Volvo 144, Baujahr 1969 Graues Schlachtschiff mit roten Sitzen

Die Feuerwehr musste den Motor seines ersten Volvo 144 löschen - trotzdem war SPIEGEL-ONLINE-Leser Joachim Siedel von dem Modell begeistert. Er kaufte sich ein zweites Auto der Baureihe. Sein neuer Klassiker, Baujahr 1969, entpuppte sich als robustes, sicheres und bequemes Alltagsfahrzeug.
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Volvo 144 Baujahr 1969: Unverwüstlich und komfortabel

Foto: Joachim Siedel

Nahezu jeder Autobesitzer fühlt sich mit seinem Fahrzeug auf besondere Weise verbunden. Bei SPIEGEL ONLINE stellen Leser ihr persönliches Lieblingsmodell und ihre persönlichen Erlebnisse mit dem Gefährt vor. Diesmal berichtet Joachim Siedel über das Leben mit seinem Volvo 144, Baujahr 1969, 82 PS .

Wenn ich von der Arbeit heimkehre, werfe ich stets den letzten Blick auf meinen Volvo, bevor ich ins Haus gehe. Nur um sicher zu gehen, dass ich das Licht ausgeschaltet habe; es gibt dafür keinen Warn-Ton. Oft ertappe ich mich dabei, wie zeitlos schön ich dieses Gefährt im Vergleich mit vielen zeitgenössischen Autos finde. Als ich das Fahrzeug vor zwei Jahren mit 165.000 Kilometern auf dem Tacho für 3500 Euro kaufte, musste ich war mich nur eines gewöhnen: die Lackierung in der Volvo-Farbe Nr. 96, auch schlachtschiffgrau genannt.

Auf meine Frage an einen Volvo-Club im Internet, welche Kosten ich für eine Umlackierung einplanen müsse, sollte ich Bilder des Wagens schicken. Dann die Antwort: "Bist du verrückt, diese seltene Farbe, die so gut mit dem Interieur harmoniert, abzuändern? Ganz abgesehen vom Aufwand für eine komplette Neulackierung außen und innen?"

Das überzeugte mich, und ich widmete mich intensiver der Restaurierung der verschlissenen roten Sitz-Polsterung. Die Erneuerung von Teilen wie Vergaser, Bremsen, Kupplung und Kardanwellen-Lager hat mich rund 8000 Euro gekostet. Eine lohnende Investition, denn da Fahrzeug hat mich noch nie im Stich gelassen.

Schon 1969 war der Wagen seiner Zeit voraus. Im großen Innenraum und auf den phänomenal komfortablen Vordersitzen fühlen sich die Insassen unglaublich behaglich und wegen der fast unendlichen Knautschzonen auch in jeder Situation sicher. Bei den komplett umklappbaren Vordersitzen, dem kleinen Wendekreis von knapp 10 Meter, dem unfassbar großen Kofferraum und der hervorragenden Wintertauglichkeit trotz Heckantrieb - da können weder Mercedes Benz noch BMW mithalten.

Seit der Jugend infiziert vom Volvo-Virus

Angeschafft wurde der Volvo als Zweitwagen, als ich mich entschieden hatte, für meine letzten Berufsjahre vom bisherigen Arbeitsort in Oberbayern zu einem Firmen-Ableger in die Schweiz zu wechseln. Meine Frau war an den gemeinsam genutzten BMW 320d gewöhnt und wollte ihn behalten.

Ich war schon seit meiner Jugend Volvo-infiziert. Nach etlichen Opel-Jahren von 1952 bis 1968 (Olympia, Rekord sowie einem Kadett B Coupé für meine Schwester und mich) wollte mein Vater, zwischenzeitlich zu gewissem Wohlstand gelangt, sich von den in unserer Umgebung ansässigen Vorstandsmitgliedern der Farbwerke Hoechst AG abheben, die in der Regel einen Mercedes besaßen.

So stand im Frühjahr 1968 ein funkelnagelneuer Volvo 144 B18A, in weiß und mit rotem Interieur ausgestattet, auf der Einfahrt unseres Hauses. Wir waren auf den geradezu exotischen Volvo sehr stolz. Er hob sich wohltuend und ästhetisch von dem Mercedes-Einheitsbrei aus der Nachbarschaft ab.

Sommer-Rallye durch Italien

Meine Schwester und ich teilten uns den Volvo 144. Im Sommer 1969 unternahm ich mit dem Auto eine unvergessene Nach-Abitur-Klassen-Fahrt nach Italien. Zunächst ging es von Frankfurt aus mit zwei Klassenkameraden nachts bis nach Luzern. Danach überquerten wir den alten Gotthard-Pass und kamen bis nach Varese, wo wir uns abends etliche Gläser Rotwein genehmigten. Tags darauf fuhren wir bis Mailand weiter, wo wir auf fast alle der restlichen männlichen und weiblichen "Rallye"-Mitglieder stießen, die in den folgenden Wochen, mit Unterbrechungen öfter im Freien übernachteten, während wir Privilegierte im Volvo-Doppelbett schliefen. Dank des kleinen Wendekreises bin ich in den engen Gässchen vieler italienischer Dörfern auf Anhieb um Kurven gekommen, in denen ein VW Käfer mindestens einmal hätte zurücksetzen müssen.

1978 wurde unser damaliger Volvo 144 Opfer eines Vergaserbrandes, wohl ein vergessener gezogener Choke. Die bravouröse Löschaktion der Feuerwehr setzte den heißen Motor mit kaltem Wasser und lautem Knacks in den ewigen Stillstand. Umso mehr hänge ich jetzt an dem schlachtschiffgrauen Volvo, den ich vielleicht auch einmal an meine beiden Söhne übergeben kann. Mein jüngerer Sohn fragt jedenfalls jetzt schon immer danach, ob er ihn fahren darf.

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