Günstige Oldtimer – Volvo 850 Schneller Schwede

Wenig Geld, aber trotzdem Lust auf einen Oldtimer? Kein Problem – es gibt sie nämlich, die Schnäppchenschlitten. Diesmal: der Volvo 850, der trotz Frontantrieb noch als letzter echter Volvo durchgeht.
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Volvo

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Günstige Oldtimer

Sie haben richtig Lust auf einen Oldtimer, trauen sich aber nicht, einen zu kaufen, weil Altautos in vielen Medien nur noch als Wertanlage thematisiert werden? Keine Angst, man muss nicht erfolgreich an der Börse spekuliert haben, um schönes Blech zu fahren.

Klar, für Großvaters abgelegte Karren von Mercedes oder BMW sind inzwischen stolze Summen fällig, und für die meisten alten Porsches werden heute Mondpreise gezahlt. Aber zwischen all den teuren Strahlemännern, die in der Regel kaum noch bewegt werden, gibt es sie noch: die Mauerblümchen, die Exoten, die kaum jemand auf dem Schirm hat – und die entsprechend wenig kosten. Und das nicht nur in der Anschaffung, sondern auch im Unterhalt. Autos, bei denen die Ersatzteilversorgung kein Problem ist und für einen Auspuff nicht ein ganzes Monatsgehalt einkalkuliert werden muss.

Wir haben sie zusammengetragen und stellen sie in einer Serie in regelmäßigen Abständen vor.

Allgemeines zum Modell

Wegen seiner eckigen Formen gilt der 850 für viele als letzter echter Volvo. Dabei brach das 1991 eingeführte Modell der oberen Mittelklasse gleich mehrfach mit der Tradition. Bei den Schweden war bislang Hinterradantrieb Standard, mit dem 850 rollte erstmals ein großer Volvo mit Frontantrieb vom Band. Zudem waren seine Ausmaße im Vergleich zur geräumigen 200er- oder 700er-Reihe kompakt. Dafür explodierte die Power unter der Motorhaube: Statt der bewährten Vierzylinder bekam der 850 neu konstruierte, quer eingebaute Fünfzylinder eingepflanzt.

Schon das Basisaggregat mit 2,5 Liter Hubraum bot 140 PS, der 2,5 20V sogar 170 PS. 1993 schob Volvo für damalige Zeiten brachiale Turboversionen nach. Der T-5 leistete 226 PS, T-5R und R mit Overboost dann sogar 241 und 250 PS. Es ist eine Zeit, als BMW- und Mercedes-Fahrer zu staunen beginnen, wenn sie plötzlich von derartigen Renn-Volvos überholt werden.

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Volvo 850: Schneller Schwede

Foto: Volvo

»Mangelnde Leistung war beim 850 nie ein Problem. Der Frontantrieb dagegen schon«, sagt Dieter Hengstwerth vom Volvo Club Deutschland. Im Anhängerbetrieb – etwa beim Zuwasserlassen eines Bootes – kam der 850 schnell an seine Grenzen. Bald reichte Volvo daher eine Allradversion nach. Die Stufenhecklimousine spielte in Deutschland eine Nebenrolle. Der ab 1993 verkaufte Kombi war wesentlich beliebter, zumal er keine Mark Aufpreis kostete.

Premiere feierte beim 850 der Seitenaufprallschutz SIPS (Integrated Side-Impact Protection System). Dazu kamen eine automatische Höheneinstellung der vorderen Sicherheitsgurte und die aufwendige Verbundlenker-Hinterachse (Deltalink) für besseren Fahrkomfort. Auch bei der Ausstattung ließ sich Volvo nicht lumpen. Schon Basismodelle hatten serienmäßig Antischlupfregelung, elektrische Fensterheber, Sitzheizung vorne sowie ab 1995 Seitenairbags. Gegen Aufpreis ließ sich der 850 opulent aufrüsten, etwa mit Leder-Veloursitzen, Tempomat, Klimaanlage oder Wurzelholzdekor.

Nach knapp 717.000 gebauten Exemplaren war 1996 Produktionsende für den Volvo 850. Die Nachfolger S70 und V70 wurden zunächst aber noch auf der bewährten 850-Plattform gebaut. Im C70 Coupé und Cabriolet lebte sie bis 2005 weiter, bevor der neue Eigentümer Ford sie endgültig einstampfte.

Warum ausgerechnet der?

Weniger Nutzwert, dafür schick und schnell: Der 850 war Volvos erster Lifestylekombi. »Aus Sicht von Puristen hätte die Kiste trotzdem nie gebaut werden dürfen«, sagt Dieter Hengstwerth. Denn Volvo hieß eben über Jahrzehnte ein vielleicht behäbiger, aber riesenhafter Kombi mit Hinterradantrieb. Die Folge: Der hippe, aber frontangetriebene, recht kleine 850 wurde in der »Szene« allenfalls geduldet, aber nicht wirklich geschätzt. »Da dreht sich auf Alt-Volvo-Treffen eben keiner nach um«, sagt Dieter Hengstwerth. Es sei denn, man rollt mit einem T5 oder T5R an, gerade die gelben T5R sind Hingucker.

Wer mit den Kompromissen leben kann, für den kann der 850 eine gute Wahl sein. Fahreigenschaften und Motorleistung sind für ein Neunzigerjahre-Auto prima bis herausragend.

Vor allem aber Technik und Blechqualität sind noch grundsolide, Laufleistungen von 300.000 Kilometern und mehr keine Besonderheit. Dazu ist der Wagen nicht überelektronisiert und gut reparabel, sofern nicht gerade die Kupplungsrevision ansteht. »Also kein Vergleich zu dem riesigen elektronischen Mischmasch moderner Autos, den keiner mehr braucht«, meint Dieter Hengstwerth.

Für Volvo-Klassiker-Liebhaber endet die gute alte Zeit 1999, als die Traditionsmarke von Ford übernommen wurde. »Frühe Volvo V70 kann man noch kaufen, aber alles, was danach kam, war nicht mehr als ein überteuerter Ford Mondeo«, meint Hengstwerth. Heute gehört die Marke Volvo dem chinesischen Fahrzeugkonzern Geely.

Verfügbarkeit

Das Angebot auf den Gebrauchtwagenportalen ist groß und reicht von brauchbar bis Mist. Wegen der teuren Kupplungsreparatur werden Volvo 850 gern bei etwa 200.000 Kilometer Laufleistung abgestoßen. Kombis überwiegen auf dem Markt, meist mit Schaltgetriebe. Gute R- und TR-Modelle sind meist in Liebhaberhand.

Ersatzteilversorgung

Der Anbieter Skandix hat noch viele Ersatzteile im Programm und beliefert auch Werkstätten. Dort ist man mit einem 850 heute oft überfordert, wenn die passenden Stecker zum Auslesen der OBD1-On-Board-Diagnose fehlen. Gängige Verschleißteile sind problemlos erhältlich, auch Kotflügel oder Heckklappen gibt es noch neu. Zudem passen viele Komponenten vom ersten Volvo V70.

Ersatzteilpreise (beispielhaft):

  • Kotflügel original: ca. 440 Euro

  • Kraftstoffpumpe: ca. 70 Euro

  • Satz Bremsscheiben vorne: ab ca. 100 Euro

  • Schalldämpfer Auspuff: ab ca. 130 Euro

Schwachstellen:

Rostprobleme sind wegen des guten Korrosionsschutzes selten. Dafür haben fast alle 850, die verkauft werden, Wartungsstau. Größte Baustelle ist eine malade Kupplung beim Schaltgetriebe: Sie bedeutet drei Tage Werkstatt und rund 1500 Euro Kosten. Wer diesem Ärger aus dem Weg gehen möchte, wählt einen 850 mit der robusten Automatik. Im Alter anfällig ist auch die Vorderachse, wo Gelenke, Lager und Buchsen verschleißen. Ein weiterer Schwachpunkt ist das ABS-Steuergerät (kalte Lötstellen). Die Werkstatt wechselt dann Radsensoren, um zu prüfen, ob es an ihnen liegt.

Die Fünfzylinder sind langlebig, sofern der Zahnriemen regelmäßig gewechselt wird. Dieser war im ersten Modelljahr nur 22 Millimeter dick und wurde dann auf 24 Millimeter geändert. Zudem ist Billigöl schlecht, man sollte den Volvo-Empfehlungen folgen. Eine typische 850er-Krankheit sind verblassende Rückleuchten, adäquater Ersatz ist teuer. Auch der Lack kann im Alter unschön ausbleichen, gerade bei roten oder gelben 850. Vorsicht ist bei getunten Autos geboten, trotz der satten Leistung ab Werk wurden selbst die Turbomodelle gern noch nachträglich chipgetunt. Dann lieber einen 2,5 Liter ohne Turbo, aber im Originalzustand und mit nachvollziehbarer Wartungsgeschichte.

Preis

Abgerockte Alltagsnudeln mit Rest-TÜV gibt es ab 500 Euro. Ordentliche Exemplare kann man schon für 3500 Euro finden. Die schnellen Turbos gehen bis in den fünfstelligen Bereich, für gute R und T5-R werden inzwischen 20.000 Euro und mehr verlangt.

Anlaufstellen im Internet:

www.volvoclub-deutschland.de 

https://www.skandix.de 

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Foto: Mercedes-Benz
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