein, dass gerade das (neben der Perspektive) den Reiz der Aufnahmen ausmacht. Ich frag mich allerdings was anderes. Und zwar, ob ein Buch, für Kunstfotografie an sich das Nonplusultra, (besonders wenn man Mittelfalze liebt), wirklich das adäquate Medium für ein Fahr-Erlebnis ist. Sicher, mit einem opulenten, schweren Bildband hat man was in der Hand, er macht sich auch als Geschenk besser als eine schnöde Datei. Doch als interaktive Slideshow mit Sprecher, Akte-X-mäßigen Soundtrack und entfernten Motoren wäre bei Millionen Fans die Gänsehaut da. Gut produziert muss sowas nicht ins Banale (Galileo-Bombast) abgleiten.
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