Neuer Carsharing-Dienst Ferngesteuert durch die City

Das Unternehmen Vay will 2022 ferngesteuerte Autos auf Hamburgs Straßen bringen. Sie kommen fahrerlos zum Kunden, der dann selbst zum Ziel navigiert. Was das soll – und wie das funktioniert.
Aus Hamburg berichtet Martin Wittler
Ein sogenannter Telefahrer steuert ein Auto aus der Ferne

Ein sogenannter Telefahrer steuert ein Auto aus der Ferne

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Markus Scholz / dpa

Hamburgs Senator für Verkehr und Mobilitätswende, Anjes Tjarks (Grüne), hat am Sonntagvormittag eine Partnerschaft der Hansestadt mit dem Carsharing-Dienst Vay verkündet, einem Tech-Start-up aus Berlin. Tjarks selbst fuhr dabei gemeinsam mit Firmenchef Thomas von der Ohe in einem der neuen Fahrzeuge in der Hamburger HafenCity vor. Das Besondere: Der Wagen fuhr wie von Geisterhand.

Gesteuert wurde das Auto nämlich von einem sogenannten Telefahrer. Von einer Person, die nicht im Fahrzeug, sondern vor einem riesigen Bildschirm im Büro sitzt. Sie soll die Autos der Firma schon nächstes Jahr aus der Ferne zu Kunden steuern, die via App ein Carsharing-Fahrzeug angefordert haben. Die Anzahl der Fahrzeuge auf den Hamburger Straßen soll sich so reduzieren. Eine Übergangslösung zum autonomen Fahren?

Ein Fahrzeug fährt ferngesteuert im Straßenverkehr

Ein Fahrzeug fährt ferngesteuert im Straßenverkehr

Foto: Markus Scholz / dpa

Sharing-Angebote, also die Möglichkeit, dass sich mehrere Menschen ein Fahrzeug teilen, gibt es bereits viele – auch in Hamburg. Das Angebot von Vay jedoch ist anders, es handelt sich um eine Mischform aus Taxi und Carsharing. Kunden können genau wie bei einem Taxianbieter via App ein Fahrzeug buchen – in diesem Fall ein elektrisches Kia-Niro-Modell. Dieses kommt dann innerhalb weniger Minuten vorgefahren. Der Kunde steigt ein, übernimmt das Steuer und fährt selbst zum Ziel seiner Wahl, genau wie bei Carsharing-Modellen. Neu ist jedoch, was zwischen diesen beiden Vorgängen und auch danach passiert.

Denn dann steuern die sogenannten Telefahrer, spezielle ausgebildete Fahrer, die Autos aus der Ferne zum nächsten Kunden oder suchen einen Parkplatz. Bei dem Angebot handelt sich also nicht um ein Autonomes-Auto-Projekt, weiterhin steuert ein Mensch das Fahrzeug. Dieser sitzt jedoch nicht mehr im Auto, sondern im gerade eröffneten Vay-Büro in der Hamburger HafenCity. Dieses neuartige Prinzip soll gleich mehrere Probleme lösen – von Städten wie Hamburg, aber auch von Sharing-Modellen.

Die Zulassung steht noch aus

Ein großer Kritikpunkt an diversen Sharing- und Pooling-Modellen ist bislang: Sie stellen die Städte eher mit noch mehr Autos voll als dass sie die Anzahl der Fahrzeuge verringern. Die Zahl der Autos auf den Straßen nimmt auch in Hamburg seit Jahren zu. 799.434 Pkw waren es zu Beginn des Jahres. Dieses Problem zu lösen treibt derzeit einige Unternehmen um. Der Auto-Abo-Anbieter Vive La Car etwa brachte zuletzt ein Modell hervor, bei dem sich mehrere Haushalte ein Auto im Abo teilen können. Nun also das Angebot von Vay: Telefahrer fahren leere Autos vom einen zum nächsten Kunden, um die Anzahl der benötigten Fahrzeuge in der Stadt zu reduzieren.

Hamburgs Verkehrssenator Anjes Tjarks ist sich sicher, dass der neue Service gleich mehrfach auf die von ihm angestrebte Verkehrswende in der Hansestadt einzahlen kann. »Wir haben bereits viele Carsharing-Angebote, die jedoch bislang alle in der Innenstadt verortet sind. Das ändert sich nun«, sagt Tjarks dem SPIEGEL. Das Angebot startet im nächsten Jahr mit wenigen Fahrzeugen in Bergedorf, einem Randbezirk Hamburgs. Weitere Bezirke am Rande der Stadt sollen folgen. Die Fahrzeugflotte soll sich dann stückweise erhöhen. »Die Mobilitätswende wird in der Innenstadt gewollt, aber in den äußeren Bezirken gewonnen«, sagt Tjarks.

Zwei Jahre lang testete Vay seine Fahrzeuge in Berlin, dem Gründungsort des Start-ups. Die drei Gründer sammelten in der Vergangenheit Ingenieurs- und Entwicklungserfahrungen in den USA. CEO von der Ohe launchte etwa einst den Amazon-Dienst Echo. Nun wollen sie gemeinsam die Mobilität in Deutschland voranbringen. 70 Menschen entwickelten die neue Soft- und Hardware-Lösung. Bei den Tests in Berlin saß noch ein Mann an Bord, der im Notfall in die Steuerung eingreifen könnte. Bei der Präsentation am Wochenende war das ebenfalls noch notwendig, denn: Die Zulassung für den neuen Dienst steht noch aus. Beim Start des Projekts im ersten Quartal 2022 soll das allerdings erledigt sein. Das Fahrzeug soll also tatsächlich allein beim Kunden vorfahren.

Und zwar so: Diverse am Auto platzierte Kameras erzeugen ein 360-Grad-Bild des Straßenverkehrs. Das wird über das Mobilfunknetz ins Büro des Unternehmens gesendet und dort auf einem riesigen Bildschirm angezeigt. Der Telefahrer sitzt davor in einer Art Simulator: Lenkrad, Schalthebel und Pedale vor sich. Über Antennen auf den Autos steuert er dann das Fahrzeug aus der Ferne. Um Störungen zu verhindern, greift das Unternehmen auf Netzwerke verschiedener Anbieter gleichzeitig zurück. Zudem wurde eine Netzwerkkarte erstellt: Die Routen der ferngesteuerten Fahrzeuge sollen so nur durch Gebiete gehen, in denen kein Funkloch zu erwarten ist. Kommt es doch zur Störung, sind alle Fahrzeuge mit einer Nothaltfunktion ausgestattet, die die Autos am rechten Fahrbahnrand zum Stillstand bringt.

Telefahrer bei der Arbeit im Büro

Telefahrer bei der Arbeit im Büro

Foto: Markus Scholz / dpa

Günstiger als autonomes Fahren

Diese Variante soll das Kostenproblem diverser Sharing-Modelle lösen. Shuttle-Dienste wie etwa das Ride-Pooling-Angebot Moia, bei dem mehrere Menschen sich via App eine gemeinsame Tour buchen, rechnen sich erst, wenn kein Fahrer mehr an Bord jedes Fahrzeugs sitzt. Der zu entlohnende Fahrer ist der kostentreibende Faktor derartiger Modelle. Fällt er weg, sparen die Unternehmen Geld, und auch der Kunde vor Ort muss weniger zahlen. Eine vermeintliche Win-Win-Situation, weshalb viele Anbieter künftig autonom fahren wollen. Das Problem: Die Technik dafür ist ebenso teuer.

Gerade Lidar-Sensoren, die dafür benötigt werden, kosten noch immer viel Geld. Das Vay-System, das nur auf Kameras setzt, wiederum kostet nur »ein paar tausend Euro pro Auto«, wie von der Ohe sagt. Zudem, das zeigen viele Beispiele aus der Vergangenheit, sind autonome Fahrsysteme noch fehlerhaft. In der Vergangenheit kam es zu einigen Pannen. »Solange Algorithmen nicht perfekt sind, braucht es den Menschen, der die Entscheidungen trifft«, sagt Chefingenieur Daniel Buchmueller bei der Vorstellung des Projekts.

Empfangsantennen auf dem Dach eines Fahrzeugs

Empfangsantennen auf dem Dach eines Fahrzeugs

Foto: Markus Scholz / dpa

Vay hat nun zwar noch Fahrer, die bezahlt werden müssen. Jedoch können Telefahrer dank des neuen Modells abwechselnd verschiedene Fahrzeuge zu Kunden fahren – je nachdem, wo gerade ein Fahrzeug benötigt wird. »Das ist ein großer Vorteil. Das Verhältnis von Fahrer zu Auto ist eben nicht annähernd eins zu eins«, sagt Thomas von der Ohe. Die Telefahrer können die Autos aus einer Entfernung von bis zu hundert Kilometern steuern. »Die Autos in Hamburg werden aber nur von Telefahrern, die auch in Hamburg sitzen, gesteuert«, sagt Ingenieur Buchmueller. Künftig soll der Service ins ÖPNV-Angebot der Stadt Hamburg integriert werden. Weitere Städte sollen folgen.

Dass die Präsentation des neuen Carsharing-Dienstes am heutigen Sonntag erfolgte, ist kein Zufall: Morgen startet in Hamburg der ITS-Weltkongress. Dort präsentieren 400 Aussteller aus aller Welt die neuesten Entwicklungen rund um intelligente Mobilität, vernetzten Verkehr und smarte Logistik. Hamburg will auch die neue Partnerschaft nutzen, um sich als innovative Modellstadt darzustellen. Und Vay? Schließt zumindest nicht aus, in Zukunft – allerdings in weiter Zukunft – auch noch aufs autonome Fahren umzusatteln.

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