VW Ecoracer Als die Zukunft noch offen war

Ein Diesel-Sportwagen im Winzformat: Die Automobilgeschichte ist voll von irren Studien, die erst begeisterten und dann verschwanden. SPIEGEL ONLINE zeigt die gewagtesten Visionen. Dieses Mal: der VW Ecoracer.

VW

Unter den großen Automessen gilt die Tokyo-Motor-Show als jene mit den schrillsten Studien. Das liegt vor allem an den japanischen Herstellern, die bei ihrem Heimspiel sozusagen die kreative Kupplung kommen lassen und Vehikel vorführen, die aussehen, als seien sie Manga-Comics entsprungen. Vor elf Jahren ließ sich VW von der Experimentierlust anstecken und zeigte auf der Tokyo-Motor-Show im Herbst 2005 das Konzeptauto Ecoracer.

Sieht man den kompakten, dottergelb lackierten Zweisitzer zum ersten Mal, denkt man: Ah, eine Sportwagenspielerei von Daihatsu. Oder: Da schau her, ein neuer Flitzer von Honda. Auf die Idee, dass es sich bei dem freundlich aus vier Scheinwerferaugen glotzenden Auto um einen VW handelt, kommt man nicht. Zumal das Logo der Wolfsburger damals noch eher die Größe eines Fünf-Mark-Stücks hatte, und nicht wie heute die eines Bierdeckels.

In einer Zeit vor dem Abgasskandal

Gestaltet wurde das Auto maßgeblich von César Muntada Roura, der mittlerweile für das Lichtdesign von Audi verantwortlich ist. Damals jedoch formte er die gerundete Karosserie aus Kohlefaser-Verbundstoff. Sie umhüllt das eigentlich Revolutionäre der Studie: Einen 1,5-Liter-Vierzylinder-Turbodieselmotor, der mit einer Commonrail-Direkteinspritzung ausgerüstet war.

Bis dahin hatte VW seine Dieselaggregate mit Pumpe-Düse-Einspritzung ausgerüstet - ein technisch aufwendigeres, komplexeres, vor allem aber teureres Verfahren.

Der Wagen als Coupé
VW

Der Wagen als Coupé

Der Ecoracer war der Anfang vom Ende dieser Technologie, denn ab 2007 fertigte VW im großen Stil Selbstzünder mit Commonrail-Einspritztechnik. Der Dieselmotor im Sportwägelchen hatte den angenehmen Nebeneffekt, dass der Wagen - der Name deutet schon darauf hin - als Öko-Aktivist gefeiert wurde. Die Wolfsburger gaben einen Durchschnittsverbrauch von 3,4 Liter je 100 Kilometer an - kein schlechter Wert für ein Auto mit 136 PS Leistung, 250 Nm maximalem Drehmoment und einer Höchstgeschwindigkeit von 230 km/h.

Möglich wurde der vergleichsweise geringe Verbrauch durch ein damals ebenfalls neues Sechsgang-Doppelkupplungsgetriebe sowie durch das geringe Gewicht von 850 Kilogramm. Zu Letzterem trägt vor allem die schon erwähnte Karosserie aus Kohlefaser bei.

Der gelbe Flitzer parkt im Museum

Als Extra-Gag lässt sich die eigelbfarbene Karbon-Verkleidung auch noch Dekonstruieren: Dach und Heckaufsatz sind abnehmbar, zudem kann die Windschutzscheibe abgenommen und durch ein flaches Windschild ersetzt werden. VW warb damals, der Wagen sei "Coupé, Roadster und Speedster in einem".

Vor allem aber wurde der Diesel im VW Ecoracer noch als Zukunftstechnologie gehandelt. Doch spätestens seit Bekanntwerden des Abgasbetrugs von Volkswagen ist klar, dass er den Konzern die Zukunft kosten könnte.

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Schönes Ding: Die skurrilsten Auto-Designstudien

Das Unikat von 2005 steht längst im Automuseum in Wolfsburg. Bis auf die Commonrail-Einspritztechnik hielt keine der Ideen der Studie Einzug in die Volkswagen-Serienfertigung.

Auch einen kleinen, kompakten Sportwagen gibt es bei VW noch immer nicht. Moniert man das bei den Verantwortlichen, verweisen die auf den Scirocco. Der wiegt allerdings 500 Kilogramm mehr und kostet mindestens 23.375 Euro. "Ecoracing" stellt man sich anders vor.



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krypton8310 05.08.2016
1.
"Moniert man das bei den Verantwortlichen, verweisen die auf den Scirocco. Der wiegt allerdings 500 Kilogramm mehr und kostet mindestens 23.375 Euro. "Ecoracing" stellt man sich anders vor." Ach. Was hätte denn der Ecoracer mit den vielen Karbonteilen gekostet? Mit Sicherheit nicht weniger.
f_eu 05.08.2016
2.
"" einen kleinen, kompakten Sportwagen gibt es bei VW noch immer nicht. Moniert man das bei den Verantwortlichen, verweisen die auf den Scirocco. Der wiegt allerdings 500 Kilogramm mehr und kostet mindestens 23.375 Euro."" __ und steht wie Blei bei den Händlern.
scxy 05.08.2016
3. Dsg
...haben mittlerweile ebenfalls Eingang in die Serienfertigung bekommen. Also ist nicht nur die Einspritztechnik, sondern auch die damals neue Getriebetechnik übernommen worden. Das widerspricht sich der Autor.
mikaiser 05.08.2016
4. Tja, eine schöne Studie
Habe mich oft gefragt, weshalb niemand sehr kleine, widerstandsarme Karosserien mit üblichen Dieselmotoren verbindet. Andererseits: Hätte ich das Ding gekauft? Nein, denn ich brauche kein Auto, das ich nur zum Spaß fahre. Dafür nutze ich lieber mein Fahrrad. Ich brauche ein sparsames Auto, welches ich in Konkurrenz zum Dienstwagen für Langstrecken nutzen kann. Entwickelt doch mal einen komfortablen, leisen, sichern und super-sparsamen Business-Einsitzer! Mit Platz für übliches Gepäck. Nur so als Denkanstoß: Einen VW Up! mit EINEM fetten Ledersessel hinter dem mittigen Lenkrad, 150 Diesel-PS und alles an Schalldämmung und Komfort, was nur geht. Endlich weg von den 4,80m-Dinosaurieren und dennoch kommod (dienst)reisen! Das wäre mein Wunschauto.
torsten_raab 05.08.2016
5. Vergebene Chancen
Vermutlich fiel das Autochen bei den Piechs durch, weil man keine Stückzahlen sah und keinen wirklichen Platz im Markenwirrwarr - für Lambo und Porsche viel zu klein (den Diesel hätte man dafür durch einen kleinen 1,4er-Turbo ersetzen können). Für die Volumenmarken zu wenig Volumen. Und statt dessen verkauft Mazda seine Kiste einfach weiter ;-)
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